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Tarifeinigung in der Chemieindustrie Tarifabschluss: 3,6 % mehr Gehalt und Aussicht auf mehr Zeitsouveränität

Redakteur: Wolfgang Ernhofer

Es ist geschafft: Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter einigen sich auf einen neuen Tarifvertrag. Dabei konnten die Interessenvertreter der IG BCE in den Verhandlungen mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) einige wichtige Forderungen durchsetzen. Weitere wichtige Punkte, wie die flexiblere Gestaltung von Arbeitszeiten, müssen von beiden Parteien noch diskutiert und geklärt werden. PROCESS fasst die Ergebnisse der Verhandlungen zusammen.

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Der Abschluss der Tarifverhandlungen in der Chemieindustrie bringt Beschäftigten mehr Geld und Aussicht auf flexiblere Arbeitszeiten (Symbolbild).
Der Abschluss der Tarifverhandlungen in der Chemieindustrie bringt Beschäftigten mehr Geld und Aussicht auf flexiblere Arbeitszeiten (Symbolbild).
(Bild: Pixabay/geralt, gemeinfrei / CC0 )

Hannover – Deutliche Lohnsteigerungen, ein beträchtlicher Anstieg des Urlaubsgeldes und die Aussicht auf mehr Arbeitszeitsouveränität für die Beschäftigten: Nach zweitägigen Verhandlungen haben sich die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und Arbeitgeber auf einen Tarifkompromiss für die 580.000 Beschäftigten in der chemischen Industrie geeinigt. Dieser sieht Entgeltsteigerungen von 3,6 % vor. Gleichzeitig hat sich die Gewerkschaft mit ihrer Forderung nach einer Verdopplung des Urlaubsgelds auf 1200 Euro für Vollzeitbeschäftigte durchgesetzt, was einem weiteren Plus von bis zu 1,8 % gleichkomme, so die Gewerkschaft. Das Gesamtvolumen der Einkommensverbesserungen liege damit im Durchschnitt bei rund 4,6 %. Der Tarifabschluss hat eine Laufzeit von 15 Monaten.

„Spürbar mehr Cash“

vl: IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis, IG-BCE-Verhandlungsführer Ralf Sikorski und BAVC-Verhandlungsführer Georg Müller
vl: IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis, IG-BCE-Verhandlungsführer Ralf Sikorski und BAVC-Verhandlungsführer Georg Müller
(Bild: Andreas Reeg)

Über den Tarifabschluss zeigte sich der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis sehr zufrieden. „Wir haben für die Beschäftigten ein gutes Tarifpaket geschnürt, das ihnen eine faire Teilhabe am Erfolg ihrer Branche sichert“, sagte er im Anschluss an die Verhandlungen in Wiesbaden. „Seit Jahren brummt das Geschäft, und niemand spürt das mehr als die Kolleginnen und Kollegen. Sie haben deshalb einen Abschluss verdient, der ihnen sowohl spürbar mehr Cash bietet als auch die Aussicht auf Entlastung und mehr Freiraum bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit. Wir haben das versprochen, jetzt haben wir geliefert.“

„Tragfähiger Kompromiss“

BAVC-Präsident Kai Beckmann sieht den Abschluss nach harten Verhandlungen als einen tragfähigen Kompromiss: „Wir beteiligen die Beschäftigten fair am Erfolg der Branche und bringen damit unsere Wertschätzung zum Ausdruck. Zugleich ist dieser Abschluss eine Verpflichtung, weiterhin Leistung auf höchstem Niveau zu bringen. Das ist nötig, um die positive wirtschaftliche Entwicklung fortzusetzen“. Besonders wertvoll sei zudem die wechselseitige Zusage, die Modernisierung der Tarifverträge mit der Roadmap Arbeit 4.0 in Angriff zu nehmen. “Das Signal ist eindeutig: Die Chemie-Sozialpartner wollen die moderne Arbeitswelt gemeinsam gestalten“, so Beckmann.

