Newsticker August: Aktuelles aus der Prozessindustrie Deutsche Chemie wird Krisenprofiteur des Iran-Kriegs

Von Wolfgang Ernhofer 31 min Lesedauer

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Im ständig aktuellen Newsticker fasst die PROCESS-Redaktion das Geschehen in der Branche kompakt zusammen. Ob Chemie-, Pharma-, oder Lebensmittelindustrie, alle verfahrenstechnischen Themen werden – ebenso wie politische und wirtschaftliche Nachrichten zur Prozessindustrie – zusammengefasst.

(Bild:  gemeinfrei /  Pixabay)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

28.08.2026

München (dpa) *10:59 Uhr – Deutsche Chemie wird Krisenprofiteur des Iran-Kriegs

Die Stimmung in der krisengeplagten deutschen Chemieindustrie hat sich schlagartig aufgehellt: Erstmals seit vier Jahren schätzten die Chemieunternehmen ihre aktuelle Geschäftslage im zu Ende gehenden August wieder positiv ein, wie das Münchner Ifo-Institut mitteilte. Der Indikator ist von minus 14,6 Punkten im Juli auf nunmehr plus 11,6 Punkte gestiegen. Ursache sind demnach durch den Iran-Krieg bedingte Ausfälle asiatischer Lieferungen. Der aus aktueller Geschäftslage und den Erwartungen für die kommenden Monate zusammengesetzte Indikator für das Geschäftsklima in der Branche stieg von minus 26,3 auf minus 2,4 Punkte.

Ifo-Wissenschaftlerin Anna Wolf sprach von einer «Sonderkonjunktur». Denn der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus haben die Lieferung von Erdgas und anderen chemischen Grundstoffen nach Asien schwer beeinträchtigt. Folge sind Produktionsrückgänge. Außerdem hatte China Ausfuhrbeschränkungen für Schwefelsäure erlassen, eine für die Düngerherstellung und etliche andere Produkte benötigte Chemikalie. Und da die mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen im Jemen nach wie vor die Schifffahrt im Roten Meer und damit den Zugang zum Suezkanal bedrohen, nehmen viele Schiffe aus Asien den weiten Umweg um die Südspitze Afrikas, mit entsprechend höheren Kosten und längeren Lieferzeiten.

Da kein Ende des Kriegs in Sicht ist, rechnen die deutschen Chemieunternehmen laut Ifo mit einer Fortsetzung der Sonderkonjunktur. Das bedeutet demnach jedoch nicht, dass die grundlegenden Strukturprobleme in Deutschland gelöst wären. Der Umfrage zufolge ist daher weiterer Stellenabbau in der Chemiebranche zu erwarten.

Wittenberg (dpa/sa) *15:18 Uhr – SKW Piesteritz investiert 100 Millionen in Ammoniakanlage

Nachdem Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) eine weitere Millioneninvestition bei SKW Piesteritz öffentlich gemacht hat, bestätigt das Unternehmen nun die Pläne. Rund 100 Millionen Euro sollen in die Modernisierung einer der beiden Ammoniakanlagen fließen, wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage mitteilte.

Durch die als «Revamp» bezeichnete Modernisierung soll die Anlage effizienter werden. Dadurch sollen der Gasverbrauch und damit auch der CO2-Ausstoß sinken. Der für das Vorhaben gestellte Fördermittelantrag sei am Mittwoch genehmigt worden. Wie hoch die Förderung ausfällt und wann die Modernisierung abgeschlossen sein soll, blieb zunächst offen. Schulze hatte die Investition in der MDR-Wahlarena angekündigt.

Am Standort Piesteritz summieren sich die angekündigten Investitionen damit auf 220 Millionen Euro. Davon entfallen insgesamt 150 Millionen Euro auf SKW: 50 Millionen Euro aus einem bereits früher angekündigten Investitionspaket und die nun bestätigten weiteren 100 Millionen Euro. Weitere 70 Millionen Euro gehen an die Großbäckerei Lieken. SKW und Lieken gehören zum tschechischen Agrofert-Konzern, der unter anderem in der Chemie, Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion tätig ist.

SKW Piesteritz gehört zu den größten Ammoniak- und Harnstoffproduzenten Deutschlands und beschäftigt rund 980 Menschen. Wegen der hohen Energiepreise steht das Unternehmen seit Jahren unter wirtschaftlichem Druck.

27.08.2026

Mainz (dpa) *12:59 Uhr – Klarheit über Biontech-Standorte bis Ende September

Biontech will bis Ende September über die Zukunft der von der Schließung bedrohten Produktionsstandorte in Deutschland und Singapur entscheiden. Dabei gehe es um das Ausloten möglicher Veräußerungsoptionen für Idar-Oberstein, Marburg und Singapur sowie die Standorte von Curevac in Deutschland und im Ausland, teilte das Mainzer Unternehmen mit. Insgesamt bis zu 1.860 Stellen könnten von den Maßnahmen betroffen sein. Bei Curevac allein sind nach früheren Angaben rund 820 Jobs bedroht – größtenteils am Hauptsitz in Tübingen.

