Trends im Großanlagenbau Exklusiv-Interview mit Uhde-Geschäftsführer Klaus Schneiders

Redakteur: Gerd Kielburger

Der Großanlagenbau boomt, die Auftragsbücher der großen Player sind gut gefüllt, doch zahlreiche Engineering-Unternehmen stoßen bei der Realisierung von Projekten bereits an ihre Grenzen. Uhde-Chef Klaus Schneiders im exklusiven PROCESS-Interview über ein außerordentlich erfolgreiches Geschäftsjahr, die aktuelle Situation des Unternehmens, Strategien und Trends in der Königsdisziplin des Engineerings.

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Klaus Schneiders, Geschäftsführer Uhde GmbH
Klaus Schneiders, Geschäftsführer Uhde GmbH
( Bild: PROCESS )

PROCESS: Herr Schneiders, internationale Engineering-Unternehmen und Großanlagenbauer schwimmen derzeit auf einer Erfolgswelle. Wie sieht Ihre aktuelle Bilanz bei Uhde aus?

Schneiders: Auf den meisten Gebieten unseres industriellen Großanlagengeschäfts konnte sich Uhde ausgezeichnet positionieren. In den letzten zehn Jahren haben wir unser Auftragsvolumen in etwa verfünffacht und im letzten Geschäftsjahr (Anm. d. Redakt.: vom 1.Okt. bis 30. Sept.) den Rekordwert von 2,5 Mrd. Euro erreicht. Die Gründe für diese positive Entwicklung sind vielfältig: Einerseits ist der Anlagenbau zurzeit stark nachgefragt. Andererseits verfügen wir über stark rohstofforientierte Eigen- und Lizenztechnologien. Mit der sichtbaren Verschiebung der Produktionsstätten hin zu den Rohstoffquellen profitieren wir folglich doppelt. Insofern sind wir mit dem Rekordergebnis aus dem letzten Jahr in der Tat sehr erfolgreich. Und um Ihre nächste Frage schon vorwegzunehmen: Wir werden uns bemühen, auch in diesem Jahr über zwei Milliarden Euro an Auftragseingängen zu erhalten.

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PROCESS: Eines Ihrer wichtigsten Segmente sind Düngemittelanlagen. Was machen Sie, wenn der Nachfrageboom in Ägypten nachlässt?

Schneiders: Wir werden bei den Düngemittelaufträgen sicher auf ein „normales“ Niveau zurückfallen, nachdem wir in den letzten drei Jahren überproportional davon profitiert haben. Selbstverständlich haben wir den weltweiten Düngemittelmarkt sorgfältig analysiert. Das Ergebnis zeigt, dass der Einsatz von Düngemitteln mit dem Bevölkerungswachstum und – allerdings überproportional – auch mit veränderten Essgewohnheiten einhergeht. Darüber hinaus korreliert die agrarische Nutzung von Biorohstoffen als Biotreibstoff ebenfalls mit einer verstärkten Düngung dieser Anbauflächen. Angesichst dieser Entwicklung gehen wir weiter von einem prinzipiellen Wachstum in der Düngemittelproduktion aus, allerdings kombiniert mit einer Verschiebung solcher Anlagen zu den Standorten, wo Biorohstoffe vermehrt vorhanden sind. Auf den Punkt gebracht: Düngemittelkomplexe werden auch in Zukunft eines unserer Standbeine bleiben.

PROCESS: Bei Düngemittelanlagen gibt es den Trend zu Mega-Anlagen. Wann ist Schluss mit Mega?

Schneiders: Das ist weniger eine Frage des Engineerings oder der Prozessführung als des lieferbaren Equipments, also Komponenten, wie Kompressoren, Rohrleitungen oder Hochdruckleitungen. Die Grenzen sind erreicht, wenn die Komponenten das von der Dimension nicht mehr mitmachen. Wir haben immerhin bei einer Düngemittelanlage Absperrventile im Einsatz, die schon jetzt acht Tonnen wiegen.

PROCESS: Wird die erkennbare Verlagerung von Produktionsstätten hin zu den Rohstoffquellen Europa weiter als Produktionsstandort schwächen?

Schneiders: Ja, Europa wird aufgrund der Rohstoffproblematik an Bedeutung verlieren aber das war auch nie unser Hauptmarkt gewesen. Die großen Player wie Bayer oder BASF verfügen nach wie vor über ausreichende eigene Ingenieurkapazitäten und kommen nur zu uns, wenn sie eine bestimmte Technologie brauchen, über die sie nicht selbst verfügen.

PROCESS: Uhde hat zwar seinen Stammsitz in Dortmund, bezeichnet Deutschland aber nicht mehr als Heimatmarkt ?

