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Chemie und Pharma in Post-Corona-Zeiten Zurück auf Los: Was kommt für die Chemie nach Corona?

| Autor / Redakteur: Dr. Wolfram Keller, Dr. Carolin Beil, Dr. Petra Baierweck, Bernhard Münzing, Dr. Claudius Neumann* / Dominik Stephan

Darum blicken Chemiker und Ingenieure optimistisch in die Post-Corona-Zukunft –  Ausgerechnet die konservative Chemie überrascht in der Krise mit Ideen, Schlagkraft und Veränderungsbereitschaft. War das nur Strohfeuer? Welche Trends bleiben und welche uns länger beschäftigen werden, zeigt eine aktuelle Studie. Und die hat gleich Handlungsempfehlungen für Industrie, Beschäftigte und potenzielle Gründerinnen und Gründer im Gepäck.

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(Bild: ©seekeaw - stock.adobe.com)

Alles Neu macht die Krise: Dass nach Corona alles „beim Alten“ bleibt, erscheint unwahrscheinlich. Zu tief sitzt der Schock der globalen Pandemie, während zeitgleich die Digitalisierungs-Apologeten die Gelegenheit zum Großangriff nutzen. Klar ist: Die Pandemie hat kurz- und mittelfristig deutliche, ja sogar existenzbedrohende Auswirkungen für die deutsche Chemie- und Pharma­industrie mit ihren derzeit etwa 2200 Unternehmen und rund 460 000 Beschäftigten.

Also sucht der drittgrößte Industriesektor der Republik nach neuen Wegen, einmal ad-hoc, um trotz Lockdown, Abstandsregelungen und globaler Wirtschaftskrise handlungsfähig zu bleiben, aber auch langfristig, um sich für die Zeit „danach“ aufzustellen.

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Und die Beschäftigten? Die blieben erstaunlich cool – darauf deutet zumindest eine empirische Studie mit 119 Chemikern und Ingenieuren hin, die das Kompetenz-Netzwerk „Chem4Chem“ im April und Mai 2020 auf dem Höhepunkt der Pandemie durchgeführt hat. Der überwiegende Teil der Befragten, nämlich 90 %, arbeiten in der Chemie, weniger als 10 % in der Pharmaindustrie. Ein Ergebnis: Die meisten Teilnehmer sehen die während der Krise forcierten Veränderungen – bis auf eine Ausnahme – positiv. Gleichzeitig vermuten die Spezialisten, dass einige von ihnen auch langfristig Bestand haben werden.

Auffällig ist auch, dass die Chemiker und Ingenieure durchaus optimistisch in die mittelfristige Zukunft der Branche, der einzelnen Unternehmen und des eigenen Arbeitsumfelds blicken: Dabei werden drei „erwartete“ Veränderungen besonders positiv beurteilt, allen voran die gestiegene Risiko-Awareness der Unternehmen. Risikofaktoren werden in Zukunft systematischer und detaillierter analysiert, erwarten die Experten.

Dazu kommt die Bewertung und Minimierung der Auswirkungen von Pandemien und anderen unvorhergesehenen Ereignissen auf Materialströme, Produktion und Finanzen. Zweitens wird die Corona-Krise als Katalysator für die beschleunigte Umsetzung der Digitalisierung im Unternehmen und vor allem am Arbeitsplatz gesehen. Dazu gehört als dritter Punkt auch die Flexibilisierung der Büroarbeit, etwa durch Arbeiten im Home-Office.

Gewinner: Welche Trends und Firmen profitieren in der Krise?

Darum gebeten, 30 vorgegebene Hypothesen von stark negativ und/oder von abnehmender Bedeutung bis zu stark positiv bzw. zunehmend zu bewerten, zeigte sich die sonst vergleichsweise konservative Branche erstaunlich aufgeschlossen. Die meisten Befragten sehen in den in der Krise begonnenen Veränderungen mittelfristig mehr Verbesserungen und Chancen als Verschlechterung und Risiken.

Trotz positiven Gesamturteils argumentieren die Teilnehmer bei jeder einzelnen Hypothese durchaus differenziert. Einige befürchten sehr negative Konsequenzen und Szenarien, wie etwa Stellenabbau und Restrukturierungen, einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen, die Streichung von F&E-Budgets oder die Dominanz ökonomischer Unternehmensziele über ökologische Ambitionen der Firmen. Eintrittswahrscheinlichkeit und Effekt dieser Szenarien sehen die Teilnehmer jedoch sehr unterschiedlich.

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Einheitlicher sieht die Sache beim Megatrend Digitalisierung aus: Hier bewertet eine große Mehrheit die fortschreitende Digitalisierung auf Unternehmens- und auf Arbeits­platzebene als großen Nutznießer der derzeitigen Situation. Dahinter steckt einmal die umfassende Digitalisierungstendenz in allen Teilen der Gesellschaft, die mit einiger Verzögerung auch in Chemie- und Pharmaindustrie enormes Momentum aufbaut, andererseits der – nach Anlaufschwierigkeiten überwiegend positiv beurteilte – Einsatz von Kommunikations- und Cloudtechnologie, z.B. im Home-Office.

