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K 2019

Europäische Kunststoffindustrie steht vor großen Herausforderungen

| Redakteur: Alexander Stark

Im Vorfeld der K 2019 hat die europäische Kunststoffindustrie an mehreren Fronten zu kämpfen: Die Wirtschaft bewegt sich insgesamt auf einem gleichbleibenden Niveau, der hinausgezögerte Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU sorgt für Unruhe, wichtige traditionelle Exportmärkte wanken und eine zunehmend drastischere Einstellung der Verbraucher gegenüber Kunststoffverpackungen führen zu Maßnahmen seitens der Gesetzgeber, um einen Weg hin zur Kreislaufwirtschaft vorzugeben.

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Zur K 2019 in Düsseldorf trifft sich die europäische Kunststoffindustrie.
Zur K 2019 in Düsseldorf trifft sich die europäische Kunststoffindustrie.
(Bild: Messe Düsseldorf/ctillmann)

Düsseldorf – Dem Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e.V. (GKV) zufolge ist der Umsatz der kunststoffverarbeitenden Industrie in Deutschland im vergangenen Jahr um mehr als 3 % gestiegen. Doch das solide Wachstum in weiten Teilen der Industrie dürfe laut Laut Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer des GKV, nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Kunststoffindustrie vor großen Herausforderungen steht. Die Debatte über Kunststoff in der Umwelt, die in den Medien und der Öffentlichkeit teilweise sehr emotional sei, habe erhebliche Folgen für Kunststoffverarbeiter.

Der Kunststoffindustrie in Europa drohe ein böses Erwachen, meint Martin Wiesweg, Leiter des Bereichs für Chemikalien (PS, EPS und PET) bei IHS Markit. Die Branche verzeichnete nach seinen Worten jahrelang ein gemäßigtes und doch beständiges Wachstum sowie solide Erträge, leistete einen herausragenden Beitrag zu Produkt- und Prozessinnovationen und der Schaffung von Arbeitsplätzen und bereicherte das Leben der Menschen durch Zweckmäßigkeit, Komfort und Ästhetik. Doch sie verliere zunehmend die Gunst der Öffentlichkeit. Grund für diese Dissonanz sei die große Kunststoffabfallproblematik.

Richtlinie zur Beschränkung von Einwegkunststoff

Das EU-Parlament stimmte im März der SUP-Richtlinie zu. Sie wird voraussichtlich bis 2021 in den Mitgliedstaaten umgesetzt. Die Richtlinie betrifft die zehn Objekte, die am häufigsten an den Stränden der EU zu finden sind. Zu den Maßnahmen zählt ein Verbot von ausgewählten Einwegkunststoffprodukten, zu denen der Markt Alternativen bietet, wie Wattestäbchen, Besteck, Teller, Strohhalme, Rührstäbchen, Becher, Lebensmittelbehälter aus expandiertem Polystyrol (EPS) und alle Produkte aus oxo-abbaubarem Kunststoff, sowie von Luftballonstäben. Die Richtlinie setzt darüber hinaus das Ziel, dass 90 % der Kunststoffflaschen bis 2029 getrennt gesammelt werden (77 % bis 2025). Mit der Richtlinie werden auch Gestaltungsvorgaben eingeführt, laut denen Deckel an Flaschen zu befestigen sind. Außerdem werden Ziele für den Gehalt an Recyclingkunststoff gesetzt: Ab 2025 sollen PET-Flaschen zu 25 % aus recyceltem Material bestehen und ab 2030 sollen alle Plastikflaschen 30 % Recyclingmaterial enthalten.

PlasticsEurope, der Verband der europäischen Kunststofferzeuger, sagte, er begrüße die Annahme der Richtlinie und die Bekräftigung, „dass die Abfallbekämpfung in der gemeinsamen Verantwortung der zuständigen Behörden, Produzenten und Verbraucher liegt.“ Der Verband fordert, umgehend Leitfäden zu Definitionen und Kategorien auszuarbeiten, um zu verhindern, dass die einzelnen EU-Mitgliedstaaten die Begriffe womöglich unterschiedlich auslegen. Die Richtlinie folgte auf die Anfang 2018 durch die EU-Kommission veröffentlichte „Europäische Strategie für Kunststoffe in der Kreislaufwirtschaft“. Diese enthält Pläne, wie man Abfälle eindämmen, das Einbringen von Abfällen ins Meer aufhalten und das Kunststoffrecycling für EU-ansässige Unternehmen wirtschaftlicher gestalten kann. Bis 2030 müssen alle Kunststoffverpackungen auf dem EU-Markt recycelbar sein.

Die EU gibt vor, dass zwischen 2025 und 2030 jährlich 10 Millionen Tonnen recycelte Polymere verwendet werden sollen. Um die Fortschritte der Industrie bei der Erreichung des Ziels zu überwachen und zu registrieren, lancierte der Eu PC kürzlich die Onlineplattform More (Monitoring Recyclates for Europe). Mit dem zentralen Onlinetool wird künftig an einem Ort überwacht, wie viele recycelte Polymere bei europäischen Kunststoffverarbeitern ihren Weg in neue Produkte finden. Um die ambitionierten Ziele der EU zu erreichen, muss die Qualität von Rezyklaten verbessert werden. Studien des EuPC aus den Jahren 2017 und 2018 zufolge haben Kunststoffverarbeiter aktuell Schwierigkeiten, eine geeignete Bezugsquelle für recycelte Polymere zu finden.

