Handelsblatt-Tagung Chemie 2017

Chemie in der Digitalisierungsklemme?

Seite: 3/4

Firmen zum Thema

Ist Chemie nicht mehr gefragt?

Reine Chemie zieht also nicht mehr, Moleküle zu verkaufen ist out. Es geht um „differenzierte kundenspezifische Lösungen und Vernetzung innerhalb der Wertschöpfungskette“. Aus dem Unternehmensberater-Deutsch von Dr. Ernst Jenner, Managing Partner bei Ernst &Young übersetzt, heißt das: Kunde und Anwendung analysieren und definieren, dann Partner suchen, die über Marktkenntnisse verfügen, die im Chemiekonzern nicht vorhanden sind.

Er sieht einen Paradigmenwechsel von produkt- hin zu kundenorientierter Ausrichtung und fordert Branchenteams, die im direkten Kontakt zum Kunden stehen. Auf diese Weise entstehen zum Teil recht unorthodoxe Partnerschaften: Merck holte sich, beispielsweise für die Entwicklung der Liquid-­Crystal-Window-Technologie (LCW), die Expertise von Stadtplanern und Architekten, die in der Symposiumsreihe „Diplaying Futures“ ihre Vorstellungen eines neuen Fensterkonzeptes einbringen konnten.

Bildergalerie

Herausgekommen ist ein intelligentes Fenster, das etwa die Anwesenheit von Personen erkennt und die Privatsphäre schützt, indem die Scheiben sekundenschnell von hell nach dunkel schalten. Neben stufenlos dimmbaren Fenstern gibt es seit letztem Jahr auch Prototypen mit unterschiedlichen Zonen und Touch-Funktion, die individuell geschaltet werden können.

3D-Druck im Visier

Die BASF hat sich das Zukunftsfeld „3D-Druck“ vorgenommen, einen Markt dessen Wachstum Analysten in den rosigsten Farben malen. So soll nach einer 2015 veröffentlichten Studie des Marktforschungsunternehmen Markets & Markets die Umsatzzuwächse im Markt für Pulvermaterialien, die auch zur additiven Fertigung genutzt werden, auf über 630 Millionen Dollar steigen.

Der Ludwigshafener Konzern arbeitet mit HP zusammen, um Kunden über die „Multi Jet Fusion Open Platform“ neuartige Materialien für den 3D-Druck anzubieten, z.B. solche, die für den Einsatz im Automobil- und Elektronikbereich oder der Sportartikel- und Maschinenindustrie eingesetzt werden können.

Der HP-Open-Platform-Ansatz ermögliche es Kunden, Material-Hersteller wie BASF frei auszuwählen und direkt zu kontaktieren, um Materialien für spezifische 3D-Produktionsanwendungen zu entwickeln, schwärmt Dietmar Geiser, bei der BASF New Business verantwortlich für Strategie im Bereich 3D-Druck.

Die digitale Erweckung

Ebenfalls ganz oben auf der Tagesordnung, wie könnte es anders sein: die Digitalisierung. Die Entwicklung digitaler Fähigkeiten sei für die Unternehmen essentiell, betont Peter Nagler. Das Wort vom digitalen Ökosystem führen neuerdings viele Chemievorstände im Mund. Die Erkenntnis, dass es ohne die digitale Transformation ein böses Erwachen gibt, hat die Chemie tatsächlich aus ihrem Dornröschenschlaf aufgeschreckt.

Laden Sie sich unser Special Prozessindustrie 4.0 herunter

Der Stellenwert der Digitalisierung in den Unternehmen habe sich in den vergangenen anderthalb Jahren sprunghaft entwickelt, erklärt Mandewirth. Laut einer aktuellen Camelot-Umfrage ist der Anteil, deutscher Chemieunternehmen, die digitale Technologien nutzen oder sich als Treiber digitaler Technologien sehen, von Oktober 2015 bis zum März 2017 von 29 auf 79 Prozent gestiegen. Die Branche reagiert damit auch auf die Erkenntnisse der Demoskopen. Digital Natives mit sich verändernden Kauf- und Servicegewohnheiten drängen in die Märkte und die Chemie müsse sich darauf einstellen, fordert Mandewirth.

Amazon lässt grüßen

Ein Weg sind Webshops, welche die Einstiegsbarrieren für den Kunden herabsetzen und mittels Track & Trace das Verfolgen der Bestellung möglich macht. Auf diese Weise hat der chinesische Feinchemiekonzern Dalian Huiyuan Fine Chemical die E-commerce Plattform Alibaba genutzt, um den Sprung in die internationalen Märkte zu schaffen. Man habe auf diese Weise bereits im ersten Monat fünf Anfragen generiert und einen Neukunden gewonnen, heißt es im Dalian-Blog auf der Alibaba-Webseite. Clariant hat mit Veritrax eine digitale Service-Plattform für Öl- und Gaskunden entwickelt, mit deren Hilfe die Förderleistung von Öl- und Gasquellen optimiert werden kann. Die Cloud-basierte Lösung verknüpft Ölproduzenten mit Chemikalienlieferanten, hat Pumpleistungen und Tankfüllungen im Blick, schlägt Alarm, generiert BesteIlungen und vieles mehr.

(ID:44633691)

Über den Autor

 Anke Geipel-Kern

Anke Geipel-Kern

Leitende Redakteurin PROCESS/Stellvertretende Chefredakteurin PharmaTEC, PROCESS - Chemie | Pharma | Verfahrenstechnik