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Chemieindustrie in der Flaute

Vorsichtig pessimistisch: Chemie schafft 2019 nicht die Trendwende

| Redakteur: Dominik Stephan

Absatzflaute und Handelskrisen: Die chemische Industrie startet holprig ins Jahr 2019 – Der Abschwung hat die Chemie erreicht: Im ersten Halbjahr verstärkt sich der Abwärtstrend des Jahres 2018. Wichtige Kundenbranchen schwächeln und die Sondereffekte der Pharmabranche laufen langsam aus. Mit Erholung ist angesichts internationaler Unsicherheiten nicht zu rechnen, heißt es. Ist das die Talsohle oder der Anfang eines längeren Abwärtstrends?

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(Bild: Bild von Free-Photos auf Pixabay)

Frankfurt – Die BASF will sich verschlanken, Covestro kämpft mit rückläufigen Umsatzzahlen und Bayer ist drauf und dran, sich an der Monsanto-Übernahme zu verschlucken: Bisher läuft 2019 nicht gut für die Chemieindustrie. Deutschlands drittgrößter Industriesektor leidet unter einer Schwächephase wesentlicher Kundenbranchen und den internationalen Unsicherheiten. Dazu kommt die unerwartete Dynamik, die Themen wie Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft bekommen haben – und die Tatsache, dass die Bevölkerung der Chemie scheinbar nicht zutraut, diese Probleme zu lösen.

Dabei sind vom Abschwung bei Weitem nicht nur deutsche Firmen betroffen: So gab Sanofi Ende Juni bekannt, dass am Traditionsstandort Höchst über 100 Stellen wegfallen sollen. Auch der Pharmasektor, der im Vorjahr noch mit starken Sondereffekten (etwa durch kurzzeitige Spitzen in der Wirkstoff-Produktion) glänzen konnte, kann das Tempo nicht halten: Trotz einer weitestgehend stabilen Nachfrage geben Umsätze und Produktion im Jahresvergleich nach, so VCI-Präsident und Henkel-Vorstandsvorsitzender Hans Van Bylen.

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Verglichen mit dem Vorjahr ging die Produktion um 6,5 % zurück. Dieser Wert ist nicht ganz so dramatisch, rechnet man die Pharmaproduktion heraus, doch auch das Chemie-Kerngeschäft erlebt einen Produktionsrückgang um 2,5 %. Dadurch sank der Umsatz der Branche um 4 % gegenüber der ersten Jahreshälfte 2018 auf insgesamt 95,9 Milliarden Euro, davon 35,5 Milliarden im Inland. Besonders die anhaltende Schwäche der Automobilindustrie sorgt bei den großen Chemiefirmen für lange Gesichter: Über das Jahr rechnet der VCI nun mit einem weiteren Rückgang der Umsätze in diesem Bereich um 1,5 %. Besonders deutlich fällt der Nachfragerückgang in Deutschland und Italien – zwei der wichtigsten Märkte in der EU – aus.

Unsicherheiten bleiben

Unter der Absatzschwäche litten industrielle Rohstoffe wie Fein- und Spezialchemikalien (Produktionsrückgang um 4 %) oder Polymere (-7 %) genauso wie Consumer-Produkte, etwa Wasch- und Körperpflegemittel, Kosmetika und Seifen (-4,5 %). Lichtblicke gab es lediglich bei den anorganischen Grundstoffen, die um 15 % zulegten. Die Petrochemieproduktion konnte das Tief überwinden und sich auf dem Niveau des Vorjahres stabilisieren. Damit steht die Produktionsauslastung der Chemieanlagen des Landes im Schnitt bei 84 %, einem Wert im unteren Durchschnittsbereich.

