Worldwide China Indien

Exklusiv-Interview: Wirtschaftliche Wasserversorgung

„Wir benötigen eine noch bessere Datenbasis“

| Autor / Redakteur: Dipl. Ing. Hans-Jürgen Bittermann* / Manja Wühr

Dr.-Ing. Hermann Löhner
Bildergalerie: 3 Bilder
Dr.-Ing. Hermann Löhner (Bild: Fernwasserversorgung Franken)

Die Fernwasserversorgung Franken (FWF) ist ein rein kommunaler Zweckverband und versorgt weite Teile Mittel- und Unterfrankens mit Trinkwasser. Mit einer jährlichen Wasserabgabe von rund 18 Millionen Kubikmeter gehört sie zu den Top 5 der bayerischen Wasser­versorgungsunternehmen. Die FWF betreibt ein Fernleitungssystem mit über 1100 km Rohrleitungen, über 2500 Schachtbauwerken und mehr als 100 betrieblichen Stationen. Die Redaktion sprach mit Werkleiter Dr.-Ing. Hermann Löhner über aktuelle Managementfragen.

PROCESS: Herr Löhner, im Oktober 2018 haben Sie im Rahmen der Gat / Wat die Themensession „Asset Management – ist der Wirkungsgrad bei Anlagen und Netzen schon voll ausgereizt?“ moderiert. Welche Antworten gab es auf diese Frage?

Löhner: Der Wirkungsgrad – im Sinne von Nutzen-Aufwand-Verhältnis – ist sicherlich noch nicht überall zu 100 Prozent ausgereizt. Insbesondere in der Elektro-, Prozess- und Automatisierungstechnik sehe ich in unserer Branche ein hohes Optimierungspotenzial. Die Herausforderung liegt aber zunächst darin, die Potenziale zu identifizieren und geeignete Maßnahmen und die erforderlichen Nebenbedingungen abzuleiten. Wir sind also zunächst wieder bei klassischen Management-Themen, wie u.a. das Technische Anlagenmanagement, das Technische Sicherheitsmanagement (TSM), das Risikomanagement, Qualitätsmanagement oder das IT-Sicherheitsmanagement. Deshalb ist auch die Weiterentwicklung und insbesondere die Verzahnung von etablierten Management-Instrumenten für Wasserversorgungsunternehmen sehr wichtig.

Wissen ist Wettbewerbsvorteil Ob Branchennews, innovative Produkte, Bildergalerien oder auch exklusive Videointerviews. Sichern auch Sie sich diesen Informationsvorsprung und abonnieren Sie unseren redaktionellen Branchen-Newsletter „Wasser/Abwasser“.

In vielen Wasserversorgungsunternehmen sind Kennzahlenvergleiche und das Benchmarking etabliert. Alle aktiv Beteiligten wissen, dass der eigentliche Mehrwert nach der Kennzahleninterpretation durch die Identifikation der entscheidenden Erfolgsfaktoren entsteht. Dies geht nicht ohne Dialoge und einem gut moderierten Erfahrungsaustausch unter Praktikern. Beispielhaft steht für mich hier, wie sich die Branche über Kennzahlen mit dem Thema Wasserverluste weiterentwickelt hat. So werden zwischenzeitlich zur Beurteilung und Maßnahmenableitung nicht nur die reinen Wasserverluste aus der Wassermengenbilanz herangezogen. Auch die Entwicklungen der Schadensraten, Investitionspläne, Netzstrukturen, Versorgungsunterbrechungen können berücksichtigt werden. So können die im Netz erforderlichen Erneuerungsmaßnahmen sowie Inspektions- und Wartungszyklen zielgerichtet abgeleitet werden. Das so genannte ‚Gießkannen-Prinzip‘ mit festen Intervallen kann entfallen. Die Diskussionen auf der Wasserfachlichen Aussprachetagung (Wat) haben gezeigt, dass zur wirtschaftliche Bewertung von Wasserverlusten, die in den letzten 20 Jahren gesammelten Erfahrungen zum Asset Management von Rohrnetzen, nun maßgeblich genutzt werden. Es ist eine breite Datenbasis in den Unternehmen vorhanden. Dadurch ist ein weiterentwickeltes Instrument zur zukunftsorientierten Gestaltung der Betriebs- und Instandhaltungsstrategie im Wasserrohrnetz entstanden.

PROCESS: Wo sehen Sie generell die Stellschrauben für eine wirtschaftliche Wasserversorgung?

