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Monsanto-Rekordübernahme durch Bayer Update Bayer/Monsanto: Die Chronik einer riskanten Übernahme

Es war der Aufreger der Chemieindustrie im Jahr 2016. Bayer nimmt Übernahme-Verhandlungen mit dem US-Konzern Monsanto auf. Zwei Jahre später ist der Deal unter Dach und Fach. Klagen rund um den Unkrautvernichter Roundup beschäftigen die Gerichte und Bayer jedoch auch heute noch. Zudem macht Bayer die Corona-Krise zu schaffen und die Angst vor einer Übernahme wächst. PROCESS hat die Geschehnisse vor und nach der Übernahme chronologisch aufbereitet und berichtet zudem über die neuesten Entwicklungen.

Kursabsturz der Bayer-Aktie: Wird der Chemieriese nun zum Übernahmekandidaten?
Kursabsturz der Bayer-Aktie: Wird der Chemieriese nun zum Übernahmekandidaten?
(Bild: ©bas121 - stock.adobe.com)

Würzburg – Am 7. Juni 2018 war es endlich soweit: Bayer schloss die Übernahme von Monsanto ab. Der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat wechselte wie weitere Produkte des Unternehmens den Besitzer. Doch wie kam es überhaupt zu dem Deal, welche Folgen hat dieses riskante und viel kritisierte Bayer-Manöver und wie ergeht es dem Unternehmen in der aktuellen Coroan-Pandemie?

Ende Oktober 2020

Die Richter des höchsten Gerichts im US-Bundesstaat Kalifornien haben in dieser Woche einen Berufungsantrag von Bayer gegen das erste Glyphosat-Urteil aus dem Dewayne Johnson Fall abgelehnt. In einem ersten Berufungsurteil hatte das Gericht die ursprüngliche Schadensersatzforderung von 289 Millionen Dollar bereits auf 20,5 Millionen Dollar gesenkt. Geklärt werden sollte in dem Verfahren, ob ein Unkrautvernichtungsmittelhersteller über das Staatsprodukthaftungsgesetzt überhaupt zur Rechenschaft gezogen werden, da eine Krebswarnung auf dem Produkt per US-Gesetz nicht angebracht werden darf. Die Klage ist nicht Teil des angestrebten Vergleichs und hat somit keiner Auswirkungen auf selbigen.

Anfang Oktober 2020

Bayer muss massiv sparten, nachdem die Geschäftsaussichten für 2020 verhalten ausfallen. Der Aktienkurs fiel Anfang Oktober auf teilweise unter 45 Euro. Hintergrund der anhaltenden Misere sind die schlechten Aussichten im Agrargeschäft. Gerade in diesem Bereich sah man sich durch den Monsanto-Kauf breiter und besser aufgestellt. Die Corona-Pandemie, der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der Milliardenvergleich mit den klagenden Bauern sowie Überschwemmungen und damit verbundene Ernteausfälle in den USA machen den Bayer-Verantwortlichen um Werner Baumann einen Strich durch die Rechnung. Das Pharmageschäft läuft zwar gut, kann aber die fehlenden Einnahmen aus der Agrarchemie bei weitem nicht kompensieren.

Eine der Haupt-Antriebsfedern für die Monsanto-Übernahme war seinerzeit die Angst, selbst zum Kaufziel aktivistischer Investoren zu werden. Ironischerweise würden jetzt der Kursverfall der Bayer-Aktie und die im Zuge der Fusion verschlankte Struktur auf die drei Sparten Pharma, Consumer-Medizinprodukte und Agrarchemie es erleichtern, den Konzern zu zerschlagen und als Einzelunternehmen zu veräußern oder an die Börse zu bringen. Die Wirtschaftswoche spekulierte bereits über ein mögliches Interesse von Novartis an der Pharma-Sparte und von Johnson & Johnson an der Sparte der frei verkäuflichen Medikamente. Die Zahlen für das dritte Quartal präsentiert Bayer am 3. November.

Die Bildergalerie enthält Statistiken zu den Themen Agrarchemie, Saatguthersteller und auch dem Weltpflanzenschutzmarkt.

