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Anlagenbau in Europa

War’s das schon wieder? Europas Anlagenbau-Miniboom stockt

| Redakteur: Dominik Stephan

Ausgerechnet in Europa feiert der Anlagenbau ein kleines Comeback – 2018 verbuchen Europäische Anlageprojekte einen Miniboom: 134 neue Anlagen in den ersten acht Monaten zeigen, welches Potenzial in der Branche steckt. Doch jetzt kommt das Wachstum dank Handelskonflikten, Brexit und Ölpreissteigerungen auch schon wieder ins Stocken – geht der Chemie die Puste aus?

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Energie und Grundstoffe bleiben gefragt: Europas Anlagenbauprojekte unter der Lupe.
Energie und Grundstoffe bleiben gefragt: Europas Anlagenbauprojekte unter der Lupe.
(Bild: ©yalapeak - stock.adobe.com, [M] Bauer; Quelle: GROAB; Grafik: PROCESS)

Nach einem fulminanten Jahresauftakt stagniert der Umsatz der drittgrößten Industriebranche Deutschlands, wenn auch auf hohem Niveau. In Zeiten internationaler Handelskonflikte und des sich abzeichnenden Brexits will sich niemand des unangepassten Optimismus verdächtig machen, scheint es. Entsprechend korrigieren Branchenverbände ihre Prognosen leicht nach unten: Nur noch 3,5 % Plus im Jahresverlauf gibt der VCI als Zielmarke aus.

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Trotzdem: die Sachanlageninvestitionen in Europa boomen. 2018 wurden 134 neue Projekte angekündigt oder begonnen, zeigt eine Recherche in der Großanlagenbau-Datenbank GROAB. Davon entfallen 25 auf Basis- und Bulkchemieanlagen, je zwölf auf Kunststoffe und die Erdöl- oder Gasförderung. Farben und Spezialchemie sowie Raffinerien und Downstream-Projekte folgen mit acht bzw. sieben Ankündigungen.

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Zwar fehlen Europa die Impulse, wie sie in den USA der Schiefergasboom stimuliert, trotzdem stocken die Platzhirsche ihre Kapazitäten auf. So verpasst die BASF am Stammsitz in Ludwigshafen ihrem Vitamin-A-Produktionskomplex eine Frischzellenkur: Bis 2020 soll die Anlage aus den 1970ern um zusätzliche Kapazitäten von 1500 Tonnen pro Jahr ergänzt werden – das verspricht satte Geschäfte für die Zulieferer, sind dafür doch 600 Maschinen und Apparate, 4000 Rohrleitungen und 5000 Messstellen notwendig, wie der Chemieriese erklärt.

Auch am zweitgrößten Firmenstandort in Antwerpen bauen die Ludwigshafener Schritt für Schritt ihre Kapazitäten aus. Bis 2025 soll die Produktionsfähigkeit der World-Scale-Tensidanlage um 25 % steigen. Auch evaluiert das Unternehmen derzeit die Möglichkeit, die Kapazitäten für Ethylenoxid durch einen Ausbau der Produktion am belgischen Verbundstandort zu stärken.

Das sind die zehn größten Anlagenbauprojekte Europas 2018.
Das sind die zehn größten Anlagenbauprojekte Europas 2018.
(Bild: GROAB)

Währenddessen will Arlanxeo von der steigenden Nachfrage nach CR-Kautschuken profitieren und lässt die Reaktoren der Chloropren-Produktion in Dormagen aufwändig erneuern. Bis 2019 sollen die Produktionskapazitäten auf 70 000 Tonnen pro Jahr steigen.

Anlagenbau-Projekte in Süd- und Osteuropa

Weniger von der wirtschaftlichen Gesamtlage als vom Auslaufen der Chlorproduktion auf Quecksilberbasis in Südeuropa dürfte die Entscheidung des portugiesischen Unternehmens CUF-Químicos bestimmt sein, im spanischen Torrelavega eine 68 000-Jahrestonnen-Chlorelektrolyse aufzubauen. Dabei kommt ein Membran-Verfahren von Asahi-Kasei zum Einsatz. Gebaut und schlüsselfertig übergeben wird die Anlage inklusive Soleaufbereitung, Natronlaugeeindampfung sowie einer Natriumhypochloritanlage von CAC (Chemieanlagenbau Chemnitz).

Besonderes Aufsehen erregten 2018 die Pläne des polnischen Mineralölkonzerns Orlen, etwa zwei Milliarden Euro in Płock und Włocławek zu investieren. Dabei gehe es den Polen um eine stärkere Integration der Segmente Raffinerie und Petrochemie zur weiteren Diversifizierung des Konzerns, wie Firmensprecher erklärten.

Schon jetzt baut Orlen in Plock eine Metathese-Einheit in Płock zur Herstellung von Propylen in Polymerqualität für etwa 100 Millionen Euro auf, die zusätzliche Kapazitäten von 100 000 Jahrestonnen bereitstellen soll. Die angekündigten Investitionen sollen die petrochemische Produktionskapazität von PKN Orlen um rund 30 % erhöhen.

Energie und Grundstoffe bleiben gefragt: Europas Anlagenbauprojekte unter der Lupe.
Energie und Grundstoffe bleiben gefragt: Europas Anlagenbauprojekte unter der Lupe.
(Bild: ©yalapeak - stock.adobe.com, [M] Bauer; Quelle: GROAB; Grafik: PROCESS)

Endet der Anlagenbau-Miniboom, bevor er so richtig begann?

Auch weltweit rechnen Branchenkenner mit einer Verdopplung des Marktvolumens für Petrochemikalien und Basiskunststoffe bis 2040. Entsprechend tragen auch in Deutschland Umsatzzuwächse im Ausland dazu bei, die leicht rückgängigen Inlandserlöse zu kompensieren. Doch auch diese scheinen derzeit durch außenpolitische Risiken wie den Brexit und den drohenden Handelskrieg zwischen den USA und China eingetrübt. Kritisch beobachte die Branche die steigenden Ölpreise, die auf die Gewinnmargen drückten.

„Wegen dieser sich häufenden Risiken erwarten wir, dass sich der Aufwärtstrend im deutschen Chemiegeschäft in der zweiten Jahreshälfte weiter abschwächen wird,“ gab der ehemalige VCI-Präsident Kurt Bock zu bedenken. Ist der Boom zu Ende, bevor er richtig begann? Das muss die Zukunft zeigen

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