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Chemieindustrie/Corona-Krise Der lange Marsch: Chemie findet 2020 nicht mehr zu Vorkrisenniveau zurück

| Redakteur: Dominik Stephan

Der Abwärtstrend der Industrie schlägt auf die Chemie durch: Produktion und Umsatz erleben „historische“ Einbrüche, die Kurzarbeit ist höher als in Zeiten der Weltfinanzkrise und die Preise befinden sich im Fall. Die Folgen der Corona-Krise und der getroffenen Shutdowns in Wirtschaft und Gesellschaft geben Deutschlands drittgrößter Industriebranche kräftig zu knabbern. Um aus der Krise zu kommen brauche es jetzt einen „Aufbruch“ erklärt der Branchenverband VCI. Allein mit Desinfektionsmitteln komme das Wachstum nicht zurück…

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(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Frankfurt – Die Chemie kann sich dem Abwärtstrend nicht entziehen: trotz eines positiven Jahresbeginns und einer im Zuge der Hygieneregeln gestiegenen Nachfrage nach Seifen, Pillen, Putz- und Desinfektionsmitteln geben Produktion und Umsätze deutlich nach. Insbesondere die Schwäche wesentlicher Kundenbranchen – allen voran der Automobilindustrie – sowie die Shutdowns in nahezu allen Ländern und Märkten setzen dem Chemikalienabsatz zu. In Folge geht die Produktion gegenüber dem Vorjahr um 2,5 % zurück, der Umsatz sogar um 6,1 % (auf 96 Milliarden Euro).

Gleichzeitig verdichten sich die Zeichen, dass damit die Talsohle erreicht ist: VCI-Präsident Christian Kullmann glaubt, dass, solange kein weiterer Shutdown erfolgt, der Höhepunkt der Krise im zweiten Quartal erreicht war. Störungen im Betriebsablauf und Liquiditätsengpässe, die im Frühjahr das Tagesgeschäft in vielen Firmen bestimmten, seien größtenteils überwunden, so der Verbandsvorstand auf der traditionellen Halbjahreskonferenz in Frankfurt. „Unsere Unternehmen kamen trotz dieses Einbruchs deutlich besser durch die weltweite Krise als andere Branchen“, ist der VCI-Präsident zuversichtlich.

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Nachfrage-Einbruch und Anlagenstillstand bestimmen das erste Halbjahr

Fakt ist aber auch: Bei jedem vierten Unternehmen beeinträchtigt der Auftragsmangel weiterhin stark die Geschäftstätigkeit. Dabei leiden die Spezialchemikalien mit einem Produktionsrückgang von 3,9 % gegenüber dem Vorjahr stark unter der Nachfrageflaute. Die Krise der Automobilindustrie, die im Frühjahr über Wochen die Bänder stillstehen ließ, lässt besonders die Nachfrage nach Polymeren einbrechen: Mit einem Produktionsrückgang von 8 % sind Kunststoffe und Granulate die Sorgenkinder der chemisch-pharmazeutischen Industrie.

Nicht einmal Pharmazeutika kommen ungeschoren durch die Pandemie: Da der Gesundheitssektor große Kapazitäten für die Notfallmedizin in Wartestellung hält, geht die Nachfrage nach Pharmaprodukten leicht zurück (Produktion: - 0,3 %). Auch bei Seifen, Wasch- und Reinigungsmitteln hielt sich der Rückgang mit 0,7 % in Grenzen – immerhin war und ist es die Chemie, die innerhalb kürzester Zeit große Mengen Desinfektionsmittel bereitstellen konnte, erklärt Kullmann.

Die Folge: Derzeit befinden sich noch rund 50.000 Beschäftigte in der Chemie in Kurzarbeit – das entspricht etwa jedem zehnten Mitarbeiter. Diese Zahlen unterstreichen das Ausmaß der Krise´, bedenkt man, dass während der Finanzkrise 2008/2009 „lediglich“ rund 30.000 Mitarbeiter Arbeitszeit- und Gehaltskürzungen erlebten. Zwar seien bisher Entlassungen weitgehend vermieden worden, gleichzeitig bleiben freiwerdende Stellen häufig unbesetzt.

Ist das Schlimmste geschafft? VCI sieht Talsohle erreicht

Gleichzeitig bemüht sich der VCI um vorsichtigen Optimismus: Zwar will sich Kullmann nicht auf die Diskussion einlassen, ob der wirtschaftliche Verlauf nun U- oder V-Form habe, doch sei der Sturzflug erst einmal gebremst. Käme es zu keiner Verschärfung der Krise, würde die Chemie 2020 wohl mit einem Produktionsminus von 3 % und einem Umsatzrückgang um 6 % abschließen. „Wir sehen erste Anzeichen einer Erholung“, sagte Kullmann. „Wenn ein erneuter Shutdown verhindert werden kann, dürfte sich die Nachfrage nach Chemikalien und Pharmazeutika im zweiten Halbjahr stabilisieren.“

Allerdings wird die Erholung nicht über Nacht kommen, zeigt eine Umfrage des VCI unter seinen Mitgliedern: Nur jedes zweite Unternehmen (49 %) rechnet damit, das Vorkrisenniveau bis Ende 2021 wieder zu erreichen. Rund 20 % gehen davon aus, dass sie ein weiteres Jahr dafür benötigen. 13 % erwarten, dass sie den Rückgang noch später oder überhaupt nicht werden kompensieren können.

2020 wird, daran führt kein Weg vorbei, das dritte Jahr in Folge, in dem die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie mit Produktionsrückgängen zu kämpfen hat. Und: Diesmal werden, anders als in der Finanzkrise, China und die Autobauer als Wachstumsmotoren ausfallen. Das ist für eine Branche, die extrem global abhängig ist (allein 70 % der deutschen Produktion gehen ins europäische Ausland), ein Problem. Der wachsende Protektionismus in China und den USA, aber auch den Ruf nach stärkerer Abschottung in Europa betrachtet Kullmann daher mit Sorge. Wo es ginge, sollten Produktion und Kunden daher auch räumlich zusammenrücken, so der VCI-Präsident. Mehr Europa, nicht weniger, sei jetzt gefragt.

Ein liberales „Wünsch-dir-Was“: Das will die Chemie von der Politik

Entsprechend macht sich Kullmann auch in Deutschland für einen „neuen Aufbruch“ in Sachen Industriepolitik stark. „Unser Land muss wieder attraktiv werden für industrielle Großprojekte: steuerpolitisch, innovationspolitisch und regulatorisch“, betont der VCI-Präsident. Das vom VCI ins Gespräch gebrachte Fünf-Punkte-Programm liest sich dementsprechend wie ein marktliberaler Wunschzettel: Unternehmensbesteuerung auf 25 % verringern, Energiekosten für Grünstrom senken, ein Moratorium für bürokratische und finanzielle Lasten, Planungs- und Genehmigungsverfahren straffen sowie ein Investitionsprogramm für Klimaschutz und zirkuläre Wirtschaft stehen ganz oben auf der politischen Agenda der Interessensvertretung.

Auch den Mega-Trend Minimalismus will der VCI nicht mitgehen: „Wachstum ist die Voraussetzung für Nachhaltigkeit“, so Kullmann. „Durch reinen Verzicht wird die Welt nicht besser und auch nicht nachhaltiger.“ Immerhin: Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft gehören mittlerweile auch für die Industrie auf die Agenda – am besten natürlich flankiert mit großzügigen Investitionen. Dann will die Branche der Labore und Reaktoren mit Forschung, Technologie und Innovationen die Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit liefern.

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