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September 2020

Aktueller Stand: Die Bayer-Geschäfte haben sich trotz der Covid-19-Pandemie laut dem zweiten Quartalsergebnis solide entwickelt. Aufgrund der Zuwächse im Agrargeschäft konnte Bayer den nachhaltigen operativen Cash Flow vor Steuern (Ebitda) sogar steigern.

Der Aktienkurs von Bayer liegt aktuell (29.09.2020) bei 53,61 Euro. In den letzten vier Jahren hat der Kurs somit um mehr als 50 % verloren.

August 2020

Die National Black Farmers Association, welche afroamerikanische Landwirte und deren Familien vertritt, strebt ein Verbot des Unkrautvernichters Roundup in den USA an. Hintergrund der Klage ist die niedrige Alphabetisierungsrate und der eingeschränkte Zugang zum Internet für die überwiegend afroamerikanischen US-Farmer. In Folge dessen sind die Landwirte in Bezug auf Produktinformationen auf ihre lokalen Saatguthändler angewiesen. Und genau hier wirft die National Black Farmers Association Monsanto Versäumnisse vor. Aufgrund der fehlenden Aufklärung hinsichtlich der Gefahren und möglicher Vorsichtsmaßnahmen waren die Bauern nicht in der Lage, das Unkrauftbekämpfungsmittel Roundup sicher und mit angemessenem Schutz anzuwenden.

Juni 2020

Bayer ist nach eigenen Angaben bereit, ingesamt bis zu elf Milliarden Dollar für einen Vergleich zu zahlen. Damit will Bayer etwa 75 % der ingesamt 125.000 eingereichten und nicht eingereichten Klagen abschließen. Als Schuldeingeständnis sieht Bayer diesen Schritt jedoch nicht.

September 2019

Im Rahmen des „Aktionsprogramms Insektenschutz“ von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) soll Glyphosat zum 31.12.2023 in Deutschland verboten werden. Eine Ausweitung des Verbots auf die Europäische Union wird allgemein erwartet.

Mai 2019

Die französische Tageszeitung Le Monde veröffentlichte am 9. Mai 2019 einen Bericht, wonach Monsanto seit 2016 systematisch Informationen über Journalisten, Politiker und Wissenschaftler gesammelt hat. Die Liste mit ca. 200 Namen enthält Information wie einzelne Personen über Glyphosat oder auch Gentechnik denken. Die Einrichtung einer solchen Datenbank mit personenbezogenen Daten , welche die politische Meinung und deren Zustimmung speichert, ist in Ländern wie Frankreich oder auch Deutschland verboten.

April 2019

Auf der Bayer-Hauptversammlung in Bonn kommt es zu einem Eklat. Baumann ist der erste amtierende Vorstandschef eines Dax-Konzerns, dem die Aktionäre die Entlastung verweigern. 55,5 % der Aktionäre stimmen dagegen. Seit der Monsanto-Übernahme ist der Börsenkurs der Bayeraktie um rund 40 % gesunken. Die Zahl der Klagen in den USA ist mittlerweile auf 13.400 angestiegen.

März 2019

Auch das zweite Verfahren gegen Monsanto verliert Bayer. Eine Jury spricht Ed Hardeman 80 Millionen Dollar zu. Das Urteil wiegt jedoch deutlich schwerer als das Urteil im Fall Dewayne Johnson, da es sich hier um einen Testfall (Bellwether Case) in einem Massenverfahren handelt. Es weist somit die Richtung für alle weiteren Verfahren.

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Februar 2019

Laut dem Geschäftsbericht für das Jahr 2018 ist die Zahl der Klagen auf 11.200 angestiegen.

November 2018

Am 20. September 2018 veröffentlicht Bayer die Erklärung „Zukunftssicherung Bayer 2025“ und kündigt umfassende Portfolio- sowie Effizienz- und Strukturmaßnahmen an. Insgesamt sollen rund 12.000 der weltweit 118.200 Arbeitsplätze bis Ende 2021 wegfallen, ein signifikanter Teil davon in Deutschland. Im Gegenzug verzichtet Bayer auf betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis Ende 2025

Der Bayer-Quartalsbericht spricht von 9300 zugestellten Klagen bis Ende Oktober.

