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25 Jahre Chemiegeschichte Wie der Hoechst-Konzern aus der deutschen Industrielandschaft verschwand

| Autor / Redakteur: Klaus Jopp* / Anke Geipel-Kern

Wir zeichnen 25 Jahre Chemiegeschichte nach. Ob es um die Zerschlagung des Hoechst-Konzerns ging, die Aufspaltung von Bayer oder die Evolution von Degussa-Hüls zu Evonik: PROCESS war für seine Leser immer dabei, wenn es in der Branche hoch her ging. Besonders dramatisch waren die Ereignisse beim Hoechst-Konzern, den Konzernchef Jürgen Dormann komplett eliminierte. Lesen Sie, was damals die Gemüter erregte

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Die Brücke des Peter Behrends Bau im IndustrieparkHöchst: Das Wahrzeichen der Hoechst-Werke.
Die Brücke des Peter Behrends Bau im IndustrieparkHöchst: Das Wahrzeichen der Hoechst-Werke.
(Bild: Infraserv Höchst )

Vor 25 Jahren begann Jürgen Dormann, frisch gebackener Manager des Jahres“, mit der Ausgliederung und dem Verkauf von Geschäftsbereichen und Tochterunternehmen der Hoechst AG. Die Zerschlagung eines der ältesten und renommiertesten deutschen Industrieunternehmen hatte unumkehrbar begonnen. Ein Jahr zuvor, 1994, war der gelernte Wirtschaftswissenschaftler und Volkswirt auf den Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Hilger gefolgt, als erster Nicht-Chemiker in dieser Funktion.

Einst der mächtigste Chemiekonzern der Welt

Seinerzeit zählten die Frankfurter zu den mächtigsten Chemiekonzernen der Welt, hatten über 160 000 Mitarbeiter und erzielte einen Jahresumsatz von mehr als 40 Milliarden D-Mark. In der Rückschau war der Wechsel von den Naturwissenschaftlern, die immer an der Spitze des Unternehmens mit Brücke und Turm im weltberühmten Logo standen, zu einem Kaufmann der Anfang vom Ende.

Selbst beim Aushängeschild des Konzerns kannte Dormann kein Pardon und tilgte schon bald Brücke und Turm: Symbol des Verwaltungsgebäudes im Stammwerk, Anfang der 1920 Jahre entworfen vom bekannten Industriearchitekt Peter Behrens. Etwa 15000 Apotheken in aller Welt arbeiteten unter diesem Signet.

Auch das stattliche Logo aus Messing, das links vor dem Hoechster Werkstor Ost an einer großen Mosaikfront hing, wurde in einer Nacht- und Nebelaktion mit Schneidbrennern an Ort und Stelle zerlegt und Stück für Stück abgenommen. Ein Stich ins Herz für viele Beschäftigte: „Im Wahnsinn seiner Kulturrevolution ließ er Turm und Brücke abreißen“, heißt es in einem Buch über die turbulenten Zeiten bei Hoechst.

Nach fünf Jahren war das alte Hoechst Vergangenheit

Die Abwicklung der alten Hoechst, 1863 im nassauischen Hoechst als „Theerfarbenfabrik“ gegründet, dauerte gerade einmal fünf Jahre. Befeuert von einem Störfall im Werk Griesheim, bei dem 1993 rund zehn Tonnen Chemikalien freigesetzt wurden, und begleitet von scharfen politischen Auseinandersetzungen um die Chemie durch die rot-grünen Regierungen in Hessen und Frankfurt, begann Dormann sich vom ungeliebten Kerngeschäft zu trennen und sich ganz auf Life Science zu konzentrieren.

Als erstes wurden Industriechemikalien und Laborchemikalien der Hoechst-Tochter Riedel-de Haen veräußert. Mit dem Anlagenbauer Uhde , dem Keramikhersteller Ceramtec und dem Phosphathersteller BK Ladenburg folgten weitere Unternehmen, SGL Carbon wurde an die Börse gebracht, die traditionsreichen Textilfarbstoffe in das Gemeinschaftsunternehmen Dystar eingebracht. Die Lawine war ins Rollen gekommen.

Hoechst sollte ein Life Science Konzern werden

Auf der anderen Seite erwarb Hoechst für 7,5 Milliarden US-Dollar den amerikanischen Pharmakonzern Marion Merrell Dow. Bis Ende 1996 wurde alle Pharma-Einheiten zum neuen Geschäftsbereich Hoechst Marion Roussel zusammengeführt. Das Pharmageschäft bekam innerhalb des Portfolios ein immer größeres Gewicht – ganz nach Dormanns Plan, aus Hoechst einen Life Science Konzern zu machen.

Nach dem Motto „Entrosten und Entfrosten“ sollte ein hochprofitabler Konzern mit den Bereichen Pharma und Agrar geschaffen werden. Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg war die Abgabe der Spezialchemikalien an die schweizerische Clariant, die auch einen Großteil der globalen Infrastruktur von Hoechst mit zahlreichen Werken und Landesgesellschaften übernahm.

Und der Ausverkauf ging munter weiter: Das weltweite Polyesterfasergeschäft (Markennamen Trevira), Kunstharze, Lacke und Kunststoffe (Polyethylen und –propylen) gingen an Wettbewerber, wurden eigenständig oder in Joint-Venture eingebracht. Ganz bitter war auch der Verzicht auf Zukunftstechnologien, um die die Frankfurter Forschung jahrelang gerungen hatte: Supraleiter z.B. oder Licht-emittierende Polymere.

