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Marktwissen zur K 2019 Kunststoffmarkt im Umbruch

| Redakteur: Sabine Mühlenkamp

Im Vorfeld der K 2019 hat die europäische Kunststoffindustrie an mehreren Fronten zu kämpfen: Die Wirtschaft bewegt sich insgesamt auf einem gleichbleibenden Niveau, der Brexit sorgt für Unruhe, wichtige traditionelle Exportmärkte wanken und eine zunehmend drastischere Einstellung der Verbraucher gegenüber Kunststoffverpackungen führen zu Unsicherheiten.

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Mit dem Extrusionssystem Corema, für das Interseroh und der Hersteller Erema 2019 mit dem Plastics Recycling Award Europe ausgezeichnet wurden, ist es erstmals möglich, maßgeschneiderte Recycling-Compounds in nur einem statt bisher in zwei Verfahrensschritten herzustellen.
Mit dem Extrusionssystem Corema, für das Interseroh und der Hersteller Erema 2019 mit dem Plastics Recycling Award Europe ausgezeichnet wurden, ist es erstmals möglich, maßgeschneiderte Recycling-Compounds in nur einem statt bisher in zwei Verfahrensschritten herzustellen.
(Bild: Erema)

Fast zum Trotz ihres schlechten Images steigt die Nachfrage nach Kunststoffen stetig. So meldet Plastics Europe in seinem Report „Plastics – The Facts“, dass die weltweite Kunststoffproduktion im Jahr 2017 bei 348 Millionen Tonnen und damit rund vier Prozent höher als 2016 lag. In Europa stieg die Produktionsmenge der 28 EU-Länder plus Norwegen und Schweiz von 60 auf 64,4 Millionen Tonnen (plus sieben Prozent). Mit knapp einem Fünftel der weltweiten Produktionsleistung nimmt Europa damit Rang Zwei unter den Erzeugern ein, hinter China mit 29 Prozent und vor der NAFTA-Region mit 18 Prozent. Auch, wenn aufgrund einer gewissen Konsolidierung die Zahl der Unternehmen in Europas Kunststoffbranche seit der letzten K auf etwa 60.000 leicht zurückgegangen ist, hat sich die Mitarbeiterzahl erhöht: Im Jahr 2017 arbeiteten mehr als 1,5 Millionen Menschen in der Kunststoffbranche und erwirtschafteten einen stabilen Umsatz von rund 350 Milliarden Euro.

Einsatz finden die produzierten Kunststoffe mit fast 40 Prozent am häufigsten in der Verpackungsbranche, wo sie den Transportschutz und die Sicherung der Haltbarkeit übernehmen. Dies gilt auch für die zweite wichtige Abnehmerbranche der Kunststoffe, das Baugewerbe. Sie verbraucht fast 20 Prozent aller Kunststoffe. Schließlich verwendeten die Automobilisten rund zehn Prozent der produzierten Menge und erreichten damit die höchsten Zuwachsraten im Vergleich von 2017 mit 2016.

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Pessimistische Stimmung in Europa

Die deutsche Wirtschaft, eigentlich der Motor Europas, befindet sich in einer derzeit eher angespannten Situation. In den letzten Monaten sind sowohl die Exporte als auch die Importe des Landes zurückgegangen. Damit ist Deutschland nicht allein. In Italien beispielsweise steigt die Arbeitslosigkeit wieder. Von den vier größten Volkswirtschaften befindet sich nur Spanien in einer guten Position. Einige Analysten erwarten dennoch ein wenn auch nur geringfügiges Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Eurozone. Allerdings: Laut Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV), sei der Umsatz der kunststoffverarbeitenden Industrie in Deutschland im vergangenen Jahr eigentlich sogar um über drei Prozent gestiegen – und damit etwa doppelt so schnell gewachsen wie das BIP. „Das ist bemerkenswert angesichts dessen, dass sich die Wirtschaft in einem zunehmend ungewissen internationalen Umfeld bewegt“, so Möllenstädt. Doch die Kunststoffindustrie steht vor großen Herausforderungen.

Laut Thorsten Kühmann, Geschäftsführer des Fachverbandes Kunststoff- und Gummimaschinen im VDMA, erfreuten sich europäische Hersteller von Kunststoff- und Gummimaschinen in den zurückliegenden zehn Jahren einer sehr guten Entwicklung mit einer nahezu Verdoppelung des Branchenumsatzes. Der Wendepunkt ist jetzt erreicht und auf das Jahr 2019 gerechnet prognostiziert der VDMA ein Umsatzminus von zehn Prozent für deutsche Hersteller von Kunststoff- und Gummimaschinen. „Grund hierfür ist zum einen der zyklische Abschwung, der nach zehn Jahren des Wachstums überfällig war. Dieser Abschwung wird jedoch verstärkt durch die hohe Verunsicherung, die derzeit im Automobilbereich herrscht. Bei den Investitionen besteht hier gewissermaßen Stillstand. Aber auch im Verpackungssektor wird der Einsatz von Kunststoffen immer stärker hinterfragt.

