Spectaris plädiert für Ausnahme Geht die PFAS-Beschränkung zu weit?

Quelle: Pressemitteilung Spectaris 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Während das PFAS-Beschränkungsverfahren nach der REACH-Verordnung läuft, äußern Industriekreise Bedenken: ein Pauschalverbot sei nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu rechtfertigen. So plädiert etwa der Industrieverband Spectaris dafür, die Stoffgruppe der Fluorpolymere gesondert zu behandeln. Eine neue Meta-Analyse unterstützt diesen Ansatz.

PFAS sollen strenger reguliert werden. Doch für die Unterklasse der Fluorpolymere wünschen sich Industrievertreter eine Ausnahme. Eine Metaanalyse fasst die Gründe zusammen (Symbolbild).(Bild:  KI-generiert / Gemini)
PFAS sollen strenger reguliert werden. Doch für die Unterklasse der Fluorpolymere wünschen sich Industrievertreter eine Ausnahme. Eine Metaanalyse fasst die Gründe zusammen (Symbolbild).
(Bild: KI-generiert / Gemini)

Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) stehen seit Jahren im Mittelpunkt einer intensiven politischen und gesellschaftlichen Debatte. Hintergrund ist, dass bestimmte dieser so genannten „Ewigkeitschemikalien“ aufgrund ihrer Beständigkeit (Persistenz), ihrer Mobilität oder Risiken für Umwelt und Gesundheit weltweit verstärkt in den Fokus von Behörden geraten sind. Die Europäische Union prüft derzeit eine weitreichende Beschränkung der gesamten Stoffgruppe.

Ein Grund für dieses angestrebte General-Verbot: Wenn in der Vergangenheit einzelne Substanzen aus den Reihen der PFAS nach toxikologischen Prüfungen für gesundheitsschädlich erklärt und in einem zeitraubenden Verfahren auf die Verbotsliste gesetzt wurden, kamen oft in kürzester Zeit Ersatzstoffe auf den Markt. Selbst wenn sich diese nur in wenigen Atomen von den verbotenen Substanzen unterscheiden, muss für jeden dieser neuen Stoffe eine neue Gefährdungsbeurteilung erfolgen, ggf. mit anschließendem wiederum langwierigem Verbotsverfahren. Statt also Einzelstoffe zu verbieten, soll nun die gesamte Stoffklasse strenger reglementiert werden.

Ein Name, tausend Gesichter

Hinter dem Sammelbegriff PFAS verbergen sich mehr als 14.000 verschiedene Stoffe, und es kommen immer wieder neue dazu. Doch obwohl sie alle unter eine gemeinsame Bezeichnung fallen, unterscheiden sie sich zum Teil erheblich in ihren chemischen, physikalischen und biologischen Eigenschaften sowie in ihren Anwendungen und potenziellen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.

Eine gesonderte Untergruppe der PFAS sind Fluorpolymere. Sie kommen in zahlreichen Hightech-Anwendungen zum Einsatz – etwa in der Medizintechnik, Photonik, Analytik, Bio- und Labortechnik, Halbleiterfertigung sowie in Energie- und Kommunikationssystemen. Für viele dieser Anwendungen existieren derzeit keine gleichwertigen Alternativen – und es sind auch keine Alternativen in absehbarer Zukunft zu erwarten.

Ziel muss es sein, Gesundheit und Umwelt zu schützen, ohne dabei wichtige Anwendungen in Medizin, Forschung und Industrie zu gefährden. Jetzt braucht es eine kluge Regulierung mit Augenmaß – offen für Rückmeldungen und orientiert an praktikablen Lösungen.

