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Versuchsanlage in Duisburg ThyssenKrupp produziert Backpulver aus Prozessgasen

| Redakteur: M.A. Manja Wühr

Mit einer Versuchsanlage in Duisburg schlägt ThyssenKrupp eine Brücke zwischen Kokereien und der Weihnachtsbäckerei. Denn Herzstück der Anlage ist ein neu entwickeltes Verfahren, das aus Prozessgasen das Backtriebmittel Hirschhornsalz gewinnt.

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Kokerei-Chef Peter Liszio (r.) und Dr. Holger Thielert von ThyssenKrupp Industrial Solutions haben das Gemeinschaftsprojekt auf den Weg gebracht. „Was liegt näher als aus Gas, das ohnehin anfällt, etwas Neues herzustellen, das sich verkaufen lässt“, fasst Dr. Thielert zusammen.
Kokerei-Chef Peter Liszio (r.) und Dr. Holger Thielert von ThyssenKrupp Industrial Solutions haben das Gemeinschaftsprojekt auf den Weg gebracht. „Was liegt näher als aus Gas, das ohnehin anfällt, etwas Neues herzustellen, das sich verkaufen lässt“, fasst Dr. Thielert zusammen.
(Bild: Thyssen Krupp)

Essen – Die Kokerei Schwelgern (KBS), der Anlagenbauer ThyssenKrupp Industrial Solutions und die Technischen Universität Berlin haben gemeinsam eine Verfahren entwickelt, das Prozessgase aus dem Kokereibetrieb verwertet. Auf dem Werkgelände von ThyssenKrupp Steel Europe in Duisburg ist nun eine Pilotanlage in Betrieb genommen worden, die Hirschhornsalz produziert, das tatsächlich auch als Backpulver eingesetzt wird. Im Vordergrund steht aber nicht, mit der Herstellung von Backpulver in die Lebensmittelindustrie einzusteigen, so ThyssenKrupp. Vielmehr nutzt das Versuchsaggregat bestimmte Prozessgase, die bei der Herstellung von Koks ohnehin entstehen, und wandelt diese umweltschonend in vermarktbare Stoffe wie Düngemittel und Treibmittel für die Chemieindustrie um.

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„Kokereien gibt es auf der ganzen Welt. Wir wollen mit dem neu entwickelten Verfahren den Betreibern die Chance bieten, ihre Prozessgase sinnvoll weiterzuverwenden und die Produktivität ihrer Anlagen zu steigern“, erläutert Dr. Holger Thielert, Head of Gas Treatment Plant Department von ThyssenKrupp Industrial Solutions: „Hierfür haben wir ein Verfahren entwickelt und patentiert, das Koksofengase ressourcenschonend in verwertbare Stoffe umwandelt. Dieses Verfahren können wir weltweit vermarkten oder auch in bestehenden Anlagen installieren.“

Auf dem Weg zum Einsatz im Großmaßstab

Am Anfang des neuen Verfahrens steht die Produktion von Koks, neben Eisenerz der Haupteinsatzstoff zur Herstellung von Roheisen im Hochofen. „Dabei wird in der Kokerei Kohle unter hohen Temperaturen ‚gebacken‘. Die in diesem Prozess entstehenden heißen Gase führen eine Reihe von Stoffen mit sich. In der Versuchsanlage wird nun in ein einem komplexen Verfahren das Koksofengas gewaschen. Unter Beigabe von Kohlenstoffdioxid entsteht Ammoniumbikarbonat – umgangssprachlich Hirschhornsalz“, erklärt Dr. Thielert. Die entstehenden Endprodukte sind vielfältig einsetzbar: als Stickstoffdünger, als Treib- und Schäumungsmittel für Kunststoffe oder poröse Keramiken und letztlich auch in der Nahrungsmittelindustrie.

Nach erfolgreichen Testläufen unter Laborbedingungen wurden zwei Forscher der Technischen Universität Berlin mit dem Bau der Pilotanlage in Duisburg beauftragt. „Die entscheidenden Versuche können nur unter realen Bedingungen stattfinden“, erläutert Sebastian Riethof, Wissenschaftler von der TU Berlin. Für die Testphase bietet die Kokerei Schwelgern als Teil des integrierten Hüttenwerks von ThyssenKrupp Steel Europe in Duisburg optimale Bedingungen.

„Läuft hier auf der Kokerei alles wie geplant, kann das neue Verfahren auch im Großmaßstab angewendet werden“. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend: „95 Prozent des im Koksofengases enthaltenen Ammoniaks können genutzt werden. Aus 15 Kubikmetern Koksofengas und zwei Kubikmetern Kohlenstoffdioxid entstehen so pro Stunde 15 Kilogramm Feststoffe“, erläutert Riethof die Effizienz der Anlage. Die Chemieprodukte können so zu marktfähigen Kosten hergestellt werden.

„Schon jetzt werden hier in Duisburg nahezu alle anfallenden Prozessgase möglichst effizient verwertet“, erklärt KBS-Geschäftsführer Peter Liszio. „Gelingt es uns jetzt noch langfristig, sowohl aus den Koksofengasen am Markt absetzbare Produkte für andere Industriezweige herzustellen und zugleich den CO2-Ausstoß des Hüttenwerks zu senken, wäre das ein echter Mehrwert, der auch der Umwelt zugutekommt.“ Deshalb könnten Idee und Anlagentyp bei positivem Fortschritt künftig auch weltweit zum Einsatz kommen.

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