Zum anderen sorgt der Handelskonflikt zwischen den USA und China für weltweite Verschiebungen in den Lieferketten und verunsichert die Märkte spürbar. In Europa bestehen zudem Unwägbarkeiten aufgrund der weiterhin unklaren Modalitäten über den EU-Austritt Großbritanniens sowie der immensen Staatsverschuldung in Italien.

Der Spitzenplatz der wichtigsten deutschen Absatzländer gehört 2018 wieder China. Dorthin wurden aus Deutschland Kunststoff- und Gummimaschinen im Wert von 853 Millionen Euro (plus 19 Prozent) geliefert. Noch nie zuvor wurden aus Deutschland so viele Maschinen in ein einzelnes Land exportiert. Neben den Exporten wurden außerdem für rund eine halbe Milliarde Euro Kunststoff- und Gummimaschinen von VDMA-Firmen vor Ort gefertigt. Dadurch ist China der mit Abstand wichtigste Gesamtmarkt.

Die USA landeten nach drei Jahren an der Spitze auf Platz zwei der wichtigsten Absatzländer. Mit einem Gesamtwert von 820 Millionen Euro wurden dorthin drei Prozent weniger Kunststoff- und Gummimaschinen exportiert als noch im Jahr 2017.

Rohstoffliches Recycling als Alternative

In der jüngsten Vergangenheit findet das Thema rohstoffliches Recycling und die sortenreine Rückgewinnung der Ausgangsmonomeren mehr Beachtung. Immer mehr Unternehmen, wie der Coca-Cola-Konzern, der auf das chemische Recycling von PET-Verpackungen setzt, starten Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Auch der Chemiekonzern Sabic gab kürzlich bekannt, dass er gemeinsam mit dem britischen Spezialisten Plastic Energy aus London, in den Niederlanden eine Anlage errichten wird, die in kommerziellen Umfang gemischte Kunststoffabfälle zu Öl aufbereiten soll, das dann wiederum als Ausgangsmaterial für neue Kunststoffe genutzt werden kann. So gewonnenes Ausgangsmaterial schont die fossilen Ressourcen und ist ein gutes Beispiel für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Allerdings stehen derartige Projekte noch am Anfang und müssen sich etablieren.

Bereits etabliert sind Kreislaufkonzepte, in welchen aus Kunststoffabfällen neue gefüllte, gefärbte oder gezielt additivierte Compounds entstehen, die die Kunststoffverarbeiter als Neuware-Substitut für viele Produkte verwenden können. Wie die Maschinenhersteller von Spritzgieß- und Extrusionsanlagen immer wieder betonen, seien für die Verwendung sogenannter Re-Compounds maschinenseitig kleinste bis keine Anpassungen notwendig.

Wie wichtig derartige Bestrebungen sind, beweisen jüngste Investitionen großer Rohstoffhersteller. So übernahm 2016 Borealis die MTM Plastics aus Niedergebra, die über eine Anlagenkapazität von 30.000 Tonnen pro Jahr verfügt und aus vermischten Kunststoffabfällen Re-Polyolefine herstellt. Gemeinsam mit dem Aufbereiter Suez übernahm Lyondell Basell im vergangenen Jahr den Aufbereiter QCP im niederländischen Geleen, der in seiner modernen Aufbereitungsanlage mit einer derzeitigen Kapazität von 35.000 Jahrestonnen aus Post-Consumer-Verpackungen PE- und PP-Recompounds herstellt.

Ebenfalls im Jahr 2018 kaufte Albis den auf Closed-Loop-Prozesse spezialisierten Aufbereiter Wipag aus Neuburg auf. Wipag ist seit Jahrzehnten auf die Automobilbranche spezialisiert und hat jetzt sogar ein Verfahren entwickelt, um den robusten Werkstoff CFK aufzubereiten und somit seine Wiederverwendung zu ermöglichen.

Eine weitere Größe in der Polymerindustrie, die sich die Förderung des chemischen Recyclings zum Ziel gesetzt hat, ist BASF. Das Unternehmen beteiligt sich u.a. am Poly-Styreney-Loop-Projekt. In der aktuellen Projektphase wird eine Pilotanlage errichtet, in der eine lösungsmittelbasierte Recycling-Technologie zum Einsatz kommt. Mit ihr sollen Dämmstoffe aus expandiertem Polystyrol (EPS) wiederverwertet werden können.