Dieser Wert ist nicht ganz so dramatisch, rechnet man die Pharmaproduktion heraus, doch auch das Chemie-Kerngeschäft erlebt einen Produktionsrückgang um 2,5%. Dadurch sank der Umsatz der Branche um 4% gegenüber der ersten Jahreshälfte 2018 auf insgeasamt 95,9 Mia. Euro.
Dieser Wert ist nicht ganz so dramatisch, rechnet man die Pharmaproduktion heraus, doch auch das Chemie-Kerngeschäft erlebt einen Produktionsrückgang um 2,5%. Dadurch sank der Umsatz der Branche um 4% gegenüber der ersten Jahreshälfte 2018 auf insgeasamt 95,9 Mia. Euro.
(Bild: VCI)

Konnte die exportorientierte deutsche Industrie bisher zuverlässig auf Wachstumsimpulse in wesentlichen Kundenmärkten Europas und der Welt hoffen, bleiben die Aussichten international trübe: Handelskonflikte, der ungelöste Brexit und die Spannungen in Teilen der Welt lassen ein Ende der Unsicherheiten unwahrscheinlich erscheinen. „Die Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung bleiben hoch. Es drohen steigende Zölle zwischen den USA und China und die Gefahr militärischer Konflikte im Nahen Osten nimmt zu. Sollte es dazu kommen, würde dies den globalen Handel noch weiter bremsen und hätte deutliche Auswirkungen auf die deutsche Industrie“, ordnet VCI-Präsident Van Bylen die Rahmenbedingungen für die Branche ein.

Abwärts ja, Absturz nein

Deshalb korrigiert der VCI die Ende 2018 getroffenen Aussagen noch einmal – nach unten: So rechnet der Branchenverband für das laufende Jahr mit einem Umsatzrückgang von 3 % und einem Rückgang der Produktion von 4 %. In Folge dieser Unsicherheiten steigen auch die Rohstoffpreise: Rohöl legt 2019 im ersten Halbjahr um etwa 16 % auf ca. 66 Dollar pro Barrel zu. Und auch Naphtha – wichtigstes Vorprodukt der Petro- und Kunststoffchemie – verteuerte sich in den ersten sechs Monaten 2019 auf fast 470 Euro je Tonne (ein Plus von 12 %). Das führt zu steigenden Preisen (+1,5 %), die immerhin einen kleinen Teil der rückläufigen Verkäufe kompensieren können. Die Arbeitsmarktsituation bleibt bisher, trotz erster Ankündigungen von Stellenstreichungen, bislang stabil. Mitte 2019 beschäftigt die Chemie in Deutschland 464.800 Arbeitnehmer.

Sorgen muss sich die chemische Industrie auch um ihre Rolle im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte machen: So glaubt jeder fünfte Deutsche einer Accenture-.Umfrage zu Folge, dass die Chemieindustrie sich am wenigsten Sorgen über ihre Auswirkungen auf die Umwelt macht. Eine satte Mehrheit von 83 % hält die Kommunikation von Chemieunternehmen zu Umweltbelastungen für nicht zuverlässig genug.

Problem oder Lösung?

Entsprechend wird Van Bylen nicht müde, die Rolle der Branche bei der Bekämpfung des Klimawandels zu betonen: „Unsere Branche leistet mit innovativen Produkten und Verfahren einen erheblichen Beitrag zum Gelingen der Energiewende und für mehr Klimaschutz“, erklärt der VCI-Präsident. Und spricht sich gegen eine Erweiterung des EU-Emissionshandels oder die Einführung einer CO2-Abgabe aus.

Der VCI rechnet für das laufende Jahr mit einem Umsatzrückgang von 3 Prozent und einem Rückgang der Produktion von 4 Prozent.
Der VCI rechnet für das laufende Jahr mit einem Umsatzrückgang von 3 Prozent und einem Rückgang der Produktion von 4 Prozent.
(Bild: VCI)

„Ein nationaler Alleingang macht keinen Sinn. Weder für das Klima, noch für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Beschäftigung und Wohlstand“, so Van Bylen in Frankfurt. Stattdessen plädiert der VCI für eine Lösung, die die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt einbeziehe: „Wenn es gelänge, auf der Ebene der G20 einen gemeinsamen CO2-Preis zu vereinbaren, würde das deutliche Auswirkungen auf den Klimaschutz zeigen und zugleich unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten.“

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