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Industrie 4.0 im Großanlagenbau Kosten senken und Geschäftsmodelle überdenken

Autor: Gerd Kielburger

Was bringt Industrie 4.0 für den deutschen Großanlagenbau? Eine Gemeinschaftsstudie von VDMA und der Unternehmensberatung Maexpartners versucht auf diese Frage Antworten zu geben. Vorweg: Die Branche steckt im Dilemma zwischen zunehmendem Wettbewerbsdruck, einem fundamentalem Umbruch und historisch eher konservativem Denken und Handeln. Chancen durch Industrie 4.0 werden zwar gesehen, aber werden sie auch zu Ende gedacht und umgesetzt? Und welche Folgen hat das für die Lieferanten? Könnte ein neues Leading-Technology-Country-Sourcing schon bald die Philosophie des Best-Cost-Country-Sourcing ablösen?

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Was bringt Industrie 4.0 im Anlagenbau? Bei der Vorstellung der Gemeinschaftsstudie von Maexpartners und VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau: (v.l.n.r.) Dr. Sven Haverkamp (Maexpartners), Dr. Markus Reifferscheid (Leiter Zentralbereich Entwicklung bei SMS group), Dr. Rainer Hauenschild (CEO Energy Solutions der Siemens AG) und Klaus Gottwald (Referent AGAB im VDMA)
Was bringt Industrie 4.0 im Anlagenbau? Bei der Vorstellung der Gemeinschaftsstudie von Maexpartners und VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau: (v.l.n.r.) Dr. Sven Haverkamp (Maexpartners), Dr. Markus Reifferscheid (Leiter Zentralbereich Entwicklung bei SMS group), Dr. Rainer Hauenschild (CEO Energy Solutions der Siemens AG) und Klaus Gottwald (Referent AGAB im VDMA)
(Bild: PROCESS / Gerd Kielburger)

Der deutsche Großanlagenbau stöhnt ob des zunehmenden Wettbewerbsdruck: Anbieter aus Asien gewinnen immer mehr Marktanteile. Der Wettbewerb um die Gunst der Betreiber hat signifikant zugenommen und wird auch in den kommenden Jahren weiter steigen, ist man sich in der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA (kurz AGAB) sicher. Ob Chinesen, Japaner, Koreaner, Inder oder auch Amerikaner – deutsche und europäische Anlagenbauer haben es zunehmend schwer, sich gegen extrem preisaggressive Wettbewerber durchzusetzen, die immer öfter auch noch eine Finanzierung mitbringen. Technologieführerschaft, mit denen deutsche Anbieter in der Vergangenheit punkteten, reicht zukünftig alleine nicht mehr aus. Die Branche sucht händeringend nach weiteren, schlagenden Argumenten und USPs.

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Fündig werden könnten die deutschen Technologieführer in der digitalen Welt von Big Data und Co., so die Einschätzung der Studienersteller von Maexpartners und VDMA. Vor diesem Hintergrund befragte man die Top-Manager des deutschen Großanlagenbaus, welche Chancen Industrie 4.0 und die Digitalisierung im Allgemeinen zur Verbesserung der Wettbewerbsposition bieten können.

Die Auswertungen aus 43 Rückmeldungen sind ambivalent: von hoffnungsvoller Zustimmung bis maßloser Unterschätzung der disruptiven Entwicklung. Die deutschen Anlagenbauer sind bei weitem noch nicht auf einheitlichem Niveau und sehen sich für Industrie 4.0 nicht ausreichend gerüstet. Dennoch herrscht Zuversicht: Wie die vorliegende Studie belegt, sehen deutsche Großanlagenbauer im Einsatz von Industrie 4.0-Technologien einen wichtigen Hebel, um die Effizienz seiner Prozesse zu steigern. Zu dieser Einschätzung gelangt jedenfalls Dr. Rainer Hauenschild, Sprecher der AGAB und CEO Energy Solutions der Siemens AG bei der Bewertung der Umfrageergebnisse. „Besonders groß ist das Potenzial nach Ansicht der Befragten in der Logistik, auf der Baustelle und im Engineering“, stellt Hauenschild heraus.

Spürbare Kostensenkung durch Industrie 4.0 erwartet

Zwei Drittel der Befragten erwarten demnach in den kommenden fünf Jahren spürbare Kostensenkungen durch den Einsatz von Industrie 4.0-Technologien im Engineering. Immerhin kommt es vor, dass selbst bei einem als fortschrittlich eingestuften Anlagenbauer das Global Sourcing noch alle erdenklichen Kommunikationsmittel bis hin zur Fax-Anfrage zum Einsatz kommen.

Umso erfreulicher, dass mit dem Einsatz von RFID und Co. beispielsweise bei der Wareneingangskontrolle noch mehr Potenziale im Logistik- und Baustellenmanagement gehoben werden sollen. Das erhoffen sich zumindest rund 90 % der Studienteilnehmer. Eine größere Effizienz könnte – damit verbunden – durch Nachverfolgbarkeit der Bauteile, Termintreue und Qualitätskontrolle entstehen. Für Dr. Sven Haverkamp, Senior Manager und Industrie 4.0-Experte bei Maexpartners, ein echter Vorteil: „Mit einer echtzeitnahen Statusermittlung können Anlagenbauer auf Baustellenstörungen unverzüglich reagieren oder sie im Idealfall sogar ganz vermeiden“. Die Steuerung der Baustelle wird in Teilen automatisiert und die Qualität der As-Built-Unterlagen wird zunehmen, sind sich die Befragten zu 88 % sicher. Etwa zwei Drittel der Befragten erwarten, dass dadurch auch die Engineering-Kosten sinken und sogar 73 % erwarten, dass sich die Durchlaufzeiten des Engineerings und somit auch das Time to Market verkürzt. Damit eingeschlossen sein dürfte auch die Nutzung von vorgefertigten Teilanlagen, Modulen und Skids. Nur weniger als die Hälfte der Umfrageteilnehmer (knapp 40 %) erwartet dagegen, dass der Anteil an externem Engineering zunimmt und die entsprechenden Kosten damit sogar steigen.

Löst Leading-Technology-Country-Sourcing das bisherige Best-Cost-Country-Sourcing ab?

Doch können die ehrgeizigen Ziele ohne Anpassung in der Unternehmensorganisation im Anlagenbau oder den Geschäftsprozessen erreicht werden? Nein, meint Dr. Markus Reifferscheid, Leiter Zentralbereich Entwicklung bei der Düsseldorfer SMS Group. Die Studie zeige, dass vor allem im Engineering-Prozess sowie in der Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten Änderungen erwartet werden. So sei absehbar, dass sich der Datenaustausch zwischen Anlagenbauern, Lieferanten und Betreibern in den kommenden Jahren deutlich intensivieren werde. Doch wo Sonnenschein herrscht, sind die Wolken bekanntlich nicht weit und so rücken neben der Frage der Datensicherheit auch Haftungsfragen sowie die Frage der Eigentums- und Nutzungsrechte an den Daten stärker in den Blickpunkt. Das Thema birgt noch ein hohes Maß an Sprengkraft, wissen Experten zu berichten.

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