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Förderung von Early-Stage-Firmen

Gründerwelle endlich auch in der Chemie angekommen

| Autor/ Redakteur: Dr. Ulla Reutner* / Anke Geipel-Kern

Förderung von Early-stage-Firmen durch die Prozessindustrie nimmt Fahrt auf – Startups müssen nicht in die Höhle der Löwen, um Finanziers für ihre Geschäftsidee zu finden. Immer mehr Unternehmen der Prozessindustrie bieten sich an. Einige haben schon lange die Förderung von „Early-stage Firmen“ als Teil ihres Innovationsprozesses etabliert. Andere starten aber erst – und das mit zum Teil dreistelligen Millionenbeiträgen als Wagniskapital. Neben der üblichen Förderung durch eine Minderheitsbeteiligung finden sie auch andere kreative Wege wie Acceleratoren und Inkubatoren.

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Die Kooperation mit einem Chemieunternehmen ist oft das Ziel eines Gründers.
Die Kooperation mit einem Chemieunternehmen ist oft das Ziel eines Gründers.
(Bild: c ikostudio - stock.adobe.com)

Eine einzigartige Geschäftsidee und vielversprechende Marktchancen, aber das Startkapital ist über die Hausbank oder einen üblichen Gründerkredit unmöglich zu beschaffen? Diese Situation finden gerade High-tech-Startups vor. Ihr Metier ist nicht selten zu komplex und speziell, um Branchenfremde von der Tragfähigkeit des Business-Plans zu überzeugen. Investoren zu finden, die das Risikokapital für ein hochspezialisiertes Unternehmen im Early-Stage geben, kann dann wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen aussehen.

Als Vorreiter der Startup-Förderung in der Prozessindustrie gelten die Pharmariesen. Insbesondere Biotech-Startups profitieren seit rund fünf Jahren davon. Es war auch höchste Zeit. Denn viele der hochinnovativen, zukunftsweisenden Ideen der Biotechnik-Unternehmen versickerten auf dem Weg von der Laborentwicklung zur Marktreife. Klassische Venture-Capitalisten ließen den Startups oft zu wenig Zeit. In der Finanzkrise war dann endgültig kein Geld mehr da – viele Startups scheiterten. Doch die leeren Produktpipelines der Pharmafirmen und, wie Kritiker kolportieren, deren Ideenlosigkeit führten vor rund fünf Jahren dazu, dass sich etliche der Biotech-Startups über den Einstieg von Investoren freuen konnten, die das Geschäft kennen und ihnen die nötige Zeit für die Entwicklung zugestehen.

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Chemie-Industrie macht Wagniskapital locker

Zunehmend kommen nun auch Unternehmen der chemischen Industrie auf den Geschmack: Investitionen in Startups, deren Geschäftsidee zum eigenen Portfolio und der Mission-und-Vision-Strategie des eigenen Unternehmens passt, werden in mehr und mehr Unternehmen Bestandteil des eigenen Innovationsprozesses. Selten bleibt die Förderung auf die klassische Venture-Capital-Beteiligung beschränkt, bei der die Investoren nach einigen Jahren entweder das Wagniskapital verloren oder vervielfacht ist.

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Und das in dreierlei Hinsicht. Einige der fördernden Konzerne steuern auch Raum und Technik bei, sodass die Startups für weitere Entwicklungen beste Bedingungen vorfinden. Darüber hinaus unterstützen manche Förderer mit Manpower, oft aus dem obersten Management, und mit Beratungsleistung, die für Startups unbezahlbar bleiben würde. Zum dritten gilt aber umgekehrt: Eine wirklich lohnende Geschäftsidee soll idealerweise das Produktangebot des Geldgebers bereichern.

Langfristiges Engagement fördert neue Therapieansätze

Einen solchen strategischen Ansatz fährt zum Beispiel der Boehringer Ingelheim Venture Fund seit 2009. Er investiert dabei nicht nur in neuartige Ansätze und Technologien innerhalb der Entwicklungsschwerpunkte des Pharmakonzerns, sondern leistet sich auch die Förderung jenseits der eigenen Forschungsfokusse. Der Aufbau langfristiger Beziehungen mit den Innovatoren, die neue Therapieansätze darstellen können ist eines der wesentlichen Ziele. Neue Kooperations- und Investitionsmöglichkeiten sollen so eruiert werden. Die Liste des aktuellen Fonds-Portfolios beginnt 2011 und umfasst fast 20 vielversprechende Unternehmungen.