Aus der Mode gekommen: Der Wunsch zur Gründung ist besonders Berufseinsteigern und Absolventen vorerst vergangen, wie die Untersuchung in Abhängigkeit der Unternehmensgröße, der Führungsebene und des Dienstalters zeigt. Einschätzung auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im April/Mai 2020.
Aus der Mode gekommen: Der Wunsch zur Gründung ist besonders Berufseinsteigern und Absolventen vorerst vergangen, wie die Untersuchung in Abhängigkeit der Unternehmensgröße, der Führungsebene und des Dienstalters zeigt. Einschätzung auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im April/Mai 2020.
(Bild: Chem4Chem)

Dabei trennen, so die Macher der Studie, die befragten Chemiker nicht immer sauber zwischen Art und Anwendung digitaler Technologien: So vermischen sich in der Wahrnehmung schon einmal Kommunikationsmedien am (eigenen) Arbeitsplatz im Home-Office mit technologischen Gamechangern, wie etwa der Künstlichen Intelligenz, Simulationen, Blockchain oder dem Industrial Internet of Things in Laboren, Fabriken und Werkstätten. Hier besteht selbst bei Fachleuten bisweilen noch erheblicher Nachholbedarf: Wenn die „Corona-­Krise als Katalysator der Digitalisierung“ dient, müsse das auch für digitale Kompetenzen gelten, fordern die Autoren der Studie.

...Und Verlierer: Warum Start-Ups ersteinmal nicht gefragt sind

Weniger rosig sieht die Situation derzeit für Gründerinnen und Gründer aus: Chemie-Start-ups gehören zu den klaren Verlierern der Krise. Damit sind die bisherigen Hoffnungsträger der Industrie der einzige Faktor, der sich in Folge von Corona-Virus und Wirtschaftskrise klar ins Negative gedreht hat, so die Spezialisten von Chem4Chem.

Viel Schönes dabei: Trotz Unsicherheiten und Wirtschaftskrise bewertet der große Teil der Befragten die Perspektiven für den Sektor, das Unternehmen oder den eigenen Arbeitsplatz positiv.
Viel Schönes dabei: Trotz Unsicherheiten und Wirtschaftskrise bewertet der große Teil der Befragten die Perspektiven für den Sektor, das Unternehmen oder den eigenen Arbeitsplatz positiv.
(Bild: Chem4Chem)

Die momentane Skepsis bezüglich Firmengründungen ist gut nachvollziehbar. Sie liegt etwa in deutlich unsichereren, finanziellen Fördermöglichkeiten von Start-ups und einem deutlich erstarkten Bewusstsein der mit Gründung und laufendem Betrieb eines Chemie- und Pharmaunternehmens verbundenen Risiken. „Chemikern ist die Lust zu Unternehmensgründungen gründlich vergangen“, heißt es derzeit vielerorts – ob das aber von Dauer ist, muss sich zeigen. Es wäre nicht überraschend, wenn der Gründerspirit zurückkehren würde, erklären die Studienmacher. Gute Ideen gäbe es nämlich auch weiterhin.

Tatsächlich könnten es ironischerweise genau die Transformationsprozesse sein, die dafür sorgen, dass der Strom an potenziellen Gründern wieder stetiger fließt. Wer seine Position auf der Kippe sieht oder wessen Entwicklungsbudgets eingespart werden, träumt vielleicht davon, sein eigener Herr zu sein. Allerdings sind sich Befragte und Studienmacher einig, könnten auch entsprechend verbesserte wirtschafts- und arbeitspolitische Rahmenbedingungen das Gründen attraktiver machen.

Verpasste Chancen: Wie nachhaltig ist die Transformation?

Plastik, Mikroschadstoffe und die Diskussion um Agrarchemikalien: Die Chemie hat in der Nachhaltigkeitsdebatte einen schweren Stand. Hat sich daran in Zeiten der Corona-­Krise etwas geändert, als die Branche Desinfektionsmittel, Atem- masken oder Einwegkunststoffe für sterile Verpackungen zum Teil zum Nulltarif zur Verfügung gestellt hat? Zumindest aus Sicht der Beteiligten steht es gut um die Reputation des Sektors, der endlich als „systemrelevant“ wahrgenommen wird. Dabei könnte sich die gute Stimmung als Strohfeuer erweisen: So trauen die Befragten den Interessensvertretern wie Gesellschaften, Verbänden und Sozialpartnern der Branche nicht zu, das Level an Zustimmung auf dem derzeitigen Hoch zu halten. Das zeigt auch das Beispiel der vom VCI kurzfristig geschaffenen Plattform zur Notfallversorgung mit Handdesinfektionsmitteln: Diese wurde am 19. Juni wieder abgeschaltet und trägt seitdem nicht mehr zum positiven Ruf der Branche bei. Interessenvertreter weisen darauf hin, dass die von ihnen vertretenen Chemie- und Pharmaunternehmen in der Krise mit einem gemeinsamen Ziel zwar zusammenhalten, danach aber zum Tagesgeschäft zurückgehen. Dort stehen sie sich als Wettbewerber mit unterschiedlichen Interessen gegenüber und müssen das Geld verdienen, das sie während des Lockdowns nicht verdient haben. Reputation und gesellschaftliche Rolle dürften als Konsequenz schnell auf Vorkrisenniveau zurückfallen.

Und genutzte Gelegenheit: Wo Corona Potenzial freilegt

Not macht erfinderisch, heißt es. Doch, obwohl während der Wirtschaftskrise die Innovationskraft der Branche in den Augen der Teilnehmer leicht zulegen konnte, drohen jetzt sinkende F&E-Budgets und geringere Innovationsausgaben. Dieses „Sparen am falschen Ende“ könnte sich rächen, sind sich alle einig. Wie die Lösung aussehen sollte, wird hingegen deutlich unterschiedlich bewertet.

Die Studienmacher von Chem4­Chem befürchten, dass solange „Innovation, des Chemikers liebstes Steckenpferd“ in den Köpfen der Vorstände, Forscher und Entwickler nach wie vor nur mit neuen Molekülen in Verbindung gebracht wird, sei kein positiver Return-on-Innovation zu erwarten, kurz- und mittelfristig schon gar nicht.

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