Vor fast drei Jahren, auf der K 2016, riefen der Eu PC, Plastics Europe und Plastics Recyclers Europe die Polyolefin Circular Economy Platform (PCEP) ins Leben. Venetia Spencer, Secretary General der Initiative, beschreibt sie als Forum für gemeinsame Anstrengungen, das alle Akteure im Bereich der Polyolefine an einem Strang ziehen lässt, um einen Wandel in unserer Industrie zu bewirken und die Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Alle Beteiligten entlang der gesamten Wertschöpfungskette können Mitglied der Initiative werden – von Herstellern, Verarbeitern, Recyclingbetrieben, Markeninhabern, Einzelhändlern und Unternehmen der Abfallwirtschaft bis hin zu allen übrigen Akteuren, die an einem beliebigen Punkt mit dem Materialkreislauf in Berührung kommen. PCEP sagte zu, den Gehalt an recycelten Polyolefinen in europäischen Produkten um eine Million Tonnen zu steigern. Das ist die größte Zusage, die im Rahmen der Selbstverpflichtungskampagne der EU getroffen wurde. Ziel dieser Kampagne ist es, dass durch freiwillige Maßnahmen seitens der Industrie im Jahr 2025 in Europa 10 Millionen Tonnen Rezyklate in Produkten verwendet werden. Die Initiative will außerdem bis 2030 60 % der gesammelten Polyolefin-Verpackungen wiederverwenden oder -verwerten und über 75 % der Polyolefin-Verpackungen recycelbar gestalten.

Chemisches Recycling auf dem Vormarsch

Dass das chemische Recycling zunehmend wichtiger wird, spiegelte sich diesen Januar auch in der Gründung eines neuen Verbands, Chemical Recycling Europe (ChemRecEurope), wider. Dieser soll neue, innovative Lösungen fördern und umsetzen. Die Entwicklung von Technologien für das chemische Recycling, die eine Lösung für schwer recycelbare Kunststoffabfälle bieten, schreite schneller voran als die Gesetzgebung und Politik darum herum, so Chem Rec Europe.

Im Dezember unterzeichnete Sabic, ein großer Materiallieferant, mit Plastic Energy, einem im Vereinigten Königreich ansässigen Vorreiter für die chemische Verwertung von Kunststoffen, eine Absichtserklärung über die Rohstoffversorgung für die petrochemischen Prozesse bei Sabic in Europa. Die beiden Unternehmen beabsichtigen, eine kommerzielle Anlage in den Niederlanden zu errichten, in der durch das Wiederverwerten und Aufbereiten von minderwertigen Mischkunststoffabfällen, die sonst verbrannt oder deponiert werden würden, ein von Plastic Energy patentierter Rohstoff namens Tacoil hergestellt wird. Die Anlage wird ihren kommerziellen Betrieb voraussichtlich im Jahr 2021 aufnehmen.

Eine weitere Größe in der Polymerindustrie, die sich die Förderung des chemischen Recyclings zum Ziel gesetzt hat, ist BASF. Mit dem neuen Chem-Cycling-Projekt will der Konzern einen wesentlichen Beitrag zur Wiederverwendung von Kunststoffabfällen als Rohstoff in der Produktion leisten. In Zusammenarbeit mit den Kunden und Partnern konnten die ersten Pilotprodukte basierend auf chemisch recycelten Kunststoffabfällen entwickelt und hergestellt werden. BASF beteiligt sich außerdem am Poly-Styrene-Loop-Projekt. In der aktuellen Projektphase wird eine Pilotanlage errichtet, in der eine lösungsmittelbasierte Recycling-Technologie zum Einsatz kommt. Mit ihr sollen Dämmstoffe aus expandiertem Polystyrol (EPS) wiederverwertet werden können. Anders als bestehende werkstoffliche Recyclingverfahren könnte sich die Technologie auch für die Wiederverwertung von Stoffen eignen, die früher verwendete und heute verbotene Flammschutzmittel beinhalten.

Anstieg bei Biokunststoffen

Welche Rolle spielen Biokunststoffe zukünftig in der Kreislaufwirtschaft? Europa zumindest erweist sich als wichtiges Produktionszentrum für diese Materialien. Aktuelle Marktdaten, die von European Bioplastics (EUBP) (in Zusammenarbeit mit dem nova-Institut) erhoben wurden, zeigen, dass rund 20 % der weltweiten Produktionskapazität von Biokunststoffen – die 2018 bei 2,11 Millionen Tonnen lag – in Europa anzusiedeln sind. Dank kürzlicher politischer Initiativen in mehreren EU-Mitgliedstaaten, insbesondere Italien und Frankreich, soll diese Zahl bis 2023 auf 27 % steigen.

Auswirkungen des Brexit

Niemand weiß, wie sich der Brexit auf die Kunststoffindustrie auswirken wird. Doch viele Unternehmen mit Produktionsstandorten im Vereinigten Königreich und/oder Handelsbeziehungen dorthin wappnen sich fürs Schlimmste und hoffen aufs Beste. Sie beschäftigt eine möglicherweise erforderliche umfassendere Lagerhaltung, das Risiko von Verzögerungen an den Grenzen sowie neue Zollsysteme und Codenummern. Zu bedenken ist dabei auch, dass neue Rechtsvorschriften aus dem Vereinigen Königreich eingehalten werden müssen, beispielsweise ein britisches Pendant zur EU-Verordnung Reach.

Unternehmen im Vereinigten Königreich sind vorsichtiger geworden und sehen von mutigen Schritten ab, doch es gibt viele andere Faktoren, die in der Kunststoffindustrie weltweit für Unsicherheit sorgen: Die Handelsspannungen zwischen China und den USA, die Konjunkturflaute in China und Deutschland und die Strapazen der Luft- und Raumfahrtindustrie.

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