Jüngst stieg der Pharmakonzern etwa bei der 2016 gegründeten Cardior aus Hannover ein, die sich der Vorbeugung und Behandlung von Herzfehlern verschrieben hat und dazu eine RNA-Technik nutzt. Der akademische Spin-off der Medizinischen Hochschule Hannover, gegründet 2016, wird zudem mit Bristol-Myers Squibb durch ein weiteres Pharmaunternehmen sowie durch drei spezialisierte VC und Fonds unterstützt: durch Biomedpartners, Life Sciences Partners sowie den High-tech Gründerfonds. Als Gewinner der Startup-Challenge auf den Deutschen Biotechnologietagen 2017 gelang es dem jungen Unternehmen, binnen kurzer Zeit Investitionen in Höhe von 15 Mio. Euro zu ergattern.

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Nachgefragt bei Dr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer High-Tech Gründerfonds
„Das Start-up-Potenzial in der Chemie ist bei Weitem nicht ausgeschöpft“

Von gut funktionierenden Biotech-Start-ups hat man schon gehört, von Chemie-Start-ups weniger. Woran liegt das, Herr Dr. Brandkamp? Ist das Feld der Innovationen durch die Großchemie schon so besetzt, dass Start-ups seltener Nischen finden als in anderen Branchen?

Dr. Michael Brandkamp, Managing Director von High-Tech Gründerfonds: Aus unserer Sicht ist das Potenzial für Start-ups in der Chemie bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Die Gründerszene bleibt weit hinter den Möglichkeiten zurück. Es gibt eine tolle Wissenschaftsgemeinschaft und eine äußerst starke Industriebranche. In Relation dazu sind es viel zu wenig Start-ups. Der Engpass ergibt sich nicht aus dem Mangel an tollen Ideen oder unternehmerischen Chancen. Die Entrepre­neurship-Kultur in der Chemie ist zu wenig ausgeprägt. Das fängt schon bei den Universitäten an. Viele Professoren sind sehr konservativ. Sie wollen Erkenntnisgewinn betreiben, aber nicht wirklich Innovationen hervorbringen, die am Ende auch zu tollen betriebswirtschaftlichen Ergebnissen führen. Absolventen denken zu selten an die Gründung eines eigenen Unternehmens. Auch Wissenschaftler, die bereits erste Erfahrung in der Industrie gesammelt haben, sind aufgerufen, zu gründen und erfolgversprechende Ideen unternehmerisch und selbstständig umzusetzen.

Ist das im Pharmasektor anders?

Brandkamp: Ja, dort existiert ein Businessmodell, das sowohl Investoren als auch Gründer gut verstanden haben. Gute wissenschaftliche Ergebnisse werden in ein Start-up überführt und mit Venture Capital finanziert. So entstehen Wirkstoffkandidaten, die in eine klinische Phase geführt werden. Die Pharmaindustrie kauft sie zu durchaus sehr hohen Beträgen auf. Ein sehr schönes Beispiel ist Rigontec, das neue Ansätze in der Krebsimmunotherapie gefunden hat. Eben wurden sie von MSD (Merck & Co., USA) gekauft. Eine Vorauszahlung von 115 Millionen Euro und – meilensteinabhängig – weitere Zahlungen in Höhe bis zu 349 Millionen Euro werden hier fällig.

Bei Ihrem dritten Gründerfonds, der im Mai 2017 mit einem Volumen von 245 Millionen Euro startete, sind mehr Chemie- und Pharmaunternehmen als bisher im Boot?

Brandkamp: Deutlich! Wir haben diesmal sieben Chemieunternehmen in unserem dritten Fonds.

Ist das ein Indiz dafür, dass auch die Großchemie die Chance erkannt hat, auf diese Art und Weise an Innovationen zu kommen?

Brandkamp: Unbedingt, die Chemie ist sehr daran interessiert, Innovationen zu entdecken und mit Start-ups zusammenzuarbeiten. Denn die Dynamik von Innovationen, auch getrieben durch die Digitalisierung, nimmt sehr stark zu. Zugleich ist die Geschwindigkeit großer Unternehmen, Innovationen hervorzubringen und selbst zu entwickeln, limitiert. Daher haben Unternehmen die berechtigte Sorge, dass sie nicht schnell genug innovieren. Sie brauchen also Innovationen von außen. Da ist die Start-up-Szene eine gute Quelle. Weil die Chemieindustrie auch über den Tellerrand hinausschaut, z.B. auch in IT-Unternehmen und in den Maschinenbau, profitiert sie von einer Zusammenarbeit mit dem Hightech-Gründerfonds besonders. Wir decken auch Umweltthemen und Digitalisierung mit ab.

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