Schneiders: Ja, das ist leider so. Seit 20 Jahren verzeichnet Uhde deutlich mehr Auftragseingänge aus dem Ausland. Wir hatten zwar hierzulande einen gewissen Boom mit der Umrüstung von Quecksilber-Elektrolyseanlagen zu verzeichnen, weil wir hier über eine exzellente Technologie verfügen und auch weltweit führend sind. Darüber hinaus erhielten wir im letzten Geschäftsjahr beispielsweise einen größeren Auftrag zum Neubau einer Polymeranlage in Gelsenkirchen. Aber im Durchschnitt hatten wir nicht viel mehr als fünf Prozent Auftragseingang aus Deutschland. Sicherlich bemühen wir uns um alles, aber Deutschland ist ein relativ enger Markt für uns. Nebenbei darf ich bemerken, dass auch andere deutsche Engineering-Unternehmen ihr Engagement international ausweiten – vermutlich, weil der Markt in Deutschland auch nicht mehr so viel hergibt.

PROCESS: An welchem Benchmark orientieren Sie sich eigentlich?

Schneiders: Technip ist sicherlich nach wie vor ein Benchmark für uns, was die Performance anbetrifft, auch wenn wir uns nicht in allen Arbeitsgebieten vergleichen können. Allerdings haben wir uns in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt und massiv in unser Personal investiert. Darüber hinaus haben wir organisatorisch die Koordination unserer Tochtergesellschaften gestrafft und mit Dr.-Ing. Michael Thiemann einen Geschäftsführer berufen, der die globalen Strukturen effizienter vernetzen hilft. Bei weltweit verteilten 4.400 Mitarbeitern geht das auch nicht mehr anders.

PROCESS: Ein früherer Uhde-CEO sagte einmal, der Markt im Anlagenbau würde sich in den nächsten zehn Jahren deutlich verändern. Auf den ersten Blick scheint nicht viel passiert zu sein.

Schneiders: Das sehe ich anders. Wenn Sie sich die Engineering-Landschaft vor 10 bis 15 Jahren in Deutschland, aber auch international anschauen, dann ist die Zahl der Anbieter im Markt massiv geschrumpft.

PROCESS: Sie zielen da unter anderem auf die Übernahme von Lurgi durch Air Liquide ab?

Schneiders: Zum Beispiel. Auch wenn ich heute noch nicht einschätzen kann, wie sich ein Engineering-Unternehmen innerhalb eines großen Konzerns für technische Gase weiterentwickeln wird, bin ich dennoch überzeugt, dass sich Lurgi wieder einen bedeutsamen Platz im Wettbewerb erorbern kann.

PROCESS: War Lurgi nicht auch für Uhde ein idealer Übernahmekandidat? Sie hätten damit ihre offene Methanolflanke schließen können.

Schneiders: Stimmt, wir hätten Lurgi gerne übernommen. Lurgi‘s Technologiestärke und unsere Internationalität hätten gut zusammengepasst. Aber aus bestimmten Gründen sind wir nicht zum Zuge gekommen. Der Preis war einfach zu hoch.

PROCESS: Stehen bei gefüllten Kriegskassen aktuelle Übernahmen von Uhde an?

Schneiders: Selbstverständlich beobachten wir den Markt kontinuierlich. Erst kürzlich haben wir unser Portfolio angepasst. So haben wir im letzten Jahr zwei große Beteiligungsunternehmen zu 100 Prozent übernommen. Dabei handelt es sich um die Uhde Mexico mit rund 270 Mitarbeitern und das australische Unternehmen Shedden Uhde mit mittlerweile über 700 Mitarbeitern, verteilt auf die Standorte Melbourne (Australien), Bangkok und Map Ta Phut (Thailand). Von den Unternehmensbeteiligungen an der spanischen Intecsa-Uhde und der Chemgineering-Gruppe haben wir uns getrennt. Damit haben wir den veränderten Marktentwicklungen Rechnung getragen und konzentrieren uns auf unsere Stärken.

PROCESS: Die Preise für Stahl sind nahezu explodiert. Können Sie Verteuerungen 1:1 weitergeben?

Schneiders: Die Kosten einer Anlage sind die in den letzten sieben bis acht Jahren grob geschätzt um 30 bis 50 Prozent gestiegen. Der geringste Teil ist dabei das Engineering. Dies ist nur mit mäßigen Steigerungsraten versehen. Alle Apparate, Behälter und Anlagenteile, also alles was mit Stahl zu tun hat, kaufen wir – wie alle Wettbewerber auch – weltweit ein und geben die Preissteigerungen natürlich weiter. Allerdings haben sich die Bau- und Montagekosten vor allem von lokalen Kontraktoren im Mittleren und Nahen Osten praktisch verdoppelt und sind derzeit so hoch wie nie. Ich bin mir aber sicher, dass sich dies wieder reduzieren wird.

