Newsticker September: Aktuelles aus der Prozessindustrie Evonik schließt Standorte in Bitterfeld und Hamburg, GSK in Dresden

Von Wolfgang Ernhofer 11 min Lesedauer

Im ständig aktuellen Newsticker fasst die PROCESS-Redaktion das Geschehen in der Branche kompakt zusammen. Ob Chemie-, Pharma-, oder Lebensmittelindustrie, alle verfahrenstechnischen Themen werden – ebenso wie politische und wirtschaftliche Nachrichten zur Prozessindustrie – zusammengefasst.

(Bild:  gemeinfrei /  Pixabay)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

11.09.2026

Essen/Bitterfeld (dpa/sa) *10:03 Uhr – Chemiekonzern Evonik schließt Standort in Bitterfeld

Der Chemiekonzern Evonik schließt im kommenden Frühjahr seinen Standort in Bitterfeld. Hintergrund seien die anhaltend herausfordernden Marktbedingungen, teilte das Unternehmen mit. Die Auslastung der Anlagen sei seit längerem nicht ausreichend, um einen wirtschaftlichen Betrieb sicherzustellen. Verschiedene Optionen wie etwa eine Reduzierung der Kapazitäten hätte allesamt keine langfristig tragfähige Perspektive gezeigt.

Am Standort in Bitterfeld sind laut Unternehmen 40 Mitarbeiter beschäftigt. Das Werk soll Ende April 2027 schließen. In Bitterfeld produziert das Unternehmen Chlorsilane, die als Rohstoff für Mikrochips und Glasfaserkabel genutzt werden. Neben dem Standort Bitterfeld will Evonik auch ein weiteres kleineres Werk in Hamburg schließen, in dem 50 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die an den Standorten betriebenen Geschäfte würden aber weitergeführt und im Wesentlichen an größeren Standorten in Deutschland konzentriert.

Die Schließung des Evonik-Standorts in Bitterfeld reiht sich in eine Serie von Rückschlägen für die Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt ein. Ende 2025 meldeten drei deutsche Tochterfirmen des belgischen Chemieunternehmens Domo Chemicals Insolvenz an. Auch der US-Konzern Dow hatte im Juli 2025 angekündigt, Teile seiner Anlagen in Schkopau und im sächsischen Böhlen bis Ende 2027 zu schließen. Branchenverbände warnen seither vor einem Dominoeffekt im Mitteldeutschen Chemiedreieck, in dem nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit insgesamt rund 100 Firmen mit etwa 10.000 Beschäftigten ansässig sind.

Leuna/Magdeburg (dpa/sa) *15:22 Uhr – Linke befürchten Dominoeffekt nach Polyamid-Pleite in Leuna

Die Linke-Fraktion im Landtag warnt vor den Auswirkungen des geplanten Produktionsstopps bei Leuna Polyamid für das ostdeutsche Chemiedreieck. Die Insolvenz des Unternehmens, das zu gleichen Teilen vom Chemieparkbetreiber Infraleuna und von Leuna Harze gehalten wird, könne die Infrastruktur des gesamten Chemieparks verteuern und weitere Unternehmen gefährden, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Fraktionsvorsitzenden und Spitzenkandidatin Eva von Angern und des Landtags-Vizepräsidenten Wulf Gallert.

«Die geschäftsführende Landesregierung und Koalition muss sofort handeln und wenn nötig eine Sondersitzung des Landtages einberufen», sagte Gallert der Deutschen Presse-Agentur. Es drohe ein katastrophaler Dominoeffekt. Das Land habe mit der Finanzierung eines Notbetriebs der Anlagen zur Gefahrenabwehr für rund 80 Millionen Euro bereits ein Vielfaches des Unternehmenswertes bereitgestellt. Die Linke habe für solche Situationen einen Zukunftsfonds vorgeschlagen, mit dessen Hilfe man den Produktionsstandort sichern könnte. Land und Bund seien nun mindestens gefordert, bei der Investorensuche für einzelne Anlagen zu unterstützen.

«Die Situation vor Ort duldet keinen politischen Stillstand. Sachsen-Anhalt hat eine geschäftsführende Landesregierung, die jetzt handeln muss. Falls es dazu parlamentarische Beschlüsse braucht, sind auch diese noch möglich», sagte Gallert.

Nach Angaben des Chemieparkbetreibers hat der voraussichtliche Produktionsstopp Auswirkungen auf verschiedene Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette. Leuna Polyamid gehöre zu den größten Abnehmern von Dampf und anderen infrastrukturellen Leistungen. «Die Insolvenz und die damit verbundene Produktionseinstellung werden deshalb auch für InfraLeuna mit Umsatzeinbußen verbunden sein», so eine Sprecherin des Unternehmens.

Betroffen seien außerdem Liefer- und Abnehmerbeziehungen. «So werden unter anderem Ammoniak, Benzol für die Phenolerzeugung, Schwefel und Propylen sowie Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff künftig nicht mehr in bisherigem Umfang abgenommen. Gleichzeitig entfällt die mögliche Versorgung von Phenol aus der Leuna-Polyamid für Standortunternehmen.» Diese müssten den Stoff dann aus anderen Quellen beziehen, sagte eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur.

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Anfang Oktober will Leuna Polyamid nach derzeitigem Stand das Insolvenzverfahren eröffnen. Geschäftsführer Martin Naundorf hatte angedeutet, dass es bereits Gespräche über den Weiterbetrieb oder die Nachnutzung einzelner Betriebszweige gebe. Eine belastbare Einschätzung zur langfristigen Zukunft der Anlagen sei allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich, teilt Infraleuna mit.

