Deutscher Anlagenbau

Königsdisziplin Großanlagenbau weiter unter Veränderungsdruck

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Die Branche fordert daher die Politik auf dieses staatliche Instrument einer kritischen Prüfung zu unterziehen, und den radikalen Umbrüchen anzupassen. Besonders wichtig sind dabei die internationale Beschaffung und die Einbindung der Lieferumfänge ausländischer Tochtergesellschaften im Projektland selbst. „Die dritte Stufe des sogenannten Drei-Stufen-Modells muss Auslandsanteile für Großprojekte nicht nur bis 49 Prozent, sondern auch im Regelfall bis zu 75 Prozent ermöglichen“, fordert AGAB-Sprecher Nowicki. Man sei hier deutlich mehr Opfer als Profiteur, so der Linde-Manager. Auch das Thema Doppelbesteuerung sei für deutsche Unternehmen nachteilig geregelt. Ob die Branche in der Politik hierfür Gehör findet, bleibt abzuwarten. Klar ist aber auch: Ändert sich nichts, werden die Rahmenbedingungen für rund 59.000 deutsche Arbeitsplätze zunehmend schwieriger.

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Ausland-/Inlands-Umsätze – Top und Flop

Während die Inlandsaufträge deutlich zurückgingen und so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr waren, stiegen in 2015 zwar die Auslands-Auftragseingänge im Berichtszeitraum um 6 Prozent auf 16,9 Milliarden Euro (2014: 15,9 Milliarden Euro). Doch dieser Zuwachs basiert im Wesentlichen auf mehreren Großaufträgen aus Ägypten für Kraftwerke und aus Russland für Chemieanlagen. Von einem allgemeinen Aufschwung könne im Exportgeschäft insofern keine Rede sein, so die einhellige Einschätzung aller anwesenden Manager aus dem Großanlagenbau. Vielmehr habe sich der Abwärtstrend im Chinageschäft verfestigt und auch aus anderen asiatischen Schwellenländern wie etwa Südkorea und Malaysia gingen 2015 weniger Bestellungen ein als im Vorjahr. Schwach war die Nachfrage ferner in den meisten Ländern Europas. Steigende Buchungen meldeten die AGAB-Großanlagenbauer 2015 hingegen aus Brasilien, Indien, der Türkei und dem Mittleren Osten.

Die Aufträge aus den USA haben sich dank anziehender Bestellungen für Gaskraftwerke auf hohem Niveau stabilisiert. Insgesamt nahm die Auslandsnachfrage nach Kraftwerken um 18 Prozent zu. Mit 7,8 Milliarden Euro erreichte das Ordervolumen in diesem wichtigen Segment den höchsten Wert seit 2009. Ganz anderes Bild im Heimatmarkt: Hier kann der Großanlagenbau schon länger nicht mehr punkten, verliert aber 2015 erneut 29 Prozent Auftragsvolumen und landet mit auf 2,6 Milliarden Euro (2015: 3,7 Milliarden Euro) erstmals seit 30 Jahren nominal unter der 3 Milliarden-Umsatzgrenze. Als Hauptgrund für diesen Rückgang sieht die Branche den Zusammenbruch des deutschen Marktes für den Neubau fossiler Kraftwerke. Doch auch in den Prozess- und Grundstoffindustrien würden aufgrund von Überkapazitäten, hohen Energiepreisen und strengen Regulierungsvorschriften derzeit kaum Großprojekte realisiert.

Kundenwünsche und Handlungsfelder des deutschen Großanlagenbaus

Vor dem Hintergrund des steigenden Wettbewerbsdrucks aus Asien und der stagnierenden Anlagennachfrage wachsen auch die Erwartungen der Kunden kontinuierlich. So würden in den letzten Jahren neben klassischen Bewertungskriterien Preis, Zeit und Qualität zahlreiche weitere Faktoren wie beispielsweise HSE-Expertise, Anlagenservice und vereinzelt auch der Anlagenbetrieb treten. Klartext Nowicki: „Mitunter sind sogar Eigenkapitalbeteiligungen durch Anlagenbauer aus Risikogesichtspunkten oder zur Schließung temporärer Finanzierungslücken beim Kunden notwendig.“ Ferner haben sich auch die vertraglichen Bedingungen weltweit weiter verschärft.

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