Löhner: Wir benötigen eine noch bessere Datenbasis, um effizient die ‚richtigen‘ Maßnahmen ableiten und umsetzen zu können. Vom IWW-Zentrum Wasser wird derzeit das DVGW-Forschungsprojekt W 201743 „Werkzeuge für das Technische Anlagenmanagement von Wasserversorgungsanlagen“ durchgeführt. Durch das Forschungsvorhaben sollen praktikable Hilfestellungen für die Integration eines technischen Anlagenmanagements in Wasserversorgungsunternehmen erarbeitet werden. Fragestellungen hierbei sind u.a.: Welche Datenbasis und -qualität muss zur Verfügung stehen und welche Instrumente sind geeignet? Der Fokus liegt auf allen technischen Einrichtungen und Betriebsmitteln entlang der Wertschöpfungskette der Wasserversorgung. Es soll exemplarisch aufgezeigt werden, wie die Informationen für Entscheidungsfindungsprozesse im Rahmen des Technischen Anlagenmanagements genutzt werden – etwa zur Priorisierung, Risikobewertung, Budgetplanung und -steuerung sowie zur Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Hierbei spielen die verschiedenen IT-Anwendungen und insbesondere deren Vernetzung bzw. die nahtlose Integration von Datensätzen eine tragende Rolle. Die Umsetzung einer effizienten und zielgerichteten Digitalisierungsstrategie in Wasserversorgungsunternehmen gewinnt damit ebenfalls an Bedeutung. Folgerichtig müssen auch die Ergebnisse des DVGW-Forschungsprojektes „Reifegradmodell Wasserversorgung 4.0“, das ebenfalls vom IWW durchgeführt wird, hier Beachtung finden.

PROCESS: Gibt es nicht einen grundsätzlichen Zielkonflikt zwischen „Effizienz“ und „Zuverlässigkeit“?

Löhner: Diesen Zielkonflikt darf es nicht geben! Wasserversorgung gehört zur kommunalen Daseinsvorsorge. In der DIN 2000 sind die Leitsätze für Anforderungen an Trinkwasser, Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung der Versorgungsanlagen formuliert. Die Aspekte der Sicherheit, Qualität, Nachhaltigkeit, Kundenzufriedenheit und Wirtschaftlichkeit sind dabei als gleichrangige Ziele für Wasserversorgungsunternehmen formuliert worden.

Das durch die deutsche Wasserbranche langjährig entwickelte und durch den DVGW veröffentlichte Kennzahlen- und Benchmarkingsystem enthält eine umfangreiche Sammlung von ausführlich beschriebenen Datenvariablen, Kennzahlen und Strukturmerkmalen für Wasserversorgungsunternehmen. Es bildet die zentrale Basis für die Beurteilung der unternehmerischen Ausgangssituation und zugleich Planung und Steuerung der Unternehmensentwicklung.

PROCESS: Sie haben mehrfach in Vorträgen wie auch in Fachbeiträgen die SWOT-Analyse als Management-Instrument für Wasserversorgungsunternehmen empfohlen, also die Identifikation von Stärken, Schwächen sowie Chancen und Risiken. Da scheint es zunächst einmal um viel Theorie zu gehen. Wo sehen Sie den praktischen Nutzen?

Löhner: Der praktische Nutzen liegt darin, die fünf Ziele für Wasserversorgungsunternehmen – Sicherheit, Qualität, Nachhaltigkeit, Kundenzufriedenheit und Wirtschaftlichkeit – gleichrangig zu berücksichtigen. Dies ist mitunter sehr komplex, da bei Unternehmensentscheidungen verschiedene Wechselwirkungen bestehen. Eine nachhaltige Investitionsstrategie, kombiniert mit einem erhöhten Betriebsaufwand, kann dazu führen, die Versorgungssicherheit maßgeblich zu verbessern. Die Kosten werden dadurch ansteigen. Eine Wasserpreiserhöhung wird erforderlich, um die Kostendeckung und somit auch Wirtschaftlichkeit des Unternehmens zu sichern. Welche Auswirkungen hat dies aber auf die Kundenzufriedenheit? Ist der Kunde zufriedener, weil sein Wasserversorger nachhaltiger arbeitet, weniger Versorgungsausfälle stattfinden und sich die Wasserverluste reduzieren? Oder sieht der Kunde allein die Konsequenzen auf der Wasserrechnung und somit in seinem Geldbeutel? Die Identifikation von Maßnahmen für die Modernisierung eines Wasserversorgungsunternehmens darf nicht allein auf der Elimination der Differenzen aus einem Soll-Ist-Vergleich geschehen. Eine in die Zukunft gerichtete Analyse der Chancen und Risiken ist ebenso erforderlich. Nur eine Bestandsanalyse, kombiniert mit einer Prognose und der Einschätzung von zukünftigen Herausforderungen, liefert zielgerichtete Leitlinien und praxisorientierte Optionen für eine ganzheitliche Unternehmensentwicklung des Wasserversorgers. Die SWOT-­Analyse kann eine Verbindung schaffen zwischen der Entscheidungsfindung und Festlegung der mittel- und langfristigen Rahmenkonzeption unter Berücksichtigung zahlreicher unternehmerischer Handlungsspielräume (Rahmenplanung/Strukturentwicklung) und der Projektentwicklung, der Planung und dem Bau von Systemkomponenten, der Weiterentwicklung und Pflege der Systemstrukturen sowie dem Controlling.