Doppelt so viel Geld für den Urlaub

Besonders glücklich sind die Arbeitnehmervertreter über ihren Erfolg bei der Erhöhung des Urlaubsgeldes. „Die Forderung nach einer Verdopplung des Urlaubsgelds hat den Menschen aus dem Herzen gesprochen“, meinte IG-BCE-Verhandlungsführer und Tarifvorstand Ralf Sikorski. „Das haben wir bei den unzähligen Aktionen in den vergangenen Wochen und Monaten gespürt. Deshalb gab es in dieser Frage für uns keinen Verhandlungsspielraum. Von einer Verdopplung des Urlaubsgelds profitieren die unteren Lohngruppen und die Auszubildenden überdurchschnittlich. Zudem schließt die Chemieindustrie zu anderen Branchen auf und steigert damit ihre Attraktivität als Arbeitgeber.“

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Sikorski hob weiterhin hervor, dass sich beide Seiten darauf verständigt hätten, bis zur nächsten Tarifrunde Instrumente für mehr Arbeitszeitsouveränität zu schaffen. „Dazu gehört auch die Wahloption Zeit statt Geld.“

Flexiblere Arbeitszeit in naher Zukunft?

Am Ende konnten nicht alle Wünsche der IG BCE in der aktuellen Verhandlungsrunde durchgesetzt werden. So bleibt die Forderung nach mehr Gestaltungsspielraum in der Arbeitszeit noch auf den Tisch. Um den Weg zu ebnen, haben sich die vereinbarten Vertragsparteien allerdings schon auf eine verbindliche „Roadmap Arbeit 4.0“ geeinigt, die bis zur nächsten Tarifrunde mehr Arbeitszeitsouveränität und Qualifikationschancen für die Beschäftigten ermöglichen soll.

„Abschluss passt zur wirtschaftlichen Lage“

„Der Chemie-Tarifabschluss ist alles andere als billig, aber er passt zur wirtschaftlichen Lage der Branche“, kommentiert BAVC-Verhandlungsführer Georg Müller. „Mit 15 Monaten Laufzeit und betrieblicher Differenzierung konnten wir die dauerhafte Belastung für die Unternehmen unter die Schmerzgrenze bringen. Zugleich stellen wir sicher, dass den Betrieben bei der Arbeitszeit keine Kapazität verloren geht.“

Über Arbeitszeitsouveränität und Arbeitsvolumen sollen im Rahmen der Roadmap Arbeit 4.0 diskutiert werden. Dabei soll mehr Flexibilität für Unternehmen und Beschäftigte entstehen und damit eine höhere Attraktivität für die Branche insgesamt, so Müller.

Der Tarifabschluss im Einzelnen

  • Lohnerhöhung um 3,6 %: Die Entgelte steigen um 3,6 % bei einer Laufzeit von 15 Monaten. In allen Tarifbezirken gibt es zusätzlich Einmalzahlungen von 280 Euro (für Auszubildende 80 Euro).
  • Doppeltes Urlaubsgeld: Das Urlaubsgeld verdoppelt sich auf 1200 Euro für Vollzeitbeschäftigte und 1320 Euro für Schichtarbeiter. Von der Vereinbarung profitieren die unteren Lohngruppen überdurchschnittlich, das Plus liegt hier bei bis zu 1,8 %. Das Urlaubsgeld wird in der chemischen Industrie zusätzlich zur Jahresleistung (95 % des monatlichen Tarifentgelts) gezahlt.
  • Mehr Geld für Auszubildende: Auszubildende erhalten beim Urlaubsgeld einen Aufschlag von gut 250 Euro auf 700 Euro. Gleichzeitig steigen ihre Ausbildungsvergütungen im ersten und zweiten Ausbildungsjahr um 9 %, im dritten und vierten Ausbildungsjahr um 6 %.
  • Aussicht auf mehr Arbeitszeitsouveränität: Beide Seiten vereinbaren in einer „Roadmap Arbeit 4.0“ verbindliche Absprachen zur kommenden Tarifrunde, mit denen die Branche als Arbeitgeber attraktiver wird. Dazu gehört die Schaffung von Instrumenten, die Arbeitnehmern mehr Arbeitszeitsouveränität und variablere Arbeitszeiten ermöglichen. Die Umsetzung soll durch Betriebsvereinbarungen erfolgen, wobei die Betriebsparteien auf Basis einer qualifizierten Personalbedarfsplanung sicherstellen, dass das erforderliche Arbeitsvolumen erreicht wird. Zudem sollen die Qualifizierungsangebote für die Beschäftigten mit Blick auf Digitalisierung und Wandel der Arbeitswelt verbessert werden. Dazu soll der Unterstützungsverein der chemischen Industrie (UCI), eine gemeinsame Einrichtung beider Parteien, ein entsprechendes Förderprogramm auflegen.

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