VCI-Forschungspressekonferenz 2026 Das kann Deutschland von der chinesischen Innovationspolitik lernen

Von Sarah Junker 4 min Lesedauer

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China verknüpft Forschung, industrielle Skalierung, Kreislaufwirtschaft und neue Technologien mit einer strategischen Industriepolitik. Der VCI fordert für Deutschland eine ebenso konsistente Unterstützung und Politik für den Standort Deutschland.

„China kleckert nicht, es klotzt“, sagte Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, mit Blick auf den aktuellen chinesischen Fünfjahresplan. Die Resilienz und Zukunftsfähigkeit des Standorts würden dort nicht dem Zufall überlassen, sondern strukturell organisiert.(Bild:  VCI / Thomas Lohnes)
„China kleckert nicht, es klotzt“, sagte Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, mit Blick auf den aktuellen chinesischen Fünfjahresplan. Die Resilienz und Zukunftsfähigkeit des Standorts würden dort nicht dem Zufall überlassen, sondern strukturell organisiert.
(Bild: VCI / Thomas Lohnes)

Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie hat ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) seit 2015 um fast sechs Milliarden Euro auf knapp 16 Milliarden Euro im Jahr 2025 gesteigert. Trotzdem verschlechtern sich die Aussichten für den Forschungs- und Produktionsstandort Deutschland. Unternehmen planen zunehmend, ihre Forschungsaktivitäten im Ausland auszubauen. „Die chemisch-pharmazeutische Industrie will sich aus der Krise herausinnovieren. Das Problem ist nicht der Wille, sondern der Standort Deutschland“, sagte Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, bei der Forschungspressekonferenz des Verbands am 26. August in Frankfurt am Main.

Forschungsdynamik lässt nach

Die aktuellen Kennzahlen zeichnen zunächst ein positives Bild. Drei Viertel der Chemie- und Pharmaunternehmen entwickeln neue Produkte und Verfahren. Die F&E-Quote der Branche lag 2025 bei 7,3 Prozent des Umsatzes. Mit einem Anteil von 15,3 Prozent an der industriellen Forschung steht Chemie und Pharma im Branchenvergleich auf Platz drei – hinter Fahrzeugbau und Elektroindustrie. Im internationalen Vergleich der Innovationsstandorte liegt Deutschland 2025 auf Rang fünf hinter USA, China, Großbritannien und Japan.

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Die Entwicklung der vergangenen Jahre deutet jedoch auf eine nachlassende Dynamik hin. Das Plus bei den F&E-Ausgaben wurde 2024 und 2025 vor allem von der Pharmaindustrie getragen. Die Chemie hat ihre Forschungsaufwendungen dagegen zurückgefahren. Zudem entfällt ein zunehmender Teil der Pharmaforschung auf externe Aufträge: Rund ein Fünftel der F&E-Aufwendungen fließt inzwischen an Auftragnehmer im Ausland.

Unternehmen planen mehr Forschung im Ausland

Für 2026 erwarten 29 Prozent der vom VCI befragten Chemie- und Pharmaunternehmen sinkende F&E-Ausgaben in Deutschland. Gleichzeitig wollen 41 Prozent ihre Forschungsausgaben an ausländischen Standorten erhöhen. Auch große Unternehmen planen, ihre Forschungsbudgets am Standort Deutschland teilweise zurückzufahren.

Der VCI sieht darin einen längerfristigen Trend. Wenn neue Produkte und Verfahren in Deutschland nicht mehr skaliert und produziert werden könnten, drohe eine schrittweise Entkopplung von Forschung und industrieller Wertschöpfung. Perspektivisch würden sich dann auch Forschungsaktivitäten dorthin verlagern, wo die nachgelagerte Produktionskette entstehe.

Deutschlands Anteil an weltweiten Patenten halbiert

Besonders deutlich zeigen sich die Entwicklungen bei den Patentanmeldungen. Der Anteil der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie an den weltweiten Patentanmeldungen sank von 14 Prozent im Jahr 2010 auf 7,6 Prozent im Jahr 2024. Der Anteil hat sich damit nahezu halbiert. Gleichzeitig steigerte China seinen Anteil von 4,9 auf 19 Prozent. Die Volksrepublik hat Japan und Deutschland überholt und liegt inzwischen hinter den USA auf Rang zwei. Südkorea zog 2021 an Deutschland vorbei.