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Biontech begründet die Einschnitte mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten, Kosteneinsparungen sowie dem Fokus auf der Krebsmedizin. Die Nachfrage nach Corona-Impfstoff, der das Unternehmen während der Pandemie weltbekannt machte, geht mittlerweile massiv zurück. Schwerpunkt ist nun die Entwicklung neuer Produkte vor allem in der Onkologie.

Im Zuge der Umstrukturierung trennen sich die Mainzer auch von der Tochtergesellschaft JPT Peptide Technologies. JPT ist nach Angaben des Unternehmens ein führender internationaler Anbieter peptidbasierter Dienstleistungen für die Forschung und Entwicklung. Die Dubag Group mit Sitz in München werden die gesamte Belegschaft mit rund 130 Stellen übernehmen, teilte Biontech mit.

Spätestens zum Februar kommenden Jahres wird Guido Oelkers den Job des Vorstandsvorsitzenden antreten. Wegen der weltweit geringeren Nachfrage nach Covid-19-Impfstoff haben die Mainzer im ersten Halbjahr 2026 einen Verlust von 1,35 Milliarden Euro verbucht.

München (ots) *10:14 Uhr – Kommunale Wasserversorger: «Wir müssen jetzt in die Infrastruktur investieren»

Umfrage unter Wasserversorgern im Thüga-Netzwerk: 86 Prozent sehen hohen oder sehr hohen Investitionsbedarf. 76 Prozent halten die heutigen Wasserpreise dafür nicht für ausreichend.

Deutschlands Trinkwasserversorgung ist sicher – noch. Doch zunehmende Trockenperioden, sinkende Grundwasserstände und veränderte Niederschlagsmuster stellen Wasserversorger vor neue Herausforderungen. Um die Versorgung auch unter den Bedingungen des Klimawandels zuverlässig gewährleisten zu können, müssen diese erhebliche Summen in Wassergewinnung, Speicher, Netze und weitere Infrastruktur investieren.

Eine aktuelle Umfrage unter den wasserversorgenden Stadtwerken in der Thüga-Gruppe, Deutschlands größtes Netzwerk kommunaler Energie- und Wasserversorger, zeigt dabei eine deutliche Lücke zwischen dem notwendigen Investitionsbedarf und den bestehenden Finanzierungsmöglichkeiten: 86 Prozent der befragten Unternehmen schätzen ihren Investitionsbedarf für eine zukunftssichere Wasserversorgung als hoch oder sehr hoch ein. Gleichzeitig sagen 76 Prozent, dass sich die erforderlichen Investitionen aus den heutigen Wasserpreisen nicht finanzieren lassen.

Die Klimaanpassung geht über technische Lösungen hinaus. Die Frage ist vielmehr: Wie lässt sich eine sichere Wasserversorgung dauerhaft finanzieren? «Versorgungssicherheit ist nicht zum Nulltarif zu haben», fasst ein Teilnehmer der Umfrage die Herausforderung zusammen. Die Wasserversorger sehen dabei nicht nur steigende Anforderungen durch den Klimawandel, sondern auch wachsende Kosten für Erhalt, Modernisierung und Ausbau der Infrastruktur.

Aus Sicht der Stadtwerke braucht es deshalb eine stärkere gesellschaftliche Debatte über den Wert von Trinkwasser. Die Bevölkerung müsse nachvollziehen können, dass eine sichere Wasserversorgung erhebliche und langfristige Investitionen voraussetzt. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um möglichst hohe Wasserpreise, sondern um einen Ausgleich zwischen Versorgungssicherheit, notwendigen Investitionen und Bezahlbarkeit. Ein weiterer Teilnehmer der Umfrage bringt es auf den Punkt: «Wir brauchen eine sichere und nachhaltige Wasserversorgung zu angemessenen und transparenten Preisen.»

Dazu sei auch ein Umdenken nötig: «Trinkwasser ist ein Lebensmittel. Es sollte primär auch nur für diesen Zweck verwendet werden!» Gleichzeitig dürften Kosten für Verschmutzungen und zusätzliche Reinigung nicht durch die Allgemeinheit getragen werden: «Wasserversorgung müssen wir in größeren Strukturen denken und die Kosten für zusätzliche Reinigungsstufen dem Verursacher in Rechnung stellen.»

Auch eine stärkere Zusammenarbeit der Wasserversorger kann helfen, effizient zu arbeiten, Know-how zu bündeln und Investitionen gemeinsam zu stemmen. Sie allein wird die Finanzierungslücke jedoch nicht schließen.

Die Botschaft der Wasserversorger ist deshalb klar: Klimaanpassung bei der Wasserversorgung darf nicht erst dann beginnen, wenn die Folgen des Klimawandels unmittelbar spürbar werden. Wassergewinnungsanlagen, Speicher und Leitungsnetze werden über Jahrzehnte geplant und betrieben.

«Die deutsche Wasserversorgung ist eine der zuverlässigsten der Welt. Das bleibt sie nur, wenn wir jetzt investieren. In Anbetracht des Klimawandels wird nicht die Frage sein, 'ob' wir investieren, sondern ob wir es rechtzeitig tun», sagt Dr. Constantin H. Alsheimer, Vorstandsvorsitzender der Thüga.

