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Innovationsmanagement Ist die deutsche Chemie zu risikoscheu?

| Autor / Redakteur: Mark Seidler* / Anke Geipel-Kern

Wie sollten Chemieunternehmen mit dem steigenden Innovationsdruck umgehen? Jede Innovation ist mit einem gewissen Risiko behaftet. Aber deshalb gar nichts wagen? Ein strukturiertes Innovationsmanagement macht deutlich, welchen Risiken welcher Gewinn gegenübersteht. Frei nach dem Motto: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

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Dr. Mark Seidler, Partner der Strategic Decisions Group (SDG): „Sehr häufig formulieren die Verantwortlichen die Zukunftsplanung ihres Unternehmens nur sehr vage. Dadurch nehmen die Entscheider an der Unternehmensspitze Probleme, die bei der Umsetzung auftauchen könnten, überhöht wahr.“
Dr. Mark Seidler, Partner der Strategic Decisions Group (SDG): „Sehr häufig formulieren die Verantwortlichen die Zukunftsplanung ihres Unternehmens nur sehr vage. Dadurch nehmen die Entscheider an der Unternehmensspitze Probleme, die bei der Umsetzung auftauchen könnten, überhöht wahr.“
(Bild: SDG)

Durch einen stets kompetitiveren Weltmarkt steht die chemisch-pharmazeutische Industrie in Europa derzeit unter einem hohen Innovationsdruck. Die Konkurrenz kommt vor allem aus Asien und hier aus China. Das verdeutlichen Übernahmen europäischer Unternehmen, wie etwa die des Schweizer Agrarchemiekonzerns Syngenta durch den chinesischen Staatskonzern Chem China.

Um in diesem hart umkämpften Umfeld bestehen zu können, bedarf es stetiger Innovationen, sonst drohen wirtschaftliche Verluste oder im Extremfall eben die Übernahme. Dennoch investieren die Unternehmen laut dem Verband der chemischen Industrie (VCI) lediglich sechs Prozent des Branchenumsatzes in Forschung und Entwicklung. Der Grund: Wer disruptive Innovationen entwickelt, kann scheitern. Doch Unternehmen können Risiken mittels eines strukturierten Innovationsmanagements greifbar machen und somit höhere Investitionen gegenüber ihren Eigentümern besser rechtfertigen.

Die zentrale Frage für europäische Firmen lautet also: Wie und wohin soll sich das Angebot unseres Unternehmens entwickeln? Die Antwort fällt meist recht konservativ aus, da hiesige Unternehmen beim Aufstellen ihrer Innovationsstrategien oft sehr zögerlich vorgehen und ihre Produktpalette in Abstimmung mit den Bedürfnissen ihrer Kunden nur schrittweise weiterentwickeln. Solche naheliegenden Innovationsstrategien werden auf lange Sicht jedoch nicht ausreichen, um mit der fernöstlichen Konkurrenz mithalten zu können. Vielmehr bedarf es disruptiver Innovationen, die die Zukunft des Marktes entscheidend prägen, anstelle von inkrementellen Verbesserungen, die lediglich Reaktionen auf das aktuelle Marktgeschehen darstellen.

Der Grund für die konservative Vorgehensweise der Europäer ist einfach nachzuvollziehen. Wer Produkte mit hohem Disruptionspotenzial entwickelt und Branchenneuland betritt, geht zwangsläufig ein verhältnismäßig hohes wirtschaftliches Risiko ein. Selbstverständlich ist hier Vorsicht geboten, doch solche Risiken grundsätzlich zu meiden, führt langsam aber sicher zum Stillstand und irgendwann fehlen Wachstumsmöglichkeiten. Finanzielle Risiken sind also ein notwendiges Übel, will man zukunftsfähig bleiben. Eine Einsicht, die die Konkurrenz aus China zunehmend verinnerlicht. So prognostiziert der VCI, dass im Jahr 2030 über ein Fünftel der weltweiten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung aus China kommen wird, während der Anteil der EU zurückgeht.

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