Anders als bestehende werkstoffliche Recyclingverfahren könnte sich die Technologie auch für die Wiederverwertung von Stoffen eignen, die früher verwendete und heute verbotene Flammschutzmittel beinhalten.

Vermehrter Einsatz von Rezyklaten

Die auf der K 2016 gegründete Polyolefin Circular Economy Platform (PCEP) wurde von der EuPC, Plastics Europe und Plastics Recyclers Europe ins Leben gerufen. PCEP sagte zu, den Gehalt an recycelten Polyolefinen in europäischen Produkten um eine Million Tonnen zu steigern.

Ziel dieser Kampagne ist es, dass durch freiwillige Maßnahmen seitens der Industrie im Jahr 2025 in Europa ezhn Millionen Tonnen Rezyklate in Produkten verwendet werden. Ziel ist es, bis 2030 60 Prozent der gesammelten Polyolefin-Verpackungen wieder zu verwenden oder zu verwerten und über 75 Prozent der Polyolefin-Verpackungen recycelbar zu gestalten.

Auch die EU gibt vor, dass zwischen 2025 und 2030 jährlich zehn Millionen Tonnen recycelte Polymere verwendet werden sollen. Um die Fortschritte der Industrie bei der Erreichung des Ziels zu überwachen und zu registrieren, lancierte der EuPC kürzlich die Onlineplattform More (MOnitoring Recyclates for Europe). Damit soll künftig an einem Ort überwacht werden, wie viele recycelte Polymere bei europäischen Kunststoffverarbeitern ihren Weg in neue Produkte finden. Um jedoch die ambitionierten Ziele der EU zu erreichen, muss die Qualität von Rezyklaten verbessert werden. Studien des EuPC aus den Jahren 2017 und 2018 zufolge haben Kunststoffverarbeiter aktuell Schwierigkeiten, eine geeignete Bezugsquelle für recycelte Polymere zu finden.

Mit der konsequenten Weiterentwicklung seines Recyclingverfahrens Recycled-Resource will auch der Umweltdienstleister Interseroh zum Klima- und Ressourcenschutz beitragen. Nach den Berechnungen des Fraunhofer-Instituts Umsicht spart der Einsatz des Recyclingkunststoffs Recythen mit dem neuen einstufigen Prozess nun im Schnitt 60 Prozent klimaschädliche Emissionen im Vergleich zur Verwendung von Neugranulat aus Rohöl ein. Zudem liegt der Verbrauch an Primärenergie je Tonne um rund 21.000 kWh unter dem Vergleichswert. Die Differenz entspricht in etwa dem Energieaufwand von 14.400 Waschladungen. Selbst der Einsatz des aufgrund von Individualisierungen relativ aufwendig produzierten Recyclingrohstoffs Procyclen spart noch 54 Prozent klimaschädliche Treibhausgasemissionen ein.

Digitalisierung von Recyclingverfahren

Die Kreislaufwirtschaft erweist sich als starker Motor für Innovationen auf Seiten der Maschinenhersteller und Kunststoffunternehmen. Da die Qualität von recyceltem Material in der Regel unbeständiger ist als die von Neumaterial, kam Recyclingmaterial für viele Anwendungen bisher nicht in Frage. Intelligente Assistenzsysteme sind im Begriff, das zu ändern. In Düsseldorf stellt Spritzgussmaschinenhersteller Engel erstmals seine intelligente Softwarelösung „iQ Weight Control“ in der Praxis vor. Zum Einsatz kommt dabei Recyclingmaterial. Die Software überwacht das Spritzgießverfahren Schuss für Schuss und gleicht Schwankungen automatisch und in Echtzeit aus.

In einem im Juni 2019 gestarteten Kooperationsprojekt arbeitet das SKZ mit Partnern an einer digitalen Anwendung, um den Abfall- und Rezyklatmarkt im Sinne einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft zu stabilisieren. Neben der Projektleitung durch das Wuppertal Institut sind das SKZ sowie die IT-Experten Infosim, das Forschungsinstitut für Rationalisierung (FiR) sowie die Kunststoffwiederaufbereiter Hoffmann & Voss und MKV am Projekt beteiligt. Die angestrebte Systemlösung soll den Akteuren der Branche zur Verfügung gestellt werden, um vertrauensvolle Wertschöpfungsnetzwerke bilden zu können. Im Projekt sollen zudem prozessintegrierte Qualitätssicherungsmethoden für die Herstellung von Regranulaten weiterentwickelt werden. Hierdurch erhalten Wiederaufbereiter zusätzlich zu ihren Laborprüfungen die Möglichkeit, die Qualität ihrer späteren Produkte bereits im Prozess durchgehend zu überwachen.

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