Strategische Allianz zwischen Bentley und Siemens Think big, implement small and scale fast - Wie Digitalisierung gelingt

Autor: Anke Geipel-Kern

Gerade erst hat Bentley an der US-Technologiebörse NASDAQ zur Freude aller Aktionäre ein erfolgreiches Börsendebüt hingelegt. Rückenwind auch für die strategische Allianz mit Siemens, die 2016 startete, um die digitale Transformation auch in der Prozessindustrie voranzubringen. Im Exklusivinterview mit Carsten Gerke (Bentley) und Tobias Hennchen (Siemens) verraten die beiden Manager, warum der digitale Zwilling einer Anlage nicht immer perfekt sein muss und wie Plantsight EPCs neue Servicemodelle ermöglicht.

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Siemens und Bentley Systems entwickeln den ersten digitalen Zwilling in der petrochemischen Industrie Indonesiens für Chandra Asri, den größten integrierten Petrochemiekomplex des Landes.
Siemens und Bentley Systems entwickeln den ersten digitalen Zwilling in der petrochemischen Industrie Indonesiens für Chandra Asri, den größten integrierten Petrochemiekomplex des Landes.
(Bild: Chandra Asri)

PROCESS: Herr Gerke, Herr Hennchen, wie entwickelt sich die Zusammenarbeit zwischen Bentley und Siemens und welche wichtigen Meilensteine gibt es?

Carsten Gerke: Aus unserer Sicht hat sich die Partnerschaft im positiven Sinne verselbstständigt. Nachdem wir die erste Phase, das Kennenlernen und die Identifizierung erster synergetischer Möglichkeiten erfolgreich abgeschlossen haben, haben wir jetzt für alle Branchen erste Lösungen entwickelt, mit denen wir an den Markt gegangen sind. Die Zusammenarbeit von Bentley Systems und Siemens umfasst ja nicht nur die Prozess- und Fertigungsindustrie, sondern auch Öl- und Gas, den Kraftwerkssektor, Energie, Infrastruktur und Gebäudetechnik sowie Mobilität und die Digitale Stadt.

Tobias Hennchen ist Director Digitalization & Alliances bei Siemens.
Tobias Hennchen ist Director Digitalization & Alliances bei Siemens.
(Bild: Siemens)

Tobias Hennchen: Im ersten Schritte war es für uns wichtig, dass die Beteiligten bei Bentley und Siemens, sich und das Portfolio des jeweils anderen kennenlernen und wir erste gemeinsame Lösungen für unsere Kunden anbieten können. Mittlerweile haben wir weitere Synergiepotenziale identifiziert und wir wissen, wo wir unser Portfolio gemeinsam weiterentwickeln werden. Dabei ist uns wichtig, dass wir immer mit den wirklichen "Painpoints" unserer Kunden starten.

PROCESS: Wo liegen denn aus ihrer Sicht bei der digitalen Transformation die wichtigen Herausforderungen ihrer Kunden?

Hennchen: Durchgängigkeit ist das große Thema. Kunden wollen den durchgängigen Betrieb ihrer Infrastrukturen über den Lebenszyklus hinweg sicherstellen. Und zwar über alle Branchen hinweg. Wir schlagen mit unseren Lösungen die Brücke insbesondere von der Engineering- hin zur Operation- und Maintenance-Phase, so dass die Kunden diese Lücke nicht mehr selbst schließen müssen.

Carsten Gerke ist Senior Vice President, Strategic Channels bei Bentley Systems. Er ist für ausgewählte strategische Beziehungen des Unternehmens verantwortlich.
Carsten Gerke ist Senior Vice President, Strategic Channels bei Bentley Systems. Er ist für ausgewählte strategische Beziehungen des Unternehmens verantwortlich.
(Bild: Bentley)

Gerke: Am Ende des Tages geht es dem Kunden darum, Benefits zu heben, es geht um höhere Verfügbarkeiten oder um niedrigere Maintenance-Kosten. Das schafft man nur, wenn wir dem Betreiber helfen, den Aufwand für die Erstellung des digitalen Zwillings zu senken und die Qualität und Sichtbarkeit der Daten erhöhen.

