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Herausforderung Anlagen-Turnaround

Boxenstopp für eine Raffinerie – Einblicke in einen nicht alltäglichen Turnaround

| Redakteur: Dominik Stephan

(Bild: Bilfinger/ Fotolia Bearbeitung: Vogel Business Media)

Wer im Rennen die Nase vorne haben will, muss in der Box die richtige Strategie wählen. Nicht anders bei der Anlagenrevision: Gut aufgestellt im Turnaround wird der Stillstand zum Vorsprung. Wir waren beim Durchstarten einer Raffinerie in Holland dabei…

07:00 Uhr, Rotterdam, Europoort: Europas größter Hafen liegt im blauschwarzen Dämmerlicht. Wind treibt Regen durch das diffuse Gelb der Flutlichter, die sich in öligen Pfützen widerspiegeln. Es riecht nach Diesel, Salz und Regen. Zu dieser Stunde ist von der sonstigen Betriebsamkeit auf dem Hafengelände noch nichts zu spüren. Ein Paar Möwen flattern träge in die Dunkelheit hinaus, aus Richtung des Calandkanals tutet ein Schleppverband mit Kurs auf die Nordsee. Nur auf der wahrscheinlich größten Baustelle Rotterdams hat der neue Arbeitstag schon begonnen. Auf dem Gelände der Europoort-Raffinerie des kuwaitischen Petrochemiekonzerns Q8 KPE herrscht emsige Betriebsamkeit – und doch fließt dort heute kein Tropfen Öl.

Die Anlage ist „trocken“ – „sweet“ in der Sprache der Raffineriebetreiber – und das schon seit fast einem Monat. Es ist Zeit für den regelmäßigen Turnaround, die turnusgemäße Generalüberholung der Anlage. Das bedeutet aber keinesfalls, dass es ruhiger zugeht als sonst. Stillstehende Anlagen verdienen kein Geld – im Gegenteil: Jeder Tag ohne Produktion ist ein verlorener Tag und verursacht enorme Kosten für den Betreiber.

Zwar ist der Turnaround selbst großer Industrieanlagen nichts Ungewöhnliches – doch dass ein kompletter Raffineriestandort stillsteht, ist selbst für Experten nicht alltäglich. Wurde in Rotterdam bisher im Zweijahresrhythmus jeweils die Hälfte der Anlagen überholt und neu gestartet, kommt nun erstmals die gesamte Raffinerie auf den Prüfstand. Kein Wunder, dass bereits vor 07:00 Uhr aus allen Richtungen Hunderte von Arbeitern auf das Werksgelände strömen – viele davon im blau-gelben Arbeitsdress der Bilfinger-Gruppe.

Spezialist für harte Nüsse

Der Bau- und Industriedienstleistungskonzern ist Spezialist im Turnaroundgeschäft und seit 2006 Servicepartner von Q8. Die Mannheimer haben im Europoort bereits an vier Stillständen mitgearbeitet – aber ein solches Megaprojekt, bei dem eine gesamte Großanlage förmlich auf links gedreht wird, nötigt auch Profis Respekt ab. Kein Wunder, dass Rainer Gross auf dem Weg über das Gelände seine Augen überall hat. Der Maschinenbau-Ingenieur ist Leiter des Bereichs Turnaround Mitteleuropa bei Bilfinger und als Contract Manager für die reibungslose Zusammenarbeit auf der Baustelle und die Schnittstellen zum Kunden zuständig. Zu ihm kommen auch Q8-Angestellte, um sich über einige Arbeiter zu beschweren, die die emsige Betriebsamkeit um sie herum scheinbar kalt lässt.

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Anlagenbau

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Etwas abseits der Baubuden hat sich eine Gruppe Männer um eine Stellwand versammelt – und raucht. Die Parkakragen hochgeschlagen, stehen sie in kleinen Gruppen oder alleine – von Hektik keine Spur. „Das sind Kranfahrer“, stellt Gross lakonisch fest. Der Ingenieur kennt die Männer und weiß, welchen Eindruck das Bild macht. Doch der Schein trügt: „Sie haben gestern Abend bereits ihre Kräne aufgebaut. Jetzt, während die Vorarbeiter mit ihren Mannschaften den Arbeitsablauf des Tages besprechen, heißt es für sie: abwarten.“

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Tatsächlich sind die letzten Minuten vor Tagesanbruch enorm wichtig: In dieser Zeit wird der Grundstein für einen erfolgreichen Arbeitstag gelegt. Jeder Schritt wird ein letztes Mal besprochen und muss im Rahmen einer „Last Minute Risiko Analyse“ (LMRA) freigegeben werden. Wenn jetzt etwas vergessen wird, steht später der Betrieb still – „und der Vorarbeiter läuft!“, ergänzt Jürgen Schuh schmunzelnd. Schuh leitet den Bereich Turnaround Neue Märkte bei Bilfinger und ist als Turnaround Manager für den reibungslosen Ablauf des Anlagenboxenstopps verantwortlich.

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