PROCESS: Wie steht es derzeit um das Thema Liefertreue und Qualität bei Subauftragnehmern?

Schneiders: Das ist weiterhin ein großes Problem. Viele unserer Lieferanten arbeiten an ihren Kapazitätsgrenzen. Wir begegnen diesem Trend mit verstärktem Expediting/Inspection.

PROCESS: In Europa wird viel über das Thema Effizienz geredet und gehandelt. Wie gehen Ihre Kunden in anderen Regionen der Welt damit um?

Schneiders: Im Mittleren und Nahen Osten ist das zwar auch ein Thema, aber nicht so entscheidend. Dort stehen die tatsächlichen Investkosten noch immer im Vordergrund. In anderen Ländern, etwa in Westeuropa und Asien, ist Effizienz schon sehr stark nachgefragt. Hier müssen Sie bereits eine Technik anbieten, die absolut auf dem neuesten Stand ist.

PROCESS: In welchen Technologie-Segmenten weist das Uhde-Portfolio noch Lücken auf?

Schneiders: Klar ist, wir wollen nur in solchen Produktsegmenten tätig sein, die ein regelmäßiges Wachstum aufweisen und eine bestimmte Größe haben. Wachstums-chancen sehen wir im Segment PVC. Darüber hinaus müssen wir einen klaren Fokus im Bereich der Vergasungstechnologie setzen. Da haben wir bisher nur das Engineering gemacht, wollen aber stärker Fuß fassen – beispielsweise beim derzeit stark aufkommenden Thema Kohlevergasung.

PROCESS: Vor einigen Jahren waren Biodieselanlagen für Uhde noch kein Thema. Die Energiever-knappung scheint in Ihrem Unternehmen zu einem Umdenken geführt zu haben...

Schneiders: Klares Ja. Der erste von uns gebaute Anlagenkomplex zur kombinierten Produktion von Biodiesel und Fettalkoholen ist erst kürzlich in Thailand in Betrieb genommen worden. Das gesamte Arbeitsgebiet Ersatzstoffe haben wir sehr intensiv untersucht und werden in einem Programm, das sich 2020 nennt, noch verstärkt forschungs- und entwicklungstechnisch investieren oder alternativ auch Lizenzen in diesem Bereich einkaufen.

PROCESS: Vor einigen Jahren gab es noch die Bestrebung das Time to Market für Ihre Kunden zu verkürzen. Gelingt das noch?

Schneiders: Im Gegenteil. Die Ausführungen vom Vertrag bis zur Übergabe der Anlagen haben sich deutlich verlängert. Die Ingenieurleistung ist dabei gleich geblieben, aber die Lieferzeiten haben sich teilweise um 30 bis 50 Prozent verlängert. Vor fünf Jahren konnte man für einen Kompressorsatz noch 14 Monate Lieferzeit rechnen. Heute sind es 24 Monate. Damit können Sie z.B. einen großen Düngemittelkomplex nicht mehr in 30 Monaten fertigstellen. Die Fertigstellungszeiten haben sich also gründlich verändert – nicht zuletzt auch wegen Personalknappheit auf den Baustellen.

PROCESS: Angesichts steigender Rohstoffpreise fordern die Produzenten effizientere Anlagen. Welche Entwicklungen wurden bei Uhde hier vorangetrieben?

Schneiders: Lassen Sie mich einige Beispiele nennen. Einmal das Gebiet Polyester als Flaschenrohstoff. Für die Produktion von Polyesterflaschen erhalten wir mittlerweile vier bis fünf Aufträge im Jahr. Bei unserem neuen Verfahren konnten wir eine komplette Verfahrensstufe weglassen. Auf diesem Weg hat sich das Verfahren um 10 bis 15 Prozent verbilligt. Ich glaube nicht, dass einer unserer Konkurrenten nennenswerte Referenzanlagen auf diesem Gebiet hat. Ein weiteres Beispiel ist unsere Chloralkalielektrolyse. Wenn wir dort in den letzten 15 Jahren nicht permanent weiterentwickelt hätten, wäre Uhde heute nicht mehr im Markt präsent. In Summe sind in diesem Zeitraum bis zum heutigen Verfahren der fünften Generation Energieeinsparungen in einer Größenordnung von 20 bis 25 Prozent möglich geworden. Und das geht noch weiter. Das heißt, wir haben sowohl die Investkosten reduziert, indem wir eine höhere Leistungsdichte in der Elektrolyse haben, als auch gleichzeitig bei konstanten Bedingungen den Energieverbrauch reduziert. Das HPPO-Verfahren ist ein anders geartetes Beispiel. Dieses Verfahren zur koppelproduktfreien Herstellung von Propylenoxid ist durch seine niedrigen Investitionskosten im Vergleich zu den herkömmlichen PO-Produktionsverfahren deutlich wirtschaftlicher und umweltfreundlicher. Hintergrund ist, dass der Bedarf an Styrol nicht in gleichem Maße wächst wie der Bedarf an Propylenoxid. Dann hat man mit einer „Koppelprodukt“-Anlage natürlich ein Riesenproblem, wenn sich das überschüssige Styrol nicht absetzen lässt.