Wasser- und Abwasser-Geschichten (Bildergalerie)

PROCESS: Ihr Unternehmen hat ein Energiemanagementsystem (EnMS) nach DIN EN ISO 50001 eingeführt und betreibt ein Technisches Sicherheitsmanagement nach DVGW Arbeitsblatt W 1000. Wie sind Ihre Erfahrungen damit – was waren/sind die Herausforderungen, welche Vorteile erkennen Sie?

Löhner: Managementsysteme in Unternehmen einzuführen und am Leben zu halten, hat erst einmal grundsätzlich viel mit Disziplin und Ausdauer zu tun. Der Nutzen ist für jeden einzelnen Mitarbeiter zunächst nicht erkennbar. Es wird als zusätzliche bürokratische Last empfunden. Wichtig ist es deshalb, den Mehrwert für das Unternehmen und jeden Einzelnen herauszuarbeiten und zu kommunizieren. So haben wir kurz und prägnant auf einer Seite den Nutzen des Energiemanagement-Systems für die Fernwasserversorgung Franken auf einer Seite dargestellt und über viele Kommunikationsmedien, wie u.a. unser Intranet, bereitgestellt. Wir nutzen neben den klassischen persönlichen Unterweisungen auch interaktive E-Learnings für unsere Managementsysteme. Dadurch konnten wir die Akzeptanz bei den Mitarbeitern deutlich steigern.

Wichtig ist es auch, der Belegschaft darzustellen, dass die vorausschauende Planung, Umsetzung und Steuerung von gezielten Maßnahmen zu den Aufgaben einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung gehören. Egal, ob es um das Technische Sicherheitsmanagement geht oder um das Energiemanagement – Ziel ist es, den PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act) aufrecht zu erhalten. Der kontinuierliche Verbesserungsprozess führt zwangsläufig zu einer Modernisierung des Wasserversorgungsunternehmens.

PROCESS: Wasserversorgung zählt zu den „kritischen Infrastrukturen“ – wie schützen Sie Ihr Netz gegen Cyberangriffe?

Löhner: Eine in der Tat große Herausforderungen in Zeiten der Digitalisierung und stärkeren Vernetzung. Die Vernetzung ermöglicht zwar die dringend benötigte effiziente, leistungsfähige und moderne Steuerung unseres Wasserversorgungssystems und bringt darüber hinaus neue Chancen für datengetriebene und digitale Geschäftsmodelle. Mit der zunehmenden Digitalisierung werden jedoch auch die Risiken komplexer und mögliche Schadensauswirkungen deutlich höher. Wichtig ist für uns, das Risiko von ‚Datenlecks‘ zu vermeiden. Sensible Unternehmensdaten, Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse oder Kundendaten dürfen nicht verloren gehen, da hierdurch schnell hohe finanzielle Schäden entstehen können. Auch das so genannte ‚Social-Engineering‘ kann unser Unternehmen an empfindlichen Stellen treffen, wenn keine passenden Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.

Das Thema Cybersicherheit hat bei uns einen hohen Stellenwert, verbunden sind damit viele kleine Maßnahmen zur Verbesserung der Informationssicherheit. Neben der rein technischen Absicherung sind auch personelle und organisatorische Maßnahmen vorgesehen. Unser wichtigstes Ziel ist es, Mitarbeiter und Management des eigenen Unternehmens für Gefahren und verdächtige Situationen zu sensibilisieren. Denn E-Mails oder manipulierte Webseiten stellen nach wie vor noch die mit Abstand häufigsten Infektionswege mit Schadsoftware dar. Wir versuchen durch regelmäßige Schulungen und interne Kommunikationskampagnen einen Beitrag für einen sicheren Umgang mit Unternehmensdaten zu leisten. Inhalte der Schulungen sind beispielsweise der sichere Umgang mit Daten und Unternehmens-IT am Arbeitsplatz.

Herr Löhner, wir danken für das Gespräch.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45823066 / Wasser/Abwasser)