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Interview mit Thorsten Pötter

„In den Köpfen ist Industrie 4.0 angekommen“

| Autor/ Redakteur: das interview führte Anke Geipel-Kern* / Wolfgang Ernhofer

Was bedeutet Industrie 4.0 für die Prozessindustrie? In den Köpfen sei das Thema angekommen, aber es hapere bei den konkreten Umsetzungen, sagt Dr. Thorsten Pötter, Leiter des Namur-Arbeitskreises Enabling Industrie 4.0 im PROCESS-Interview.

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Thorsten Pötter leitet den Namur-Arbeitskreis „Enabling Industrie 4.0“ und ist als Experte für dieses Thema gern gehörter und gesehener Redner auf vielen Veranstaltungen.
Thorsten Pötter leitet den Namur-Arbeitskreis „Enabling Industrie 4.0“ und ist als Experte für dieses Thema gern gehörter und gesehener Redner auf vielen Veranstaltungen.
(Bild: Copyright: Stefan Bausewein)

? Herr Pötter, betrachtet man Ihre Präsenz auf den einschlägigen Konferenzen hat man den Eindruck, dass Sie der Mr. Industrie 4.0 der Prozessindustrie sind. Wie fühlen Sie sich damit?

Pötter: Tatsächlich habe ich den Industrie 4.0-Gedanken schon 2013 aufgegriffen und versucht, das Gedankengut, das damals in der Automobilindustrie und im Maschinenbau diskutiert wurde, in die Prozessindustrie hineinzutragen. Digitalisierung betrifft unsere Branche gleichermaßen. Irgendwann hat mich dann jemand als eine Art Wanderprediger bezeichnet, das war ein amüsanter Ausdruck, der es aber ganz gut getroffen hat. Denn genauso habe ich mich am Anfang gefühlt.

? Welche Eindrücke nehmen Sie bei Ihren Vorträgen mit? Ist das Thema in der Prozessindustrie angekommen?

Pötter: Meine Eindrücke sind zweigeteilt. In den Köpfen ist Industrie 4.0 auf jeden Fall angekommen, schon wegen der Omnipräsenz in Konferenzen und den Medien. Im Hinblick auf konkrete Umsetzungen in unseren Anlagen, allerdings weniger. Tatsache ist, dass wir momentan zwar intensiv diskutieren, was Industrie 4.0 für die Prozessindustrie bedeutet, aber die Branche dem Begriff trotzdem gerne ausweicht.

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? Welche Begriffe verwendet die Prozessindustrie stattdessen?

Pötter: Digital Manufacturing, Modulare Produktion, Plug and Produce, dezentrale Automation sind Beispiele für technologische Ansätze, die wir unter Industrie 4.0 summieren. Diese Ansätze gibt es schon länger, wurden aber zu Anfang nicht unter Industrie 4.0 geführt. Wir arbeiten jetzt gerade den aktuellen Status auf: Was machen wir schon länger und was muss ergänzend dazu kommen?

? Klingt trotzdem ein bisschen so, als sei Industrie 4.0 doch nur ein alter Wein in neuen Schläuchen?

Pötter: Momentan gibt es ganz klar ein Overselling, was den Begriff Industrie 4.0 angeht. Es besteht die Gefahr, dass 3.0-Technologien mit dem 4.0-Label versehen werden. Eine Anlage zu automatisieren, ist nicht 4.0, IT in die Produktion zu bringen, ist nicht 4.0. Aber es gibt Ansätze, die darüber hinaus gehen. In der harten Produktion sind wir noch nicht ganz soweit, aber in angrenzenden Prozessen, beispielsweise der Logistik oder der vorausschauenden Instandhaltung, finden wir bereits 4.0-Lösungen.

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