PROCESS: Wo sehen Sie die größten Chancen für den Anlagenbauer Uhde?

Schneiders: Da wir sehr gut diversifiziert aufgestellt sind, hängt das von einzelnen Zyklen ab. Ich glaube nicht, dass man einzelne Verfahren herausnehmen kann. Für uns steht fest, dass wir uns auf dem Gebiet der nachwachsenden Rohstoffe ergänzen wollen und müssen. Vielleicht finden wir hier noch ein Verfahren ggf. auch als Lizenz. Auch die Vergasungstechnologie wird für uns ein wichtiges Thema.

PROCESS: Wie lange bleibt Uhde noch ein deutsches Unternehmen, wenn das Gros seiner Mitarbeiter im Ausland existiert?

Schneiders: Uhde bleibt ein deutsches Unternehmen, dass seine Kernkompetenz in der Technologieorientierung sieht. Es freut uns zu sehen, dass unsere Auslandstöchter wachsen und wir werden sicherlich zukünftig eine noch stärkere Internationalisierung haben. Daran, dass die Uhde GmbH im letzten Geschäftsjahr ca. 150 neue Mitarbeiter – weit überwiegend Ingenieure – eingestellt hat und in diesem Geschäftsjahr in ähnlicher Größenordnung einstellt, sehen Sie, dass wir deutlich über die zur Substanz-erhaltung erforderlichen 70 Mitarbeiter als Neueinstellungen pro Jahr planen und dass wir fest an eine Zukunft unserer Standorte in Deutschland glauben.

PROCESS: Was ist aus Ihrer Sicht zukünftig die größte Herausforderung für Ihr Unternehmen?

Schneiders: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich im Rahmen der Globalisierung zu sehen. Wir müssen uns als internationales Unternehmen aufstellen und versuchen, die notwendige Flexibilität, die der Markt von uns fordert, stetig zu erreichen und immer wieder neue Prozesse oder verbesserte Verfahren auf den Markt zu bringen.

PROCESS: Wo steht Uhde in fünf Jahren?

Schneiders: In fünf Jahren möchten wir uns auf dem Niveau zwischen zwei und drei Milliarden Euro Umsatz konsolidiert haben. Es geht ja nicht nur darum, Aufträge hereinzuholen, letztlich müssen wir diese auch kapazitätsseitig abwickeln können. Das halte ich für ein durchaus ehrgeiziges Ziel.

PROCESS: Wir danken für das Gespräch.

Hintergrund: Uhde bietet das gesamte Spektrum eines EPC-Kontraktors

Wichtigster Markt war im Geschäftsjahr 2006/2007 der Mittlere Osten und Nordafrika, wo man vor allem mit dem Bau von Düngemittelkomplexen erfolgreich war, gefolgt von Südostasien mit pazifischem Raum und danach Osteuropa & Mittelasien. Der Auftragseingang aus Westeuropa inklusive Deutschland fiel nach einem Rekordwert von 406 Mio. € im Geschäftsjahr 2005/2006 diesmal mit rund 165 Mio. € merklich niedriger aus. Zu Punkten sucht man bei Uhde auch mit neuen Technologien: So hat Uhde auf dem Gebiet Propylenoxid gemeinsam mit Evonik die erste kommerzielle Anlage nach dem HPPO-Verfahren in Südkorea realisiert. Bei einer 350.000 Jato Propylen- und Polypropylen-Anlage in Ägypten wird erstmals das eigene STAR-Verfahren zur großtechischen Herstellung von Propylen aus Propan eingesetzt. Damit ist der kommerzielle Durchbruch für die neue Propan-Dehydrierungstechnologie gelungen. Neue Geschäftschancen will man auch auf den Wachstumsfeldern Energieerzeugung, Rohstoffwandel und Biotechnologie entwickeln.

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