10.09.2026

Dresden (dpa) *17:41 Uhr – Impfstoffwerk in Dresden soll nach mehr als 100 Jahren schließen

Nach 115 Jahren steht die Impfstoffproduktion in Dresden vor dem Aus. Der Pharmakonzern Glaxosmithkline (GSK) will seinen dortigen Standort mit knapp 650 Mitarbeitern bis zum Sommer 2028 schließen. Die Produktion von Grippeimpfstoffen soll künftig im kanadischen Standort Ste-Foy gebündelt werden, wie ein Unternehmenssprecher mitteilte. Grund sei die weltweit rückläufige Nachfrage sowie bestehende Überkapazitäten.

Am Dresdner Standort hatte der Unternehmer Karl August Lingner, der mit dem Mundwasser Odol reich wurde, im Jahr 1911 das Sächsische Serumwerk und Institut für Bakteriotherapie gegründet. Zu DDR-Zeiten wurde es verstaatlicht. Nach der Wiedervereinigung übernahm der britische Konzern SmithKline Beecham (heute: GSK) 1992 die Produktion.

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie kündigte Widerstand gegen die geplante Schließung an. Damit drohe Sachsen hoch qualifizierte Industriearbeitsplätze und Deutschland wichtige pharmazeutische Produktionskompetenz zu verlieren. GSK produziert im Dresdner Werk Impfstoffe gegen Grippe und Hepatitis. Nach früheren Angaben des Unternehmens werden pro Woche zwei Millionen Impfdosen produziert.

Leuna/Halle (dpa/sa) *14:37 Uhr – Behörde verpflichtet Leuna Polyamid zu gesichertem Stopp

Nach der gescheiterten Suche nach neuen Investoren hat das Landesverwaltungsamt die insolvente Leuna Polyamid GmbH zu einem sicheren und geordneten Betriebsstopp verpflichtet. Eine entsprechende immissionsschutzrechtliche Nachsorgeanordnung hat die Behörde am Donnerstag in Halle erlassen, wie es in einer Mitteilung heißt. Hintergrund ist die Ankündigung des Unternehmens, den Betrieb ab Anfang Oktober kontrolliert herunterfahren zu müssen.

In den Produktionsanlagen im Chemiepark Leuna werden unter anderem Kunststoffe und Dünger hergestellt, sowie Ammoniak gelagert. «Ein ungeplanter Ausfall der Energie- oder Hilfsstoffversorgung oder ein unkontrolliertes Abstellen der Anlagen könnte erhebliche Gefahren verursachen», teilte das Landesverwaltungsamt weiter mit.

Bereits nach der Insolvenz des vorherigen Betreibers Domo Caproleuna hatte die Behörde deshalb einen staatlich finanzierten Notbetrieb der Anlage zur Gefahrenabwehr zu Kosten von rund 79,5 Millionen Euro finanziert. «Die Situation war besonders kritisch, weil die Anlagen aus Sicherheitsgründen nicht kurzfristig stillgelegt werden konnten», heißt es weiter.

Der jetzige Erlass verpflichtet den aktuellen Betreiber, die als Auffanggesellschaft gegründete Leuna Polyamid GmbH, unverzüglich eine detaillierte Planung für das sichere Herunterfahren der Anlage vorzulegen. Zudem müssten die erforderlichen technischen und personellen Voraussetzungen sichergestellt sein. Die Behörde habe die sofortige Vollziehung angeordnet und werde den Prozess am Standort eng begleiten. Der Geschäftsführer der insolventen Betreibergesellschaft, Martin Naundorf, hatte die Dauer für das Herunterfahren der Anlagen auf 15 bis 20 Tage geschätzt.

Leipzig (dpa/sn) *07:08 Uhr – Forschende beraten über Zukunft der Chemieindustrie

In Leipzig beraten internationale Forschende in der kommenden Woche über die Zukunft der Chemieindustrie. Beim ersten «Transforming Chemistry Summit» am 15. und 16. September steht nach Angaben des Veranstalters unter anderem die Frage im Mittelpunkt, wie Chemie ressourcenschonender, kreislauforientierter und stärker datengetrieben entwickelt werden kann. Erwartet werden rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, unter anderem aus England, der Schweiz, den Niederlanden und Südkorea. Geplant sind rund 40 Fachbeiträge.

Organisiert wird der Wissenschaftskongress vom Center for the Transformation of Chemistry (CTC). Das in Entstehung befindliche neue Großforschungszentrum wird vom Bund sowie von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt getragen. Es wurde im Sommer 2025 gegründet und soll mit Standorten in Delitzsch und Merseburg den Umbau der Chemie hin zu Kreislaufwirtschaft, Recycling und nachwachsenden Rohstoffen vorantreiben.

Die Industrie im mitteldeutschen Chemiedreieck steht derzeit wegen hoher Energiekosten und schwacher Nachfrage unter großem wirtschaftlichen Druck. In dieser Woche hatte die insolvente Leuna Polyamid GmbH die Suche nach einem neuen Investor für gescheitert erklärt. Bereits im vergangenen Jahr hatte der US-Konzern Dow Chemical angekündigt, Teile seiner Anlagen in Schkopau und im sächsischen Böhlen Ende 2027 zu schließen.

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