PROCESS: Das klingt einfach, stößt aber in der Realität einer Brownfield-Anlage auf Probleme, z.b auf inkonsistente Daten, die mit unterschiedlichen Softwarewerkzeugen erzeugt wurden und in den verschiedensten Dateiformaten vorliegen.

Gerke: Um die Daten für den Digital Twin zugänglich zu machen, müssen die Daten aus einer Vielzahl nicht homogener Systeme zusammengeführt werden. Dafür haben wir Plantsight entwickelt. Damit koppeln wir die Datennutzung ab von dem Tool, mit dem die Daten erzeugt worden sind. Das war lange die eigentliche Crux: Daten konnten nur mit der Software, mit der sie auch erzeugt worden sind, bearbeitet werden. Mittlerweile sind wir viel weiter und können Daten, auch dank der Cloud, sehr viel einfacher zur Verfügung stellen. Wir legen Plantsight als Datensichtplattform über existierende Lösungen. Das heißt, wenn ein Betreiber SAP oder Intergraph nutzt, muss er die nicht ersetzen, sondern kann die Daten nutzen und harmonisieren, um einen Digital Twin zu erzeugen und zu einem Use Case zu kommen.

Hennchen: Genau das ist der spannende Aspekt, den Plantsight beinhaltet. Der Betreiber muss nicht zwingend einen neuen Datentopf schaffen. Um den Digital Twin zu bauen, kann er auf bestehende Daten zugreifen und diese verknüpfen. Dabei unterscheiden wir insbesondere in Engineering-Daten, IT-Daten und OT-Daten aus dem Feld.

PROCESS: Ist die Branche reif für ein solches Integrations-Tool?

Gerke: Das kommt darauf an, wie sie den Use Case definieren. Unser Partner Shell beispielsweise hat Plantsight in Greenfield Feed-Projekten eingesetzt, um unterschiedliche Datentöpfe zusammen zu führen und schnell Entscheidungen über die Investition fällen zu können. Time to Market war hier das entscheidende Argument. Die Daten sequenziell abzuarbeiten, hätte deutlich mehr Zeit benötigt. Der Trick ist, mit der richtigen Expertise gemeinsam mit dem Kunden zu definieren, wo die Potentiale liegen. Eine wichtige Spezies dabei sind die Digital Integrator, die dem Kunden helfen, Daten zu verstehen und zu definieren, wo denn das Potenzial zu heben und zu priorisieren ist. Infrage kommen z.B. EPCs, die Engineering-Projekte in der Öl- und Gasindustrie und in der Prozessindustrie umsetzen. Ein EPC weiß ziemlich genau, welche Daten gut und welche Daten schlecht sind.

Hennchen: Wir erleben jetzt immer öfter Ausschreibungen, die fordern, dass die digitalen Modelle der Infrastrukturen mit erzeugt oder eingebunden werden sollen. Damit reift auch die Erkenntnis, dass die Übergabe der Modelle von den Erstellern zu den Betreibern eine wichtige Schnittstelle darstellt. Je besser dabei beide an einem Strang ziehen, desto einfacher erfolgt die Integration.

PROCESS: Viele EPCs beginnen direkt nach dem Handover eines Projektes gleich das nächste und haben wenig Interesse, in der Opex-Phase beim Betreiber mit an Bord zu sein.

Gerke: Wir beobachten, dass sich das ändert. Es gibt immer häufiger neue vertragliche Konstrukte zwischen EPC und Betreiber, die eine Handover Phase anders regeln als bisher. Hinzu kommt: Zwischen den Phasen Engineering und Operations steht Construction und das ist der am wenigsten digitalisierte Bereich im Anlagenbau. Oft kommt es hier das erste Mal zu Abweichungen: as-engineered ist das eine und as-constructed, kann etwas ganz anderes sein. Unserer Lösungen wie Plantsight helfen zudem EPCs neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, indem sie den nachfolgenden Betreibern höherwertige Life-Cycle-Services anbieten zu können. Beispielsweise kann der EPC seine digitalen Modelldaten in Form einer Datenplattform zur Verfügung stellen.