Dr. Janina Bolling, Leiterin des Spectaris-Fachverbandes Analysen-, Bio- und Labortechnik

Anders als jene PFAS, für die Risiken für Mensch und Umwelt bereits nachgewiesen wurden, sind Fluorpolymere weder mobil noch bioakkumulativ und gelten nach aktuellem Wissensstand als toxikologisch unbedenklich. Allerdings können bei ihrer Herstellung und Entsorgung andere Stoffe entstehen, die schädlich sein können. Dennoch lässt sich die Frage aufwerfen: Sollten Fluorpolymere genauso behandelt werden wie alle anderen PFAS, die im Mittelpunkt der regulatorischen Debatte stehen?

Sonderstellung für Fluorpolymere?

Dieser Frage widmet sich der neue Meta-Report „Scientific Report on Fluoropolymers End-of-Life 2026“ der amerikanischen Toxikologin und Regulierungsexpertin Dr. Barbara J. Henry, erstellt im Auftrag des deutschen Industrieverbandes Spectaris.

Der Bericht bewertet den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu den Emissionen am Lebensende von Fluorpolymeren und untersucht, ob die Annahmen des laufenden PFAS-Beschränkungsverfahrens durch die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse gestützt werden.

Das Fazit des Berichts: Fluorpolymere nehmen innerhalb der PFAS eine Sonderstellung ein und sollten im Rahmen der PFAS-Regulierung gesondert bewertet werden. Sie sollten anders als andere PFAS behandelt oder von einer pauschalen Beschränkung ausgenommen werden. So fasst es der Industrieverband Spectaris in einer Pressemeldung zu dem Bericht zusammen. Statt Pauschal-Verbot sollte eine Differenzierung auf Grundlage stoffgruppenspezifischer Risikoprofile erfolgen. Bereits die OECD habe 2021 festgestellt, dass Fluorpolymere zwar aufgrund ihrer chemischen Struktur als PFAS klassifiziert werden, damit aber keine Aussage über ihr Gefahrenpotenzial getroffen werde, heißt es in einer Spectaris-Meldung.

„Fluorpolymere sind für zahlreiche Anwendungen in Medizin, Forschung und Industrie von zentraler Bedeutung“, sagt Jörg Mayer, Geschäftsführer von Spectaris. Eine pauschale PFAS-Beschränkung dürfe Stoffe mit nachweislich unterschiedlichem Risikoprofil nicht gleichsetzen. Die neuen Erkenntnisse zeigten, dass zentrale Annahmen zu Entsorgung und Emissionen überprüft werden müssen, führt Mayer aus. „Letztlich definieren Stoffeigenschaften und Emissionen das Risiko. Wenn also Fluorpolymere kein unannehmbares Risiko darstellen, dürfen sie nicht beschränkt werden. Auch ein Substitutionsgebot entfällt nach dieser Logik.“

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung
Bildergalerie

Emissionen womöglich deutlich überschätzt

Das Thema der Fluorpolymere beleuchtet US-Toxikologin Henry in ihrem Bericht ausführlich und weist darin unter anderem auf wissenschaftliche Studien der vergangenen 20 Jahre hin. Diese zeigten, dass moderne, EU-konforme Verbrennungsanlagen Fluorpolymere heute nahezu vollständig zerstören und die Emissionen am Lebensende damit auf ein marginales Minimum begrenzen können. Unter realen Betriebsbedingungen und bei Einhaltung der geltenden europäischen Standards erreiche man Zerstörungsraten zwischen 99,7 und über 99,9999 Prozent – deutlich über den Annahmen, die dem laufenden Beschränkungsverfahren zugrunde lägen.

„Moderne, EU-normgerechte Verbrennungsanlagen zerstören Fluorpolymere unter realen Bedingungen nahezu vollständig. Das muss bei der Bewertung ihres End-of-Life-Risikos berücksichtigt werden“, fasst die Berichtsverfasserin Henry zusammen.

Auch die Emissionsannahmen selbst stehen Henry zufolge infrage: Nach Analyse des Berichts sind die im ECHA-Hintergrunddokument verwendeten Werte deutlich überschätzt – für Luftemissionen möglicherweise um den Faktor bis zu 10.000, für Emissionen in Wasser und Deponiesickerwasser um etwa den Faktor 33,6. Der Report empfiehlt daher, die zugrunde liegenden Risikobewertungen zu überprüfen.

