Chemieindustrie in der Krise Trübe Aussichten: Chemie rechnet nicht mehr mit Erholung

Von Dominik Stephan 3 min Lesedauer

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Auch 2025 wird das Wachstum nicht zurückkommen: Trotz eines leichten Produktionsanstiegs im Pharmabereich um zwei Prozent verzeichnet die Chemieproduktion einen Rückgang von drei Prozent. Damit setzt sich 2025 der Abwärtstrend fort – Mittlerweile steht die Industrie so schlecht da, wie zuletzt während der Finanzkrise.

„Die Lage bleibt angespannt. Unsere Branche produzierte im ersten Halbjahr rund 15 Prozent weniger als im Vorkrisenjahr 2018. Auch in anderen bedeutenden Wirtschaftszweigen sehen wir zweistellige Rückgänge. Für 2025 zeichnet sich in unserer Industrie keine Trendwende ab.“ – VCI-Präsident Markus Steilemann(Bild:  VCI)
„Die Lage bleibt angespannt. Unsere Branche produzierte im ersten Halbjahr rund 15 Prozent weniger als im Vorkrisenjahr 2018. Auch in anderen bedeutenden Wirtschaftszweigen sehen wir zweistellige Rückgänge. Für 2025 zeichnet sich in unserer Industrie keine Trendwende ab.“ – VCI-Präsident Markus Steilemann
(Bild: VCI)

Gestern standen wir vor dem Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter? Die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie steht im Jahr 2025 weiterhin unter immensem Druck: Trotz eines leichten Produktionsanstiegs im Pharmabereich um zwei Prozent verzeichnet die Chemieproduktion einen Rückgang von drei Prozent. Das erhoffte Minimalwachstum bleibt aus, wesentliche Kundenbranchen schwächeln während hohe Energie- und Rohstoffpreise die Chemie selbst belasten.

Laut einer aktuellen Umfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) klagen 40 Prozent der Mitgliedsunternehmen darüber. Die durchschnittliche Auslastung der Produktionsanlagen fiel unter die Rentabilitätsschwelle von 80 Prozent, und dies nun im dritten Jahr nacheinander. Dies erschwert es den Unternehmen zunehmend, wettbewerbsfähig zu bleiben.

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Rückenwind mit Nachbesserungsbedarf

Die Europäische Kommission hat Vorschläge für das EU-Forschungsprogramm Horizon Europe ab 2028 und den Europäischen Wettbewerbsfonds (ECF) vorgelegt. Diese sind Teil des mehrjährigen Finanzrahmens der EU und sollen Forschung und Entwicklung stärken. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) sieht darin Rückenwind für die Innovationskraft Europas, fordert jedoch Nachbesserungen.

Fokus auf Schlüsseltechnologien

VCI-Wissenschaftsbereichsleiterin Ulrike Zimmer lobt die gesteigerten Budgets und den reduzierten Bürokratieaufwand. Dennoch kritisiert sie die unzureichende Berücksichtigung industrierelevanter Schlüsseltechnologien, die für die nachhaltige und digitale Transformation wichtig sind. Besonders Technologien für neue chemische Materialien und Prozesse kommen laut VCI zu kurz.

Klare Zuständigkeiten gefordert

Der Branchenverband bemängelt die unklaren Zuständigkeiten zwischen Horizon Europe und dem ECF, was Reibungsverluste erzeugen könnte. Zimmer warnt davor, die Rollenverteilung zu diffus zu lassen.

Industrie als Brücke in den Markt

Um den Transfer von Forschung in die Anwendung zu stärken, fordert der VCI eine stärkere Einbindung der Industrie. Zimmer betont die Notwendigkeit, den Wettbewerbsfonds als Brücke für Innovationen in den Markt zu nutzen, da viele gute Ideen sonst im Labor verharren würden.

Zu teuer: VCI hält Deutschland für nicht konkurrenzfähig

VCI-Präsident Markus Steilemann betont: „Der Standort Deutschland ist im internationalen Vergleich zu teuer.“ Dabei sind überhöhte Bürokratie, zu hohe Steuern und nicht wettbewerbsfähige Energiepreise aus Sicht der Branchenunternehmen die Hauptverantwortlichen in diesem Prozess. Angesichts dieser Entwicklungen sieht der VCI keine kurzfristige Verbesserungen.

Die Produktionsstilllegungen und die Verlagerung von Investitionen ins Ausland nehmen zu, und Insolvenzen innerhalb der Branche steigen. Eine Besserung wird sowohl von Wirtschaftsinstituten als auch von der Mehrheit der VCI-Mitgliedsunternehmen nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2025 erwartet. Damit ringt Deutschland mit der dritten Rezession in Folge während die Chemie das dritte Abwärtsjahr in Folge erlebt.

Dürre Jahre: Von Vor-Corona-Zahlen kann die chemie nur träumen.(Bild:  VCI)
Dürre Jahre: Von Vor-Corona-Zahlen kann die chemie nur träumen.
(Bild: VCI)

Mittelfristig bleibt immerhin die Hoffnung, dass zumindest die prinzipielle Bereitschaft der Unternehmen da sei, bei verbesserten Standortbedingungen wieder zu investieren. Auch der politische Wille, diese Bedingungen zu verbessern, zeigt aus Sicht des Verbandes erste Anzeichen: Die neue Regierungskoalition hat ein Sofortprogramm zur Unterstützung der Branche initiiert und strebt eine starke Chemieagenda an, welche die Wettbewerbsfähigkeit und den Bürokratieabbau priorisieren soll.

Fünf ist Trümpf: Der Wunschzettel der Chemie an Politik und Gesellschaft

Aus VCI-Sicht sind dafür fünf Handlungsfelder entscheidend, um die deutsche Chemieindustrie langfristig zu stärken. Diese umfassen den Bürokratieabbau, die Modernisierung der Schuldenbremse, eine erfolgreiche Energiewende, die Stärkung von Resilienz und Innovationen sowie die Nutzung der Chancen der Europäischen Union. Diese Maßnahmen könnten laut Steilemann zu einem Masterplan avancieren, der als Blaupause für eine industriepolitische Gesamtstrategie dienen könnte.

Es bleibt abzuwarten, wie effektiv diese Maßnahmen umgesetzt werden und ob sie die gewünschten Effekte zeitigen. Die deutsche Chemieindustrie steht auch 2025 vor enormen Herausforderungen, bei denen schnelles und entschlossenes Handeln gefragt ist, um wenigstens in Zukunft eine Trendwende zu ermöglichen.

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