Chemie und Pharma in Post-Corona-Zeiten

Zurück auf Los: Was kommt für die Chemie nach Corona?

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Die Chemie-4.0-Netzwerker fordern neue ökonomisch und ökologisch nachhaltige Anwendungen, Verfahren sowie digitale Geschäftsmodelle und vermissen entsprechende Statements ihrer Studienteilnehmern schmerzlich. Dabei sei ohne schnelles Umdenken die Chance auf eine ökologisch und ökonomisch ausgewogene, innovationsbasierte Erholung vertan und damit das aus Wettbewerbsgründen mittel- und langfristig erforderliche Industrie-4.0-Niveau unnötig verzögert, erklärt Chem4Chem.

Denn: Die Mehrzahl der Unternehmensziele, wie Gewinnmaximierung und Kundenorientierung und der Unternehmenswerte, z.B. Wertschätzung und Vertrauen, ändern sich krisenbedingt kaum. Das spricht für grundsätzlich richtige strategische Zielsetzungen und Kontinuität auch in turbulenten Zeiten. Daneben gibt es aber auch deutliche Hinweise auf die aktuelle Nervosität in der Branche, welche die guten Ergebnisse zu Unternehmenswerten und -praktiken, wie Führung, Vertrauen und Eigenverantwortung, etwas relativieren: Etwa 30 weitere Interessenten bzw. 20 % der möglichen Population lehnten die Teilnahme an der Befragung mit dem Hinweis auf kurzfristig erlassene Kommunikations- und Verhaltensregeln ihrer Unternehmen ab, obwohl sie lediglich ihre persönliche Einschätzung teilen, und nicht im Namen des Unternehmens antworten sollten.

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Veränderungen und Herausforderungen für die Chemie: Ist Corona an allem schuld?

Dabei wäre es verkehrt, alles auf Corona zu schieben: Viele der in der Studie betrachteten Veränderungen in der Chemie- und Pharmaindustrie haben ihren Ursprung nicht ausschließlich in der Corona-Krise, sondern etwa in politischen Vorgaben wie dem Green Deal, Konsumententrends (etwa die Nachfrage nach biobasierten Rohstoffen und recyclingfähigen Materialien) oder dem technischen Fortschritt. Auf Industrieebene werden mittelfristig planbare und nur langfristig durchführbare Modifizierungen des geographischen Fußabdrucks der Branche erwartet. Sie gehen mit eher erhofften als erwarteten, industriefreundlichen politischen Zielen, wie dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit bei der Versorgung kritischer Roh- und Hilfsstoffe und Produkte, so z.B. bei Pharmawirkstoffen und Impfstoffen, einher.

Allerdings ist die Hoffnung auf eine zeitlich passende und wirksame Umsetzung dieser Ziele geringer, erklären die Studienmacher: Die Teilnehmer erwarten keine wesentlichen Verbesserungen bei für sie und ihre Unternehmen entscheidenden Parametern, wie der sicheren Versorgung mit bezahlbarer erneuerbarer Energie, Bürokratieabbau und beschleunigter, digital unterstützter Genehmigungsverfahren. Die Corona-Krise hat nicht das Potenzial, die Grundfesten der Branche zu erschüttern, forciert aber z.T. überfällige Verbesserungen, so das Fazit der Studie.

Auf Unternehmensebene erwarten – die Jüngeren deutlicher als die Erfahreneren – eine Zunahme agilen Handelns: Der Weg zu einem agilen Unternehmen ist ein vor Corona in anderen Branchen begonnener, auf Chemie und Pharma nur langsam übertragener Veränderungsprozess. Der hohe Wert von +1,7 ist auch dem Umstand geschuldet, dass die Entscheidungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit, etwa bei der Umstellung des Produktportfolios und der Umwidmung von Anlagen, in der Krise ungewohnt hoch war. Die relativ geringe, aber positive, mittelfristige Veränderung bezüglich Nachhaltigkeit belegt, dass ökologische Themen nicht der ökonomischen Notwendigkeit geopfert werden müssen. Die grundsätzlichen Zeichen stehen auf eine ökologische und ökonomische Erholung, erfordern dazu aber ebenso wie die bekannten „konservativen“ Innovationen eine erhebliche Kreativität der Beteiligten.

In Bewegung bleiben: Was sich in Unternehmen tut

In der Krise kommt auch in die Unternehmenskultur der Chemiefirmen Bewegung, wie die gestiegene Bereitschaft, Mitarbeiter im Home-­Office einzusetzen, zeigt. Neben dieser „Vertrauensfrage“ hat sich auch die Bereitschaft der Vorgesetzten zu delegieren geändert, genauso wie die Eigenverantwortung der Beschäftigten, „Ergebnisse außerhalb der Sichtweite des Chefs zu liefern“. Das „Zusammenrücken in der Krise“ im Kollegenkreis, mit Projektpartnern, Kunden und Lieferanten rund um den eigenen Arbeitsplatz begründet in erster Linie die positiven Bewertungen der Befragten zur Unternehmenskultur.

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