Fluorpolymere unterscheiden sich grundlegend von anderen PFAS

Auch abseits der Verbrennung unterscheiden sich Fluorpolymere deutlich von vielen anderen PFAS: Die Makromoleküle sind weder wasserlöslich noch haften sie an Böden oder verdampfen in die Luft. Sie weisen eine sehr geringe Bioverfügbarkeit auf und gelten nicht als bioakkumulativ. Zudem benötigen sie keine Weichmacher, Flammschutzmittel oder andere übliche Kunststoffadditive – Fluorpolymere können folglich diese schädlichen Stoffe nicht an die Umwelt abgeben.

Hinsichtlich möglicher Mikroplastik-Risiken sieht die Metareport-Autorin derzeit ebenfalls keine Hinweise auf fluorpolymer-spezifische Gefahren: Die verfügbaren Daten zeigten, dass Fluorpolymere weder durch Sonnenlicht noch im Wasser oder durch mikrobielle Prozesse zu Mikropartikeln zerfallen. Auf Deponien seien sie witterungsbeständig und widerständen Fragmentierung sowie mechanischem Zerfall. Ihr Anteil am gesamten Kunststoffverbrauch in Europa liege zudem nur bei rund 0,1 Prozent.

Bedenken beim Thema Fluorpolymere

Laut Umweltbundesamt (UBA) liegt beim Thema Fluorpolymere der Hauptgrund zur Besorgnis in der Verwendung von fluorierten Prozesshilfsstoffen (fluorhaltige Tenside), welche über Abwasser oder ggf. auch Abluft (bisher nicht gut untersucht) in die Umwelt gelangen.

Einerseits gebe es positive Entwicklungen in manchen Bereichen der Herstellung von Fluorpolymeren auf die Verwendung von fluorierten Prozesshilfsstoffen zu verzichten. Aktuell seine etwa 50 Prozent der globalen Fluorpolymer-Produktion frei von fluorierten Prozesshilfsstoffen, künftig können sogar bis zu 80 Prozent so produziert werden. Und selbst bei vollständigem Verzicht auf die fluorierten Prozesshilfsstoffe sei die Herstellung nicht unbedenklich: Emissionen von ungebundenen Monomeren und anderen fluorierten organischen Stoffen (Kettenvermittler oder auch Polymerisations-Nebenprodukte) können weiterhin auftreten.

Weitere Informationen gibt es im PFAS-FAQ des Umweltbundesamts.

Fazit erst ab Ende 2026 zu erwarten

Ein Abschluss der PFAS-Debatte steht noch aus. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) wertet derzeit mehr als 3.200 Stellungnahmen zum Entwurf des PFAS-Beschränkungsverfahrens aus. Diesen Austausch initiiert hatte der ECHA-Ausschuss für sozioökonomische Analyse SEAC (Committee for Socio-Economic Analysis). Die finale SEAC-Stellungnahme wird bis Ende 2026 erwartet.

Spectaris hat sich in der Debatte klar positioniert. Der Industrieverband plädiert für eine eigenständige wissenschaftliche Bewertung von Fluorpolymeren und ihre Ausnahme von einer pauschalen PFAS-Beschränkung. „PFAS sind keine homogene Stoffgruppe mit identischen Eigenschaften und Risiken“, betont Spectaris-Geschäftsführer Mayer. „Fluorpolymere ermöglichen Anwendungen, die für Patientenversorgung, Forschung und Schlüsselindustrien relevant sind. Ihre Regulierung muss auf belastbaren Daten zu ihren tatsächlichen Eigenschaften, Anwendungen und Emissionen beruhen.“

Originalpublikation: Barbara J. Henry: SPECTARIS Scientific Report on Fluoropolymers End-of-Life 2026 (pdf), June 17, 2026