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Offenheit beschleunigt das Innovationstempo der Konzerne
Neuer sind die Erfahrungen weiterer Unternehmen der Prozessindustrie mit der Förderung von Startups. Air Liquide etwa hat seinen Venture Capital-Arm „ALIAD“ (Air Liquide Venture Capital) erst 2013 gegründet. Seitdem flossen Gelder in sehr unterschiedliche junge Unternehmen. Im ersten Quartal 2017 etwa beteiligte sich Aliad an Ubleam, einem Start-up in Toulouse mit Schwerpunkt Internet of Things. Das Unternehmen entwickelt eine Markierungstechnik, die Kunden zuverlässig mit Informationen versorgen soll. Diese Markierungen sollen in Zylinder für Industrie- oder medizinische Gase integriert werden.
Ein weiteres Investment betraf Dietsensor, ein französisches Unternehmen für gesunde Ernährung, das eine App für Diabetiker entwickelt hat. Gleichzeitig mit den neuen Investitionen bekräftigte Francois Darchis, Senior Executive Vice President von Air Liquide, dass auch die Startups, die Aliad bereits länger unterstützt, weiterhin damit rechnen dürfen: „Die Langzeitinvestition von Aliad in technologische Startups ist Bestandteil von Air Liquides Strategie der Open Innovation. Dieser Ansatz beschleunigt unser Innovationstempo. Gleichzeitig ermöglicht es den Startups, von unserer industriellen und technologischen Erfahrung zu profitieren und einen Zugang zu möglichen Kunden weltweit zu erlangen.“
Thematisch breit aufgestellt ist der Investment-Fokus von Henkel. Er reicht von 3D-Druck über Batterien, Funktionale Beschichtungen, Personalisierung von Produkten und Services bis hin zum Internet of Things. Wie andere Unternehmen der Prozessindustrie auch, hat der Konsumgüter-Konzern seine Venture-Capital-Aktivitäten erst kürzlich ausgeweitet. Im März 2017 kündigte er an, mehr als 25 Mio. Euro in Startups und VC-Fonds zu investieren. Zudem gründete er Henkel Ventures. Insgesamt sollen bis zu 150 Mio. Euro in Startups mit digitaler oder technologischer Expertise investiert werden.
Etwas früher, Anfang 2016, gründete Fresenius seine Einheit Fresenius Medical Care Ventures. Die Beteiligungen fließen jedoch noch nicht so richtig. Ein zweites Förderstandbein hat der Konzern bei seiner Tochter Helios: Der Helios.hub ist ein eHealth-Accelerator, der unter anderem Räume in Berlin.
Interne Startups statt betrieblichem Vorschlagswesen
Nicht nur Externe denken innovativ, die eigenen Mitarbeiter heben ebenfalls gute Ideen. Die meisten Unternehmen der Prozessindustrie versuchen, diese mit Hilfe eines betrieblichen Vorschlagswesens oder internen Ideenwettbewerbs abzuholen. Der Werkstoff-Hersteller Covestro geht nun neue Wege. Er will Mitarbeiter mit innovativen Geschäftsideen im Rahmen einer Startup-Förderung unterstützen. Die Suche nach der besten Idee und dem Team, die diese in einem Startup umsetzt, ist als Wettbewerb aufgezogen. Covestro-Kollegen weltweit können seit Juli 2017 über die Vorschläge der Start-up-Challenge abstimmen. Rund 600 Geschäftsideen wurden eingereicht, Ende Oktober hatten sechs Teams die finale Auswahlrunde erreicht. Zu den Ideen zählen zum Beispiel neue Möglichkeiten, das Abgas Kohlendioxid als Rohstoffquelle. So soll mit CO2 ein nachhaltigeres und besser abbaubares Reinigungsmittel hergestellt werden. Das Covestro-Gründerteam arbeitet hier mit mehreren Forschungspartnern zusammen. Weitere Möglichkeiten sind die nachhaltige Herstellung industrieller Gasgemische aus erneuerbaren Energien und Kohlendioxid – ein Durchbruch für die gesamte chemische Industrie. Auch Ideen zur wertschaffenden Verwendung von Kunststoffabfällen in verschiedenen Industriebereichen und für effiziente Design-Beratung mit Hilfe künstlicher Intelligenz sind im Rennen.
Außergewöhnlich ist auch der „Preis“. Dem Gewinner winken bis zu einem Jahr volle finanzielle Unterstützung bei der konkreten Umsetzung der Startup-Idee. Dr. Markus Steilemann, Covestro-Vorstand für Innovation, Marketing und Vertrieb, kommentiert: „Mit der Start-up Challenge schärfen wir das innovative und nachhaltige Profil unseres Unternehmens weiter. Gleichzeitig bieten wir außergewöhnliche Rahmenbedingungen und verschieben die Grenzen der sonst üblichen Ideenwettbewerbe: Die beste Geschäftsidee soll schnellstmöglich unter realen Bedingungen wachsen können. Innovation geht für uns über klassische Forschung und Entwicklung hinaus – es ist das Anliegen jedes einzelnen Mitarbeiters.“ Wer seine innovativen Geschäftsideen effektiv umsetzen könne, werde auch künftig Ideen schneller vorantreiben, so der Covestro-Manager. Damit ist die Startup-Förderkultur endgültig in der Prozessindustrie angekommen.
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* Die Autorin ist freie Redakteurin der PROCESS. Kontakt: redaktion@process.de
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