Oktober 2018

Um die Last eines neuen Prozesses zu vermeiden, stimmt Dewayne Johnson einer niedrigeren Schadenersatzzahlung zu. Das Strafmaß wird von 289 Millionen auf rund 79 Millionen Dollar gekürzt.

September 2018

Der Bayer-Quartalsbericht spricht von 8700 zugestellten Klagen bis zum 27. August 2018.

August 2018

Paukenschlag! Ein Geschworenengericht in Kalifornien spricht dem Hausmeister Dewayne Johnson in erster Instanz 289 Millionen Dollar zu. Johnson ist seit 2014 an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und hatte zwischen 2012 und 2015 das Unkraut auf den Grünflächen eines Schulbezirks nachweislich mit Roundup bekämpft.

Juli 2018

Im Rahmen einer US-Sammelklage (Multi-District-Litigation-Verfahren/MDL in den USA) werden allein in Amerika über 5000 Klagen von Bauern, Gärtnern und anderen Verbrauchern gegen das Herbizid Roundup gebündelt. Das Bundesgericht Northern District of California unter Vorsitz von Vince Chhabria klärt zuerst alle für die Klage relevanten Vorfragen ab. Nach dem Abschluss dieses MDL gehen die Klagen zurück an das jeweilige Ausgangsgericht, welches dann über etwaige Strafzahlungen oder Schadenersatzansprüche entscheidet.

Mai/Juni 2018

Auch die zuständigen amerikanischen und mexikanischen Wettbewerbsbehörden genehmigen die Übernahme, so dass der Deal am 7. Juni 2018 nach etwas mehr als zwei Jahren abgeschlossen ist. Der Firmenname Monsanto soll gestrichen werden. Ex-Monsanto-Chef Hugh Grant hatte bereits Anfang Mai verkündet, das Unternehmen verlassen zu wollen.

März 2018

Die EU-Kommission erlaubt die Übernahme unter Auflagen. So muss Bayer große Teile seines weltweiten Geschäfts für Saatgut einschließlich der Forschung auf diesem Gebiet an BASF verkaufen. Der Deal wurde fünf Monate später finalisiert. Für 7,6 Milliarden Euro erwarb die BASF u.a.

  • Bayers globales Glufosinat-Ammonium-Geschäft,
  • die Saatgutgeschäfte einschließlich der Traits sowie der Forschungs- und Züchtungskapazitäten und der entsprechenden Marken für wichtige Feldkulturen in ausgewählten Märkten,
  • das Gemüsesaatgutgeschäft,
  • die Forschungsplattform für Weizen-Hybride,
  • eine Reihe von Produkten zur Saatgutbehandlung,
  • bestimmte Glyphosat-basierte Herbizide in Europa (für den industriellen Bereich),
  • die komplette Digital-Farming-Plattform Xarvio sowie
  • bestimmte Forschungsvorhaben in den Bereichen nicht-selektiver Herbizide und Nematizide.

Mit der Akquisition treten zudem ungefähr 4.500 Mitarbeiter zu BASF über.

November 2017

Die EU-Kommission erneuert die Zulassung des Wirkstoffs Glyphosat um weitere fünf Jahre. Einzelnen EU-Staaten ist es dennoch möglich, nationale Verbote von Glyphosat-basierten Pflanzenschutzmitteln zu verbieten.

Dezember 2016

Auf der außerordentlichen Hauptversammlung stimmen die Bayer-Aktionäre dem Kauf von Monsanto zu. Mit einer Akzeptanz von 99 % fiel das Votum eindeutig aus. Kritik gab es erwartungsgemäß von Umweltschützern und Hilfsorganisationen, welche vor allem den hohen Marktanteil einiger weniger Player am Markt bemängeln. Der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling kritisiert den Deal vor allem in Hinblick auf den Verkauf bzw. den Einsatz des Saatguts in der Landwirtschaft. Die Übernahme werde „in Zukunft viele Veränderungen in der Landwirtschaft mit sich bringen, wenn nur noch die großen Chemiekonzerne bestimmen, was die Landwirte dann säen, was für Mittel sie einsetzen.“

Des Weiteren steht Monsanto wegen des Einsatzes von Glyphosat und Gentechnik in der Kritik und wird von Gegner häufig auch als „Mutanto“ oder „Evil Incorporated“ verschrien. Baumann versucht derartige Vorbehalte im Manager Magazin zu entkräften und will „die Geschäfte nach den gleichen Maßstäben führen wie unsere.“