Wacker rettete immerhin die Chipherstellung

Die Anteile an der Wacker-Chemie zur Herstellung vom Chip-Rohstoff Silizium konnten immerhin von der Wacker-Familie für Deutschland gerettet werden. Selbst die Behringwerke, einst Weltmarktführer für Impfstoffe und eine der wenigen Spitzenadressen für Gentechnik in der BRD – eigentlich Life Science in Reinkultur – wurde über Chiron an Novartis verscherbelt.

Die großen Standorte Hoechst, Gendorf, Knapsack und Wiesbaden wandelte Dormann in Industrieparks um. Derweil ging die Suche nach einem gewichtigen Partner in Sachen Life Science weiter. Gespräche mit möglichen Partnern scheiterten: Monsanto verlor das Interesse, Bayer beanspruchte die Führung für sich. Zudem lief das Pharmageschäft schlecht, das Ergebnis brach ein. Der Standort Hoechst wurde von einer Protestwelle erfasst, jeden Montag verließen die Forscher ihre Labore und demonstrierten ihren Unmut.

Hoechst wurde die Braut, die keiner wollte

In der Welt der Börse wurde Hoechst zur heiratswilligen Braut, die keiner wollte. Dormann hatte sich und Hoechst in eine Sackgasse manövriert. Als letzter Strohhalm blieb ihm nur die Fusion mit dem französischen Konkurrenten Rhone-Poulenc – der daraus resultierende Konzern unter dem Namen Aventis war ein französisches Unternehmen mit Sitz in Straßburg. Kaum anzunehmen, dass das Dormanns ursprüngliche Idee war.

Und das war noch nicht das Ende des Debakels: Durch die feindliche Übernahme von Aventis durch die nach Umsatz nur halb so große französische Sanofi, flankiert durch politische und finanzielle Unterstützung des französischen Staates, war die Geschichte der einst stolzen Hoechst endgültig besiegelt. Dormann war schon zuvor in den Aventis-Aufsichtsrat abgeschoben worden. „Hätte auf der obersten Führungs- und Kontrollebene des einstigen stolzen Unternehmens mehr Zivilcourage gewaltet, wäre Hoechst vermutlich noch am Leben“, hat der Journalist Christoph Wehnelt in einem Buch über den turbulenten Niedergang geschrieben. Nach seinem letzten Job als Oberaufseher beim Schweizer Unternehmen Sulzer sagte Dormann über seine Zunft: „CEOs sind gefährliche Tiere. Man muss Konzernchefs scharf kontrollieren, sonst machen die, was sie wollen.“ Eine späte Erkenntnis, die den Hoechstern nichts mehr nützte.

Turbulente Zeiten in der deutschen Chemie

Auch bei anderen deutschen Chemieunternehmen ging es im letzten Vierteljahrhundert teilweise turbulent zu. Bei Bayer (gegründet 1863) beginnt die Zeit der ganz großen Veränderungen mit dem Lipobay-Skandal 2001. Der neue CEO Werner Wenning nimmt ihn zum Anlass, den Konzern gründlich umzubauen.

Das Chemiegeschäft und größere Teile des Kunststoffgeschäftes wurden ausgegliedert und Anfang 2005 mit dem Börsengang unter dem Namen Lanxess komplett vollzogen. Wenning stärkt durch den Kauf von Schering den Pharmabereich, durch weitere Übernahmen wird Bayer 2014 weltweit zweitgrößter Anbieter rezeptfreier Medikamente.

Der Monsanto-Deal belastet Bayer bis heute

2016 legt Bayer ein Angebot vor, den US-Agrarchemikalienkonzern Monsanto für 62 Milliarden US-Dollar zu erwerben. Am Ende betrug der Kaufpreis 66 Milliarden Dollar, die bisher größte Übernahme durch einen deutschen Konzern im Ausland. Bis heute sieht sich Bayer einer Klagewelle gegen das Unkrautvernichtungsmittel Roundup von Monsanto ausgesetzt.

Wie Degussa zu Evonik wurde

Einen rasanten Wandel durchlief auch die Degussa (1873 als Goldscheideanstalt gegründet), die 1999 mit der VEBA-Tochter Hüls fusionierte. Die resultierende Degussa-Hüls wurde zwei Jahre später mit der SKW Trostberg dann wieder unter dem Namen Degussa zusammengelegt, ein Unternehmen im Zeichen der Spezialchemie.

In mehreren Schritten erwarb die Essener RAG Beteiligungs AG bis 2006 sämtliche Anteile der Degussa, die anschließend in eine GmbH umgewandelt wurde. Am 12. September 2007 wurde die Eingliederung der Degussa in die neue gegründete RAG-Abspaltung Evonik Industries AG vollzogen, die alle bisherigen RAG-Sparten außer dem Steinkohlebergbau umfasste. Als Mischkonzern 2007 gestartet, vollzog Evonik Industries zwei Jahre später einen Kurswechsel und positioniert sich heute als reiner Spezialchemiekonzern, der insbesondere als Hauptsponsor von Borussia Dortmund seinen Bekanntheitsgrad gesteigert hat.

* * Der Autor ist freier Journalist in Hamburg, Kontakt:info@process.de

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