Herausforderung Anlagen-Turnaround

Boxenstopp für eine Raffinerie – Einblicke in einen nicht alltäglichen Turnaround

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„Die Pläne für zukünftige Entwicklungen liegen fertig in der Schublade. Wenn der Turnaround in die Hose geht, werden einige Investitionen nicht stattfinden“,“
 Rainer Gross, Bereichsleiter Turnaround bei Bilfinger
„Die Pläne für zukünftige Entwicklungen liegen fertig in der Schublade. Wenn der Turnaround in die Hose geht, werden einige Investitionen nicht stattfinden“,“
 Rainer Gross, Bereichsleiter Turnaround bei Bilfinger
(Bild: Nadine Rupp/Bilfinger)

Neben präzisem Planen und exaktem Kalkulieren sind auch Flexibilität und entschlossenes Reagieren wesentliche Eigenschaften eines erfolgreichen Projektprofis. Wenn Millionen auf dem Spiel stehen, ist für Unentschiedenheit kein Platz. Keine Ausnahmen, und zwar für niemanden, gibt es beim Thema Sicherheit: Sicherheitsausrüstung, Gaswarner und mehrstündige Schulungen sind selbstverständlich. Mit unangekündigten Kontrollen und Prüfungen wird freundlich, aber bestimmt auf die Risiken und Gefahren hingewiesen. Mit ihren brennbaren, reizenden und gesundheitsschädlichen Produkten und Materialien ist eine Raffinerie eben keine Anlage wie jede andere.

Ergänzendes zum Thema
Das Projekt
Turnaround in Europas Erdöl-Hauptstadt

Rotterdam ist der wichtigste Umschlagpunkt für Erdöl in Europa: Der Hafen kann auch von voll beladenen Supertankern angelaufen werden und ist über Pipelines mit Antwerpen und dem Ruhrgebiet verbunden. 2004 wurden in Rotterdam 101 Millionen Tonnen Öl gelöscht. Zentrum der Petrochemie sind die Häfen Europoort und Botlek, wo sechs Hafenbecken für Tankschiffe reserviert sind. Hier befindet sich auch die Raffinerie von Q8, einer Tochter von Kuwait Petroleum. Die Raffinerie produziert hauptsächlich Schmierstoffe (pro Jahr fast zwei Millionen Barrel), aber auch Gas, Benzin, Diesel, Bitumen, Schwefel und Kerosin. Q8 beschäftigt in Rotterdam etwa 350 Mitarbeiter.

Bilfinger ist seit 2006 Service- und Engineering-Partner von Q8 und hat in dieser Zeit vier Teilstillstände begleitet. Seit 2013 gibt es ein neues Turnaround-Konzept: Wurden bisher im Zweijahres-Turnus Teile der Anlage neugestartet, soll nun ein Gesamtstillstand alle fünf Jahre sämtliche anfallenden Arbeiten auf der Anlage in einen Zeitraum von circa zwei Monaten bündeln. Dabei werden beide Anlagenteile, die Schmieröl-Raffinerie sowie die Benzin-Produktion heruntergefahren, gewartet und neu gestartet.

Nicht nur auf der Baustelle gilt das Prinzip Zero Tolerance – auch das Projektmanagement lässt keinen Spielraum für Fehler. Für Bilfinger steht ein Auftrag mit 30 Millionen Euro Wert auf dem Spiel – für Q8 und Rotterdam aber die Zukunft eines Standorts. „Die Pläne für zukünftige Entwicklungen liegen fertig in der Schublade. Wenn der Turnaround in die Hose geht, werden einige Investitionen nicht stattfinden“, erklärt Gross. Bis heute verfügt die in den 1980ern gebaute Raffinerie nicht über einen Hydrocracker – dabei gilt dieser Verfahrensschritt in der Petrochemie als „State of the art“. Will ein Raffineriebetreiber langfristig erfolgreich sein, ist eine derartige Anlage beinahe Pflicht. Und in Rotterdam? „Der Plan ist fertig – der Bauplatz schon ausgewiesen, aber kommen wird der Cracker nur, wenn wir hier Erfolg haben.“ Nicht nur im Motorsport werden Rennen eben auch in der Boxengasse entschieden.

* Der Autor ist Redakteur bei PROCESS. E-Mail-Kontakt: dominik.stephan@vogel.de

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