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VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau

Großanlagenbau: Agil und nachhaltig zurück an die Spitze?

| Autor/ Redakteur: Gerd Kielburger / Wolfgang Ernhofer

Haben Deutschlands Großanlagenbauer den gigantischen Umsatzeinbruch der letzten zehn Jahre stoppen können? Das Jahr 2018 brachte der Königsdisziplin der Chemie- und Verfahrenstechnik wieder einen Umsatzzuwachs von drei Prozent. Ist das Tal durchschritten und die Trendwende erreicht? Von Krise bei der deutschen Engineering-Kompetenz jedenfalls keine Spur. Im Gegenteil: Mit Nachhaltigkeit und Agilität will man zurück an die Spitze.

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Klaus Gottwald, Helmut Knauthe und Jürgen Nowicki (v.l.n.r.) berichten bei der Jahrespressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) des VDMA über die Entwicklung der Branche.
Klaus Gottwald, Helmut Knauthe und Jürgen Nowicki (v.l.n.r.) berichten bei der Jahrespressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) des VDMA über die Entwicklung der Branche.
(Bild: Kielburger / PROCESS)

Düsseldorf/Frankfurt – Vorsichtiger Optimismus ist ein von deutschen Großanlagenbauern gerne verwendeter Terminus, den die Branche auch für das laufende Geschäftsjahr im Blick hat. Dabei konnten die in der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) im VDMA vertretenen Mitglieder 2018 mit 18,3 Milliarden Euro bei den hierzulande verbuchten Auftragseingängen ein Zuwachs um drei Prozent verzeichnen. Zum Vergleich: 2009 stand die deutsche Königsdisziplin der Chemie- und Verfahrenstechnik mit 32 Milliarden Euro Umsatz auf ihrem Zenit. Seitdem kannte die Umsatzentwicklung bis auf das Jahr 2011 nur einen Weg – nach unten.

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Heute stehen die deutschen Großanlagenbauer für geschätzte 15 % der Umsätze im weltweiten Markt. Gleichzeitig bewegt man sich in einem volatilen Umfeld, das von starkem Preis- und Wettbewerbsdruck, Überkapazitäten sowie vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt ist. Aber ist der Umsatzzuwachs in 2018 schon als Trendwende zu deuten? AGAB-Vorsitzender Jürgen Nowicki will davon jedenfalls nichts wissen, zumal sich die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Prozessindustrie an vielen Stellen gerade eintrüben, wie auch der VCI in einer jüngsten Mitteilung kommunizierte.

Nicht wenige Experten sehen die wirtschaftliche Entwicklung am Ende eines Zyklus angekommen. Prognosen für die Perspektiven im Großanlagenbau abzugeben sind für den AGAB-Vorsitzenden und Sprecher der Linde-Geschäftsführung daher schwierig. Dennoch traut man sich für das laufende Geschäftsjahr durchaus ein Wachstum im Bereich bis zu fünf Prozent zu. Vorsichtiger Zweckoptimismus? Auch wenn das 2018er-Wachstum auf ein solides Auslandsgeschäft sowie auf eine Reihe von Mega-Aufträgen für Chemieanlagen zurückzuführen ist, weiß der Linde-Manager, dass die Entwicklung stark von einzelnen nicht immer vorhersehbaren Projektvolumina abhängen. Dabei hat man auf Verbands- und Unternehmensseite durchaus aus den Erkenntnissen der Vergangenheit die richtigen Schlussfolgerungen gezogen und offenbar vieles richtig gemacht:

Mit Servicethemen in der Digitalisierung und im Betrieb von Anlagen haben sich bereits viele Mitgliedsfirmen neue Geschäftsfelder erschlossen, die inzwischen zu rund 20 % zum Geschäft beitragen. Und dieser Anteil soll weiter ansteigen. Geht es nach Nowicki, kann der Anteil in den kommenden Jahren bis zu 30 % ansteigen – auch wenngleich noch nicht alle Mitgliedsfirmen auf dem jetzigen Durchschnittswert angekommen sind. Zu groß die Spannbreite zwischen einzelnen Mitgliedsfirmen ebenso wie in den unterschiedlichen Technologiesegmenten Kraftwerksbau, Hütten- und Walzwerke oder Chemieanlagenbau. Gleichzeitig wurden viele Ansätze zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit verfolgt (siehe Grafiken in der Bildergalerie). Von Investitionen in digitale Technologien über Standardisierung und Modularisierung, Kostensenkungen im Einkauf bis zur Verbesserung der Prozessqualität und neuen Vertragsmodellen – die Branche sucht mit Nachhaltigkeit und Agilität den Weg zurück zur Spitze. So soll allein die Modularisierung bei Projektlaufzeiten für Einsparpotenziale in Höhe von 10 bis 15 % sorgen. Baukosten stehen schließlich für 35 bis 50 % der gesamten Projektkosten. Gewaltige Kundenvorteile im Time to Market.