Berlin (ots) *10:07 Uhr – Reimann: Geplante Standortklausel für Pharmafirmen wird ihre Ziele verfehlen

Morgen findet die erste Sitzung des Fachgremiums statt, das Vorschläge zu einer Standortklausel für Pharmafirmen diskutieren und bis Ende September einen Entwurf für eine entsprechende gesetzliche Regelung erarbeiten soll. Demnach sollen Firmen, die bestimmte Bedingungen erfüllen, vom zusätzlichen Herstellerabschlag für patentgeschützte Arzneimittel in Höhe von 8,5 Prozent befreit werden. Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, hält die geplante Standortklausel für einen Irrweg:

«Mit dem Plan, bestimmte Pharmaunternehmen für die Produktion im eigenen Land mit Ausnahmen vom Herstellerrabatt zu belohnen, verfolgt die Bundesregierung sicherlich hehre Ziele. Man will die heimische Wirtschaft stärken und die Arzneimittelversorgung krisenresilienter machen.

Die Zielsetzungen teilen wir, aber die geplante Standortklausel hat drei Pferdefüße: Erstens werden die Ausnahmen vom Herstellerrabatt wieder zusätzliche Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung verursachen. Damit wird das gerade erst beschlossene Spargesetz konterkariert. Zweitens sind Wirtschafts- und Standortförderung definitiv keine Aufgaben der GKV. Sie sollten folglich auch nicht mit dem Geld der Beitragszahlenden finanziert werden.

Und drittens ist davon auszugehen, dass eine Standortklausel für den überwiegenden Teil der forschenden pharmazeutischen Unternehmen greifen wird - also auch für solche mit hochdiversifizierten, international vernetzten und damit verwundbaren Lieferketten.

Daher wird die Standortklausel ihre Ziele verfehlen. Am Ende sind für Investitionsentscheidungen von Pharmafirmen ganz andere Faktoren relevant als die Arzneimittelpreise. Wichtiger sind eine schlanke Bürokratie, die gute Verfügbarkeit von Fachkräften, niedrige Steuern und günstige Energiepreise.

Bei diesen Standort-Faktoren sollte die Bundesregierung ansetzen und die Rahmenbedingungen für die Hersteller in Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn verbessern, statt den Beitragszahlenden Mehrbelastungen für ein mehr als fragwürdiges Instrument zur Wirtschaftsförderung aufzubürden.»

26.08.2026

Leuna (dpa/sa) *11:52 Uhr – Leuna setzt auf mehr grünen Strom bei der Chemieproduktion

Am Chemiestandort Leuna soll künftig mehr erneuerbarer Strom anstelle fossiler Brennstoffe für die Produktion genutzt werden. Der Standortbetreiber Infraleuna hat einen neuen Elektrodenkessel mit einer Leistung von 35 Megawatt in Betrieb genommen. Der Kessel nutzt Strom, um Hochdruckdampf zu erzeugen, der von den Unternehmen am Chemiestandort für ihre Produktion benötigt wird. Nach Angaben von Infraleuna kann dabei insbesondere Strom aus erneuerbaren Energien eingesetzt werden. Der Dampf wird mit einem Druck von 45 bar erzeugt.

Mit der Anlage sollen fossile Brennstoffe eingespart werden. Zugleich kann der Elektrodenkessel nach Angaben des Unternehmens dazu beitragen, Schwankungen im Stromnetz auszugleichen: Steht viel erneuerbarer Strom zur Verfügung, kann dieser zur Dampferzeugung genutzt werden. Das Power-to-Heat-Projekt wurde gemeinsam mit dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz umgesetzt. Infraleuna versorgt die Unternehmen am Chemiestandort unter anderem mit Energie, Wasser und weiteren Infrastrukturdienstleistungen.

Moskau (dpa) *11:11 Uhr – Mehrere Tote bei Brand in Chemiewerk in Russland

Bei einem Brand in einem im Bau befindlichen Chemiewerk in der Amur-Region in Russlands Fernem Osten sind nach Behördenangaben mindestens acht Menschen ums Leben gekommen. Acht weitere Mitarbeiter würden vermisst, teilte das Unternehmen AGCHK mit. Insgesamt seien 36 Verletzte in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Das Katastrophenministerium schickte ein Flugzeug mit Ärzteteams, das Schwerverletzte in Spezialkliniken transportieren sollte.

In dem noch nicht fertiggestellten Chemiewerk, das 7.600 Kilometer östlich von Moskau in Zusammenarbeit mit einem chinesischen Unternehmen errichtet wird, war es am Dienstag aus bislang unbekannter Ursache zu einem Feuer gekommen. Der Brand sei mittlerweile unter Kontrolle, eine Gefahr für die Umwelt bestehe nicht, teilten die Behörden mit. Die Anlage steht kurz vor der Fertigstellung und soll zur Herstellung der Kunststoffe Polyethylen und Polypropylen dienen.

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