Immersive Qualifizierung in der Prozessindustrie
Wartung an der virtuellen Gasanlage: Üben, ohne den Betrieb zu belasten

Ein Gastbeitrag von Michele C. Fuhs, Geschäftsführer, Circle4XR 4 min Lesedauer

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In der Prozessindustrie ist die Anlage längst digital abgebildet, die Befähigung der Menschen, die sie warten, folgt dagegen oft noch klassischen Mustern. Sicherheitsrelevante Abläufe lassen sich an der realen Anlage kaum gefahrlos üben, und verteilte Standorte erschweren eine einheitliche Schulung. Am Beispiel dreier vollständig virtualisierter Gasanlagen zeigt sich, wie ein 1:1-Anlagenzwilling zur Trainingsumgebung wird und welche Rolle KI-gestützte Begleitung künftig spielt.

Abb. 1: virtueller Anlagenzwilling der Gasanlage(Bild:  Circle4XR)
Abb. 1: virtueller Anlagenzwilling der Gasanlage
(Bild: Circle4XR)

Die Digitalisierung der Prozessindustrie ist weit fortgeschritten, richtet den Blick aber vor allem auf Anlage und Daten. Die Kompetenz der Menschen, die diese Anlagen warten, wird strukturell vernachlässigt, obwohl im Ernstfall genau sie über Sicherheit und Verfügbarkeit entscheidet. In der Praxis zeigt sich das an drei Punkten: Das zu schulende Personal sitzt oft an verschiedenen Standorten, was eine einheitliche Ausbildung erschwert. An der realen Anlage lassen sich Fehlerbilder nicht gezielt herbeiführen, ohne den Betrieb zu gefährden, sodass die Übung theoretisch bleibt. Und die Übungsanlage im Schulungszentrum bildet zwar typische Elemente ab, entspricht aber nicht der konkreten Anlage, die der Mitarbeiter später prüfen muss. So entsteht eine Lücke zwischen dem, was vermittelt wird, und dem, was im Feld gebraucht wird.

Der Anlagenzwilling: was virtualisiert wird und wofür

Für einen italienischen Multi-Utility-Konzern hat Circle4XR drei Gasanlagen als virtuelle 1:1-Zwillinge nachgebildet. Es handelt sich um Anlagen der Gasverteilung, an denen Gas aus dem überregionalen Netz in die Region übergeben wird und an denen der Druck reduziert sowie an die Außentemperatur angepasst werden muss. Trainiert wird nicht der Regelbetrieb, sondern die Wartung und Inspektion anhand vorgeschriebener Checklisten. Grundlage waren die BIM-Daten des Kunden, ergänzt um Scans einzelner Strecken und eigens modellierte Komponenten. So entstand keine generische Kulisse, sondern ein maßstabsgetreues Abbild der realen Anlage. Geübt wird der vollständige Inspektionsablauf: Der Teilnehmer prüft, ob die Anlage technisch und optisch in Ordnung ist, ob kein Gas entweicht und ob die Odorieranlage, die dem Gas das Geruchsgemisch beimischt, intakt ist und nicht leckt. An definierten Stellen führt er mit virtuellen Hilfsmitteln Messungen durch und weist Leckagen nach.