Gleich zwei Pharmariesen sind so erbost über die Bundespolitik, dass sie Investitionen hierzulande streichen oder deutlich zurückfahren. Was heißt das für das besonders gebeutelte Rheinland-Pfalz?
Boehringer streicht geplante Investitionen in Deutschland – und erhöht damit den Druck auf den Pharmastandort.
(Bild: Sven Wolf/ Boehringer Ingelheim)
Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz, sein Gesundheitsminister Karl Lauterbach und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (alle SPD) – sie alle waren im Frühjahr 2024 ins rheinhessische Alzey gekommen, um den symbolischen Spatenstich für das neue Werk des US-Pharmakonzerns Eli Lilly zu feiern.
Sie taten das an der Seite von Unternehmenschef Dave Ricks, der nun rund zwei Jahre später das Leuchtturmprojekt ordentlich zusammenstutzte und hart mit der Bundespolitik ins Gericht ging. Wie sich politisches Handeln in Berlin ganz konkret auf Rheinland-Pfalz auswirkt und wie es weitergehen kann:
Rund 2,5 Milliarden Dollar wollte Eli Lilly in die neue Alzeyer Produktionsstätte stecken. Weil das Unternehmen aber mit den Sparplänen der Bundesregierung in der Gesundheitspolitik so gar nicht einverstanden ist, soll es nur noch die Hälfte sein. Das bedeutet auch weniger Jobs in Alzey, eigentlich sollten hier bis zu 1000 Arbeitsplätze entstehen.
Keine 50 Kilometer entfernt verkündete ebenfalls am Mittwoch der in Ingelheim sitzende Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, für deutsche Standorte geplante Investitionen von 900 Millionen Euro zu streichen.
Da Ingelheim der größte deutsche Standort des Unternehmens ist, trifft dies auch Rheinland-Pfalz empfindlich – ein Land, in dem die Pharma- und die chemische Industrie von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche Gesamtleistung sind.
Beide Unternehmen stören sich unter anderem daran, dass mit Sparplänen der Bundesregierung auch höhere Rabatte verbunden sind, die Arzneikonzerne Krankenkassen künftig gewähren müssen. Und das in Zeiten wachsender Märkte in Asien und vor dem Hintergrund, dass eine ganze Reihe von Pharmakonzernen – darunter Boehringer Ingelheim – Abkommen mit der US-Regierung geschlossen haben, um von Zöllen befreit zu werden. Eine Bedingung: Sie müssen in Produktion und Forschung in Amerika investieren.
Es ist natürlich mitnichten so, dass zwei Unternehmensentscheidungen den Pharma- oder Biotech-Standort Rheinland-Pfalz in den Abgrund reißen. Dass das Lilly-Werk in Alzey aber eine enorme Bedeutung hat, zeigte sich auch daran, dass vor der Landtagswahl Vertreter der inzwischen abgewählten Ampel-Regierung nicht müde wurden, das Projekt als den Erfolg schlechthin zu verkaufen. Es sollte exemplarisch zeigen, wie gut Rheinland-Pfalz vorangekommen sei und wie sehr das in der Wirtschaft goutiert werde.
Wie viele Jobs in Alzey nun doch nicht kommen, ist laut Eli Lilly noch nicht klar. Was die grundsätzliche Entscheidung im Detail bedeute, werde in den kommenden Wochen geklärt, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Lilly verschließe sich grundsätzlich keinem konstruktiven Dialog, wenn dieser mit dem Unternehmen gesucht werde. Das Geld, das die US-Amerikaner nun nicht in Alzey stecken, fließt laut Eli Lilly stattdessen entweder nach Pennsylvania oder einen neuen Standort, vielleicht in Großbritannien oder Kanada.
Dass Boehringer Investitionen in Deutschland zurückfährt, überrascht kaum, hatte das rheinhessische Unternehmen in den vergangenen Jahren doch häufig die Rahmenbedingungen hierzulande moniert. Jetzt ist aber endgültig klar, dass sowohl dem Stammsitz Ingelheim als auch dem wichtigen Forschungsstandort im baden-württembergischen Biberach reichlich Geld entgehen wird.
„Wir befinden uns in einem sich grundlegend verändernden globalen Umfeld“, betont Boehringer. „Während Märkte wie die USA und China ihre führende Position bei der Erforschung und Entwicklung innovativer Arzneimittel weiter ausbauen, sehen wir eine Verschlechterung der Rahmenbedingungen in Europa.“ Der Markt stagniere, es fehlten klare Signale für nachhaltiges Wachstum oder eine steigende Wettbewerbsfähigkeit.
Speziell in Deutschland setzten die mit dem geplanten GKV-Sparpaket verbundenen Belastungen für die Industrie völlig falsche Signale, betont Boehringer. Dass nun 900 Millionen nicht in Deutschland investiert werden, sei eine betriebswirtschaftliche Konsequenz aus der „aktuellen Unplanbarkeit von Investitionen im pharmazeutischen Sektor in Deutschland“.
Die Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Rheinhessen, Karina Szwede, nannte die Ankündigungen ein Warnsignal für die Industriepolitik insgesamt. Investitionsentscheidungen würden heutzutage im harten internationalen Wettbewerb getroffen – und dieser Wettbewerb werde maßgeblich durch verlässliche, wettbewerbsfähige und langfristig kalkulierbare Rahmenbedingungen entschieden.
Stand: 08.12.2025
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Im Entwurf des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes vorgesehene Regelungen drohten jedoch genau diese Planungssicherheit zu untergraben. „Wenn Investitionsrisiken steigen und Erlösperspektiven unsicherer werden, gerät die Attraktivität des Standorts insgesamt unter Druck.“ Das könne sich am Ende zulasten von Innovation, Beschäftigung und Wertschöpfung auswirken.
„In der jüngeren Vergangenheit haben wir im Land eine Reihe von Entscheidungen erlebt, bei denen Investitionen zurückgestellt, Produktionen verlagert, Standorte überprüft oder Arbeitsplätze abgebaut wurden“, sagte der Präsident der Landesvereinigung Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz (LVU), Johannes Heger. „Die strukturellen Standortprobleme sind damit nicht mehr abstrakt.“ Sie kämen konkret in den rheinland-pfälzischen Unternehmen an – und das in schwieriger wirtschaftlicher Lage. Sieben der zehn umsatzstärksten Industriebranchen hätten 2025 Erlösrückgänge hinnehmen müssen.
Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Michael Ebling (SPD) kündigte an, das Land werde sich in Berlin einbringen, damit die Rahmenbedingungen für die Pharmabranche attraktiv und vor allen Dingen planbar blieben. Er wertete es als gute Nachricht, dass Eli Lilly zumindest weiter an Alzey festhalte und den Betrieb dort im kommenden Jahr starten wolle. „Das Unternehmen signalisiert zudem Gesprächsbereitschaft bei veränderten Rahmenbedingungen auf Bundesebene“, sagte Ebling.
„Berlin muss daher jetzt schleunigst handeln, sonst verliert Deutschland Kompetenzen nicht nur als Pharma-, sondern auch als Innovationsstandort insgesamt“, mahnte Ebling.
In Berlin sagte eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums, unternehmerische Entscheidungen gegen den Standort seien bedauerlich.
Sie zeigten, dass die Herausforderungen besonders auch wegen der US-Pharmapolitik sehr ernst zu nehmen seien. Der deutsche Markt bleibe aber trotz der diskutierten Maßnahmen mit dem Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung attraktiv für die Pharmabranche.