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Nachhaltigkeit und Chemisches Recycling

Die K im Jahr der Nachhaltigkeit: Haben sie das auch in grün?

| Autor/ Redakteur: Dominik Stephan* / Dominik Stephan

Krisenfest, grün gewaschen oder letztes Aufbäumen? – 2019 sind Kunststoffe auf breiter Front unter Druck: Die Mülldebatte hat den einstigen Wunderstoff zum Buhmann gemacht, wesentliche Kundenbranchen schwächeln und alle wollen auf Plastik verzichten. Alleine die Recycler reiben sich die Hände, scheint es. Welche Impulse können in diesem Umfeld von der Weltmesse der Kunststofftechnik ausgehen?

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(Bild: Bild: ©jonnysek - stock.adobe.com; [M]Frank; Quelle: PEMRG/Conversio)

Mein Freund ist aus Leder – das war einmal: Seit den 80er Jahren sorgen synthetische Bälle für ein dynamischeres und schnelleres Spiel auf dem Fußballplatz, der zuweilen gleich mit Kunstrasen bedeckt ist. Freundschaftliche Gefühle bringt dennoch kaum jemand dem Material entgegen: Plastik steht in der Kritik. Die Bilder vermüllter Strände machen Kunststoff zum Sinnbild der Wegwerfgesellschaft. Schon fordern Verbraucher und Behörden, Einwegmaterialien zu beschränken, wie das Verbot einzelner Kunststoffe in der SUP-Richtlinie (SUP: Strategische Umwelt Prüfung) zeigt.

Da mutet es wie Pfeifen im Walde an, wenn Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer des Verbands Kunststoffverarbeitende Industrie, von „symbolischen Gesten“ spricht, ist doch die Plastikdebatte weder die einzige noch die größte Sorge der Branche.

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Europas Wirtschaft stagniert, die Brexit-Modalitäten sind weiter ungeklärt und die Absatzmärkte schwächeln. Zwar steigerte die kunststoffverarbeitende Industrie 2018 ihren Umsatz um 3 %, doch rechnet niemand mit einer Fortsetzung dieser Entwicklung. Bei den Kunststofferzeugern drehte der Trend in der zweiten Jahreshälfte 2018 ins Minus. Die Folge: Ein Produktionsrückgang von 3,1 % (auf 19,3 Mio. Tonnen), bei einem minimalen Umsatzplus (1,1 % auf 27,4 Mrd. Euro).

Plastikmülldebatte lässt höchstens Recycler jubeln

Für 2019 erwarten nur 35 % der Kunststofffirmen eine negative Entwicklung (postiv: 23 %). Der Konjunkturindex des Branchendienstes Kunststoff-Information fällt mit 82,9 Punkten auf das Niveau des Krisenjahres 2009. Dazu kommen Handelskonflikte, unter denen 73 % der Kunststofffirmen leiden, sowie die Krise der Automobilindustrie.

Lediglich Composites-Hersteller und Recycler sind noch positiv gestimmt. Immerhin fordert die EU mit der „Europäischen Strategie für Kunststoffe in der Kreislaufwirtschaft“, dass zwischen 2025 und 2030 jährlich 10 Millionen Tonnen recycelte Polymere verwendet werden. Entsprechend bemüht sich die Weltmesse der Kunststoffbranche K 2019, Polymere als Partner der Nachhaltigkeit zu präsentieren.

Industrie will mit Chemischem Recycling den Plastik-Kreislauf schließen

2018 überraschte die BASF mit der Nachricht, Pilotprodukte aus chemisch recyceltem Kunststoff gefertigt zu haben. Der Clou des „Chemcycling“ getauften Verfahrens: Anstelle Abfälle einzuschmelzen, nutzen die Ludwigshafener eine Art synthetisches Naphtha, dass durch die Pyrolyse von Plastikabfall gewonnen wird. Die BASF beteiligt sich außerdem am Poly-Styrene-Loop-Projekt zur Wiederverwertung von EPS.

Bei Covestro geht man noch einen Schritt weiter: Das Unternehmen will „zum Pionier auf dem Weg in eine Zukunft ohne fossile Rohstoffe werden“, so der Vorstandsvorsitzende Dr. Markus Steilemann. Ein ehrgeiziges Ziel, werden doch 16 % der weltweiten Ölförderung zur Herstellung von Petrochemieprodukten genutzt. Jetzt soll CO2 helfen, die Wertschöpfungskette zu schließen. So hat Covestro einen PUR-Schaum im Programm, der zum Teil auf dem Klimagas basiert. Zwar ersetzt CO2 lediglich 20 % der erdölbasierten Rohstoffe im Vorprodukt Polyol, doch gibt sich Covestro zuversichtlich, dass das Potenzial deutlich größer ist.

Die K als Nachhaltigkeits-Hotspot: Kann das gutgehen?

Währenddessen wollen die Saudis beim chemischen Recycling Nägel mit Köpfen machen: 2018 unterzeichneten Sabic und Plastic Energy eine Absichtserklärung über den Bau einer Anlage in Rotterdam, in der aus Mischkunststoffabfällen ein von Plastic Energy patentierter Rohstoff namens Tacoil hergestellt werden soll.

An der Nachhaltigkeitsfrage kommt 2019 niemand vorbei: Ging es auf der K bisher primär um Hightechpolymere und Rohstoffe, will sich das Kunststoff-Mekka zum Kreislaufwirtschafts-Hotspot mausern. Doch der Weg ist weit: „Das Haupthindernis sind die unterschiedlichen Akteursgruppen“, sagt Henning Wilts vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Es fehle an der Verknüpfung der Prozesse über Unternehmensgrenzen hinweg. Auch der Datenaustausch finde noch nicht statt. So weiß ein Produzent z.B. nicht, welchen Kunststoff der Recycler gerade verarbeitet. Auch unterliegen die einzelnen Bereiche des Kreislaufs meist unterschiedlichen Regeln. „Die Systeme haben sich über Jahrzehnte getrennt entwickelt. Sie zusammenzuführen ist eine große Aufgabe“, so Wilts.

Nachhaltige Plastik-Wirtschaft soll Vorbildcharakter haben

Dennoch lohne sich die Anstrengung, nicht nur aus Gründen des Umwelt- und Ressourcenschutzes. Die EU-Kommission sieht die Kreislaufwirtschaft auch als Beitrag zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Wilts: „Wenn es gelingt, zu einer Kreislaufwirtschaft zu kommen, wäre sie so effizient, dass andere Länder das gerne übernehmen“, ist er überzeugt. Die werterhaltende Nutzung der Ressource Kunststoff wird zu einem überzeugenden Argument für jene Länder und Regionen, in denen die Lösung des Kunststoffmüll-Problems erst am Anfang steht.

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