Seminar: Risikoermittlung in der Anlagensicherheit

In unserem Seminar „Risikoermittlung in der Anlagensicherheit“ lernen Sie mit welchen Methoden die Risiko- und Gefährdungsermittlung bei Prozess- und Chemieanlagen erfolgen kann und welche Tools dazu geeignet sind. Anhand eines konkreten Beispiels der Risikoanalyse einer Betriebsvorlage (Behälter) wird mit den vorgestellten Tools unter Anwendung der Methode PAAG-/LOPA eine Risikoanalyse durchgeführt. Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie ist diese Veranstaltung auch als Live-Webinar buchbar.

Comments: Matthias Back: Kampagnen-Cod ist: nl-art-prog-ev-PROCEvent01-20190225

PROCESS: Für Bentley und Siemens steht der digitale Zwilling im Zentrum. Gerade bei Bownfield-Anlagen sind der technische Aufwand und die Kosten für die Implementierung eines digitalen Zwillings immer noch sehr hoch. Was sagen Sie dem Betreiber?

Gerke: Ihre Frage impliziert ja auch, dass der Digitale Zwilling immer teuer sein muss. Auf unserer Year of Infrastructure-Konferenz hat ein Betreiber den Ausspruch geprägt: Think big, implement small and scale fast. Soll heißen, man sollte vor dem Start groß denken und das gesamte Bild vor Augen haben und dann entscheiden, was will ich als erstes erreichen. Das verdeutlicht auch das Beispiel Shell. Das Projekt startete auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie unter der Bedingung im ersten Projekt einen schnellen Return on Invest zu erzielen. Wir sagen immer: Der digitale Zwilling kann teuer sein, aber er muss nicht teuer sein.

Hennchen: Es bedarf nicht immer des perfekten Twins, um zu starten. Wir können mit Reality Modelling Zwillinge auch von Teilanlagen erzeugen und daraus sogar Engineering-Pläne erstellen oder als Basis für Simulationen nutzten. Es ist immer eine Frage des Use Cases, was der Betreiber an Qualität tatsächlich braucht.

PROCESS: Sie wollen Plantsight als das zentrale Werkzeug für den Digitalen Zwilling etablieren. Wie geht es jetzt weiter?

Gerke: Nachdem wir zunächst den Fokus auf die Erstellung des Digitalen Zwillings gelegt haben, haben wir mit dem Release im Mai 2020 das System um Funktionalitäten für Digital Reliability und Asset Management erweitert. Plantsight bietet nun die Möglichkeit, Projektinhalte wie Umbau, Erstellung oder Redesign in den Kontext des Anlagenbetriebs zu überführen. Auch die Teamcenter-Integration ist weit fortgeschritten. Im kommenden Jahr wird der bidirektionale Austausch möglich sein, so dass Lebenszyklus-Daten im geschlossenen Kreislauf zirkulieren können. Wir fokussieren uns jetzt aber erst einmal auf die Umsetzung dessen, was wir entwickelt haben. Wenn man das Gap an verfügbarer Software zu dem was Kunden tatsächlich einsetzen, zu groß macht, überfordert man den Kunden.

PROCESS: Und welche weiteren Ziele verfolgen Sie mit der Allianz insgesamt?

 

Hennchen: Wir verfolgen im Wesentlichen zwei Stränge, von denen wir glauben, dass sie unseren Kunden Mehrwert bieten. Das Erstellen von Lösungen (wie Plantsight), die von der durchgängigen Nutzbarkeit von Infrastruktur Daten über den gesamten Lebenszyklus profitieren. Außerdem reichern wir bestehende Asset Performance Management (APM) Software mit unserem Domain-Know-how an, damit wir diese bereits vorkonfiguriert anbieten können. Letzteres haben wir gerade erfolgreich für Kraftwerke und vier Kernbereiche in der Öl- und Gasindustrie umgesetzt.

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Über den Autor

 Anke Geipel-Kern

Anke Geipel-Kern

Leitende Redakteurin PROCESS/Stellvertretende Chefredakteurin PharmaTEC, PROCESS - Chemie | Pharma | Verfahrenstechnik