China verbindet Forschung und Industriepolitik

Als besonders konsequent bewertet der VCI die chinesische Innovationspolitik. China verknüpfe Forschung, industrielle Skalierung, moderne Materialien, neue Technologien und Kreislaufwirtschaft mit einer klaren Industrieorientierung. Auch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz würden von Beginn an mitgedacht. Der Transfer von der Forschung bis zur Marktreife werde über verschiedene Instrumente unterstützt. Hinzu komme eine offensive Strategie zum Schutz geistigen Eigentums. „China kleckert nicht, es klotzt“, sagte Wessel mit Blick auf den aktuellen chinesischen Fünfjahresplan. Die Resilienz und Zukunftsfähigkeit des Standorts würden dort nicht dem Zufall überlassen, sondern strukturell organisiert.

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Auch andere Länder setzen laut VCI auf eine stärkere strategische Koordinierung. In der Biotechnologie etwa diskutieren die USA ein eigenes Koordinierungsbüro im Executive Office des Präsidenten. Südkorea richte ein National Bio Committee ein, Japan steuere seine Bioökonomie-Strategie ressortübergreifend. Großbritannien finanziert Reallabore für Engineering Biology.

Deutschland fehle es dagegen an einer konsistenten Verbindung von Forschung, Transfer, Regulierung und industrieller Anwendung. Das erschwere insbesondere die Skalierung neuer Technologien. Zwischen Labor, Pilotanlage und industrieller Produktion klaffe eine Lücke, die viele Unternehmen allein nicht schließen könnten. Die Entwicklungsphase sei technisch anspruchsvoll, zeitaufwendig und kapitalintensiv.

Bürokratie ist nach wie vor das größte Innovationshemmnis

Als größtes Innovationshemmnis nennen die Unternehmen Regulatorik und Bürokratie. 82 Prozent der Befragten bewerten sie als starke oder spürbare Bremse. 70 Prozent kritisieren die langsamen Genehmigungsprozesse sowie die Langsamkeit von Regulierung und Behörden. Hinzu kommen Marktrisiken, Fachkräftemangel und ungünstige Finanzierungsbedingungen durch Steuern und Abschreibungen.

Der VCI kritisiert zudem widersprüchliche politische Signale. Das geplante Gesundheits-Sparpaket schwäche den Pharmastandort, obwohl die Bundesregierung diesen gleichzeitig stärken wolle. Bereits vor dem Inkrafttreten habe die Debatte dazu geführt, dass Unternehmen geplante Investitionen kürzten, wie in den Medien berichtet wurde.

VCI fordert „großen Wurf“ bei der Innovationspolitik

Einzelmaßnahmen reichen aus Sicht des Verbands nicht aus. Deutschland brauche eine ressortübergreifende Innovationsstrategie, die Chemie, Pharma und Biotechnologie mit der Hightech- und Industriepolitik verbindet. Die Chemieagenda 2045 müsse dafür die industriepolitischen Leitplanken setzen.

Forschung, Transfer und Regulierung sollten als durchgängiger Innovationsprozess organisiert werden. Der VCI fordert unter anderem eine langfristige Förderung von Schlüsseltechnologien, den Ausbau von Pilot- und Skalierungsinfrastrukturen sowie eine bessere Verzahnung nationaler und europäischer Förderinstrumente. Digitale Technologien wie KI, Robotik und Quantencomputing müssten stärker mit Chemie, Pharma und Biotechnologie verbunden werden.

„Es geht nicht um Korrekturen im Klein-Klein, sondern um eine Richtungsentscheidung für den Innovationsstandort Deutschland“, betonte Wessel. Deutschland müsse den Mut haben, ein Land zu sein, das Innovationen ermögliche, beschleunige und willkommen heiße. Andernfalls drohe das in der VCI-Zukunftsstudie „Deutschland 2045“ beschrieben Szenario einer „langen Bank“: Forschungsergebnisse würden anderswo skaliert, Unternehmen verlagerten Investitionen und Wertschöpfung, Know-how sowie technologische Führungsfähigkeit gingen schrittweise verloren. Noch sei eine andere Entwicklung möglich, so der Verband. Dafür müsse die Politik jedoch jetzt handeln. „Wettbewerb kennt keine Schonzeit“, mahnte Wessel.

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