Modernisierungen und Services Top, Kraftwerke Flop

Dass sich die deutschen Engineering-Experten immer stärker außerhalb des Heimatmarktes orientieren, zeigt sich an der hohen Exportquote von 81 % und einem nicht gerade Investitionsfreundlichen deutschen Umfeld.

Denn hierzulande leidet die Branche unter einer dauerhaften Nachfrageschwäche bei thermischen Kraftwerken, die mit rund 550 Millionen Euro auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren absackte. Der Anteil im deutschen Chemieanlagenbau liegt bei immer noch mageren 114 Millionen Euro. Auch wenn sich das Geschäft mit Modernisierungen und Services mit einem Plus von 42 % erfreulich entwickelte, sanken die Inlandsbuchungen 2018 in Summe um sieben Prozentpunkte auf knapp 3,5 Milliarden Euro (2017: 3,8 Milliarden Euro). Angesichts des absehbaren Endes der Kohleverstromung bleiben die Aussichten auf einem – auf absehbaren Zeitraum – unbefriedigenden Niveau.

Dagegen stieg das Auftragsvolumen im Ausland Exportumsatz von 14,0 Milliarden Euro (2017) auf 14,8 Milliarden Euro. Überraschend war Russland aufgrund mehrerer Mega-Aufträge der wichtigste Auslandsmarkt für den VDMA-Großanlagenbau. Darüber hinaus wurden hohe Bestellungen aus China, Ungarn, den USA und Großbritannien gemeldet. Eine deutliche Erholung der Nachfrage vermeldet der Verband ferner im Mittleren Osten, wo sich die Bestellungen um 50 % auf 2,1 Milliarden Euro erhöhten (2017: 1,4 Milliarden Euro).

Kundenerwartungen steigen

Dabei werden die Kundenbedürfnisse auch im Großanlagenbau umfangreicher. Mittlerweile würden neben den klassischen Forderungen nach hoher Produktqualität, kurzen Projektlaufzeiten und niedrigen Investitionskosten auch die Betriebskosten einer Anlage bei Kaufentscheidungen stärker gewichtet, heißt es von Verbandsseite. „Viele Kunden wünschen sich ferner Unterstützung bei der Finanzierung von Projekten, beim Service ihrer Anlagen und bei deren Betrieb. Darüber hinaus erwarten sie in zunehmendem Maße das Angebot von digitalen Leistungen“, erklärt Nowicki.

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Dennoch bremst der Verbandssprecher die allzu hohen Erwartungen mit Digitalisierungsleistungen: „Die Zündschnur für die Digitalisierung im Großanlagenbau ist lang“, lautet Nowickis klare Botschaft dazu. Der Großanlagenbau belege zwar den Nutzen digitaler Technologien mit belastbaren Kennzahlen, „aber nur wenn sich ein betriebswirtschaftlicher Mehrwert nachweisen lässt, sind Kunden auch bereit, einen entsprechenden Aufpreis für diese Leistungen zu bezahlen“, so Nowicki. Den Einsatz von Blockchain sieht man in der Branche derzeit noch nicht und Potenzial für Künstliche Intelligenz (KI) erwartet Nowicki eher im Einsatz bei der Vorhersage von Equipment-Kostenentwicklung.

Nachhaltige Industrieproduktion unterstützt

Nowicki weiß, dass der Technologievorsprung nicht mehr ganz so hoch ist wie in den Vorjahren, „wir glauben aber, dass wir noch in der Komplexität mit Agilität und Nachhaltigkeit weiter im Lead sind“. Bei Umwelttechnologien sieht man daher große Chancen. Schließlich werden die Pläne vieler Staaten, den Klimawandel einzudämmen und dafür Technologien zur Einsparung von Energie und Treibhausgasen einzusetzen, konkreter.

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Für den VDMA-Großanlagenbau, der sich selbst als einer der führenden Anbieter von Anlagen zur Minimierung umweltrelevanter Risiken sieht, werden diese Bemühungen zum Treiber für neue Angebote und Dienstleistungen: Die Branche will zu einem wesentlichen Wegbereiter der Energiewende und zum Partner der Industrie bei der Erreichung globaler Klimaziele werden. Als Beispiele für die Leistungsfähigkeit des VDMA-Großanlagenbaus verweist AGAB-Vorstandsmitglied Helmuth Knauthe, Head of Technology & Innovation, Sustainability bei Thyssen Krupp Industrial Solutions, auf Anlagen für eine CO2-freie Energieerzeugung, Verfahren zur Rückgewinnung von Metallen aus Elektroschrott sowie Systeme zur Entfernung von Schadstoffen aus Rauchgas, um die Umweltbelastung durch Emissionen zu verringern.