September 2016

Bayer erhöht seine Offerte auf 128 Dollar je Aktie und wäre somit bereit 66 Milliarden Dollar für das umstrittene US-Unternehmen zu zahlen. Es wäre die bislang größte Übernahme durch einen deutschen Konzern im Ausland. Sollte die Übernahme aus kartellrechtlichen Gründen scheitern, wäre Bayer zu einer Entschädigungszahlung von zwei Milliarden Dollar an Monsanto bereit. Die Fusionsvereinbarung erfolgt ebenfalls noch in diesem Monat. Um den Kauf zu stemmen hat sich Bayer u.a. dieser zahlreichen Finanzierungsinstrumente bedient:

  • Brückenkredit: Zuallererst wurde ein Brückenkredit in Höhe von 57 Milliarden Dollar aufgenommen. Dieser wurde später über den Verkauf von Anleihen finanziert.
  • Einstieg von Temasek: Ungefähr drei Milliarden Euro hat sich Singapurs Staatsfond den circa vier Prozent Anteil an Bayer kosten lassen.
  • Kapitalerhöhung der Aktionäre: Die Maßnahme hat sechs Milliarden Euro eingebracht.
  • Trennung von der Kunststoff-/Chemiesparte: Schon 2015 hat Bayer die Kunststoff-/Chemiesparte ehemals Bayer Material Science ausgegliedert und in Covestro umbenannt. Um Geld in die Kassen zu spülen verkauft Bayer nun nach und nach seine Covestro-Aktien.

Die Tatsache, das laut dem Manager Magazin 70 % aller Übernahmen dieser Größenordnung scheitern sieht Baumann indes nicht als problematisch an: „Das gilt nicht für uns, wir haben bewiesen, dass wir so etwas können.“

Die Zustimmung der Aktionäre steht zu diesem Zeitpunkt noch aus.

Mai 2016

Es kommt Bewegung in die Verhandlungen. Bayers Finanzchef und Chefstratege Baumann übernimmt den Posten von Konzernchef Dekkers. Dieser steigt auf eigenen Wunsch als Verwaltungsratspräsident bei Unilever ein. Bayers neuer starker Mann unterbreitet Monsanto ein Übernahmeangebot von 122 Dollar je Aktie. Das entspricht einem Gesamtvolumen von 62 Milliarden Dollar.

Monsanto-Chef Hugh Grant lehnt das Angebot jedoch zeitnah ab, signalisiert aber weiterhin Verhandlungsbereitschaft. Es ist der Auftakt zu einem wochenlangen Verhandlungsmarathon. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit sind größtenteils negativ, steht das glyphosathaltige Herbizid Roundup doch im Verdacht Lymphdrüsenkrebs zu verursachen.

April 2016

Es kommt zu einem Treffen zwischen Bayer und Monsanto. Teilnehmer dieser ersten Kontaktaufnahme waren neben Monsanto-Chef Hugh Grant auf Seiten von Bayer der damalige Konzernchef Marijn Dekkers sowie Finanz-Chef Werner Baumann.

Früh wird klar wie kompliziert der Deal wohl wirklich werden wird. Dekkers galt seit jeher als Gegner einer Monsanto-Übernahme und sah im Pharmageschäft größere Erfolgsaussichten. Der Handlungsdruck auf Bayer ist jedoch durch den Dow-Dupont-Zusammenschluss und die Syngenta-Übernahme durch Chemchina deutlich gestiegen. Will Bayer seine Marktposition in der Agrarchemie ausbauen oder zumindest halten, muss zwangsläufig zugekauft werden.

Monsanto selbst hatte zum Zeitpunkt des Gesprächs mit rückläufigen Zahlen in drei aufeinanderfolgenden Quartalen inklusive nach unten korrigierten Strategiezielen für 2015 sowie einer gescheiterten Syngenta-Übernahme zu kämpfen. Handlungsbedarf bestand somit auf beiden Seiten.

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Über den Autor

Dipl.-Medienwirt (FH) Matthias Back

Dipl.-Medienwirt (FH) Matthias Back

Projektmanager Digital PROCESS/LABORPRAXIS