China erstmals stärkster Wettbewerber

Der Marktdruck im Großanlagenbau wird laut einer aktuellen VDMA-Umfrage in den kommenden Jahren weiter zunehmen. China wurde im Rahmen dieser Befragung erstmals als wichtigster Wettbewerber im Großanlagenbau identifiziert – vor Westeuropa und den USA. Dies sei vor allem das Ergebnis einer gezielten Förderung des Anlagenbaus durch den chinesischen Staat, so der VDMA. Der Verband fordert daher mehr Fairnis im Level Playing Field. Die Politik soll‘s richten. Schließlich setze die chinesische Regierung im Zuge ihrer industriepolitischen Strategie unter anderem auf günstige Finanzierungen sowie auf die Gründung von Großkonzernen, die binnen weniger Jahre zum Niveau der Industrieländer aufschließen sollen.

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Eine Anpassung des politischen Rahmens sei notwendig, fordert Nowicki – national wie international, die mit den tiefgreifenden Veränderungen im globalen Projektgeschäft Schritt hält. „Der VDMA-Großanlagenbau begrüßt daher ausdrücklich, dass nun intensiv über eine nationale und europäische Industriepolitik diskutiert wird und appelliert an die OECD-Mitglieder, den vor 40 Jahren etablierten Konsensus, der als Regelwerk den Rahmen für die Außenwirtschaftspolitik setzt, praxisgerecht zu reformieren“. Die deutsche Politik solle den engen Anwendungsbereich der 2016 eingeführten Strategie, Auslandsprojekte im nationalen Interesse besser politisch zu flankieren, kritisch überprüfen und für einen breiteren Kreis der Exportwirtschaft öffnen, so die Kernforderung aus der AGAB. Der Verband fordert die steuerpolitischen Rahmenbedingungen den veränderten Realitäten anzupassen und vor allem das Risiko der Doppelbesteuerung weiter zu reduzieren.

Vielfältige Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit

Doch bei allen Herausforderungen, die Mitglieder der AGAB blicken optimistisch in die Zukunft. So rechnen laut einer aktuellen VDMA-Umfrage 60 % der Anlagenbauer mit steigenden Bestellungen im laufenden Jahr, 20 % der Befragten gehen von einer konstanten Nachfrage aus. Dabei richtet sich der Kundenbedarf zunehmend auf kleinere Neubauprojekte sowie auf Modernisierungen und Services. Mega-Aufträge würden im aktuellen Marktumfeld wohl seltener nachgefragt. Dennoch gibt es auch in diesem Segment Bedarf, etwa im Mittleren Osten, in Nordafrika und in Südamerika. Dort könnten die Industrialisierung und die Elektrifizierung ganzer Regionen 2019 für hohe Bestellungen sorgen.

Gleichwohl: Die Volatilität der Absatzmärkte und der hohe Wettbewerbsdruck werden weiterhin bestehen bleiben. Der Großanlagenbau arbeitet daher intensiv an der eigenen Wettbewerbsfähigkeit. Neben der Digitalisierung stehen der Ausbau des Servicegeschäfts, die Modularisierung, die Stärkung der Technologieführerschaft und der Einsatz agiler Methoden auch weiterhin im Fokus aller Bemühungen. Auch die Zusammenarbeit mit Partnern im Rahmen von Netzwerken wird in den kommenden Jahren wichtiger werden. Vor allem wenn es darum geht, Mega-Anlagen, Ausbauprojekte und Serviceaufträge parallel abzuwickeln, würden solche Strukturen helfen, Kapazitäten bedarfsgerecht zu steuern und Handlungsspielräume zu schaffen.

Sind das die Voraussetzungen, die der deutschen Branche wieder zurück an die Spitze verhelfen? Bei allem berechtigten Optimismus, gibt es Experten, die das anzweifeln. Denn im globalen Wettbewerb ist auch die schiere Größe ein nicht unwesentlicher Erfolgsfaktor und da hat die deutsche Engineering-Kompetenz ihre Achillesferse. Die Chancen durch den Zusammenschluss führender Unternehmen einen veritablen World-Scale-Player im deutschen Großanlagenbau zu etablieren, wurde bereits vor Jahren verpasst.

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