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Chlorchemie präsentiert Strategiepapier Ein Ass im Ärmel: Wird Wasserstoff zur Trumpfkarte der Chlorchemie?

| Redakteur: Dominik Stephan

Sicher, sauber und nachhaltig – das Eurochlor-Positionspapier zur Mid-Century-Strategie liest sich wie ein grünes Buzzword-Bingo. Dabei ist klar, dass wenn die EU bis 2050 klimaneutral werden will, die Chlorchemie nicht tatenlos bleiben kann. Da trifft es sich gut, dass die Elektrolyse ein heißbegehrtes Koppelprodukt liefert…

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Die Chlorproduktion in Europa - hier Neolyse Ibbenbüren - war 2019 im Zuge eines gesunken Bedarfs aus der Chemie leicht rückläufig.
Die Chlorproduktion in Europa - hier Neolyse Ibbenbüren - war 2019 im Zuge eines gesunken Bedarfs aus der Chemie leicht rückläufig.
(Bild: Neolyse Ibbenbühren)

Den Amalgam-Zahn gezogen: Europas Chlorproduzenten haben den Technologie-Wandel geschafft. Die Chlorproduktion mittels Quecksilber, die noch 2014 in 22 % der Anlagen das Mittel der Wahl war, spielt heute keine Rolle mehr. Über 83 % der Chlor-Alkali-Standorte nutzen energieeffiziente und sichere Membranverfahren, erklärt Eurochlor, die Arbeitsgruppe der Chlorchemie im Europäischen Chemieverband Cefic (weitere 11,6 % nutzen Diaphragma-Verfahren). Damit ist ein jahrelanger Transformationsprozess erfolgreich abgeschlossen, in dem Einige ein mögliches KO-Kriterium für die europäischen Produktionsstandorte sahen. 2019 wurden mit 419 Kilotonnen zwar etwas weniger Chlor produziert als noch im Vorjahr, doch angesichts der insgesamt rückläufigen Chemieproduktion ist das noch überdurchschnittlich.

Doch genau diese Effizienz wird für die Branche jetzt zum Problem: Weitere Einsparpotenziale durch verbesserte Membranverfahren seien kaum zu erwarten, so der Verband. Tatsächlich näherten sich moderne Prozesse zunehmend den thermodynamischen Grenzen an – und die lassen sich, aller Technologiesprünge und Digitalisierungs-Initiativen zum Trotz, nun einmal nicht verschieben. Tatsächlich stagniert der Primärenergie-Verbrauch des Sektors (von 2018 bis 2019 gab es sogar einen leichten Anstieg) nachdem es der Chlorchemie jahrelang gelang, mit immer weniger Strom auszukommen: Gegenüber 2011 sank der Primärenergieverbrauch um fast 10 %, was aber wesentlich mit dem Phase-Out der Amalgam-Anlagen zusammenhängt.

Wasserstoff: Ein Koppelprodukt macht Karriere

Wenn die EU mit ihrem Klimazielen Ernst macht, könnte es für die energieintensive Chlorchemie daher eng werden. Aber die Industrie hat noch ein Ass Ärmel, dass stechen könnte: Wasserstoff. Der „Wunderstoff“ ist ein typisches Koppelprodukt der Chlorelektrolyse aus Kochsalzlösungen. Bei der Chlorproduktion ist das Gas unerwünscht, da es mit Chlorgas explosiv zu Chlorwasserstoff reagiert (die brisante Mischung ist aus dem Schulchemie-Unterricht als „Chlor-Knallgas“ bekannt). Also muss der Wasserstoff abgetrennt werden.

Bisher wurde das Gas an den großen Verbundstandorten weiter genutzt oder verbrannt, doch in Zeiten der Energiewende soll sich das ändern (tatsächlich werden derzeit etwa 87 % des anfallenden Wasserstoffes auf die eine oder andere Art und Weise „verwendet“, so der Cefic). „Grünen“ Strom vorausgesetzt könnte die Chlorelektrolyse das begehrte Gas für Brennstoffzellen und Power-to-X-Prozesse quasi nebenher bereitstellen. Als besonderes Schmankerl könnten die Elektrolyse-Anlagen sogar genutzt werden, um Lastspitzen auszugleichen, da sich die Prozesse relativ unkritisch herauf- und herab fahren lassen. Von der Vision, die Chlorproduktion als Puffer der Energiewende zu nutzen, hält man beim Cefic jedoch vergleichsweise wenig.

Logisch, dass diese Trumpfkarte in der Eurochlor „Mid-Century-Strategie“ eine tragende Rolle spielt, muss sich doch auch die Chlorchemie Gedanken um De-Fossilierung und Klimaneutralität machen. Chlor, darüber herrscht Einigkeit, wird weiterhin eine Rolle spielen. Das Gas ist ein wesentliches Vorprodukt für Kunststoffe, Pharmazeutika und Pflanzenschutzmittel. Aber auch bei der Herstellung von Trinkwasser, Solarzellen oder Batterien wird Chlor genutzt.

Hat Chlor in Europa eine Zukunft?

Da das Gas selbst jedoch giftig und umweltschädlich ist, wird – wo möglich – versucht auf lange Transportwege zu verzichten und Chlor im Rahmen großer Verbundstandorte nahe am Abnehmer und just-in-time zu produzieren. Daher betont der Cefic wenig überraschend auch weiterhin die Bedeutung einer starken Chlorchemie für Europa. Zugleich, und auch das überrascht nicht, betont der Verband, dass die Branche nicht im internationalen Vergleich durch – im Zuge der Energiewende steigende – ins Hintertreffen gegenüber der Konkurrenz kommen dürfe.

Ebenfalls Teil der Strategie ist das Recycling chlorhaltiger Abfallstoffe, das nicht nur im Zuge von Kreislaufwirtschafts-Konzepten an Bedeutung gewinnt, sondern auch verhindert, dass beim Verbrennen von Abfällen giftige Gase entstehen.

Ebenfalls ein Baustein in der Strategie der Chlorexperten: Sicherheit. Dass beinhaltet nicht nur das erklärte Null-Störfälle-Ziel, sondern auch die Absicht mit allen Akteuren entlang der Chlor-Wertschöpfungskette zusammen zu arbeiten. Hier hat die Branche noch Hausaufgaben zu machen, stieg doch 2019 die Zahl der Störfälle auf 3,15 Ereignisse/Millionen Tonnen Chlorproduktion (von 2,3 im Jahr 2018) ebenso wie die Lost-Time-Incidents (2,8/Millionen Arbeitsstunden von 1,26 im Vorjahr). Deutlich rückläufig hingegen sind die LTIs der Kontraktoren und Dienstleiter.

Mit neuer Spitze in Richtung Emissionsneutralität

In die neue, nachhaltige Zukunft soll den Verband ein alter Hase führen: Wouter Bleukx, der bei dem Chlor-Vinyl-Herstellers Inovyn (in dem 2015 die Chlorchemie-Aktivitäten von Solvay und Ineos gebündelt wurden) das Chlor-Alkali-Geschäft leitet, wurde zum neuen Eurochlor-Chairman gewählt. Bleukx, der über 20 Jahre Erfahrung in unterschiedlichsten Bereichen der Chemie mitbringt, folgt auf Jürgen Baune (Nouryon), der die Mid-Century-Strategie des Verbands entscheidend mitgeprägt hatte.

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Damit steht Eurochlor sinnbildlich für das Dilemma, in dem sich zahlreiche Industrien befinden: Die Chlorelektrolyse selbst ist zwar nahezu emissionsneutral und der Hauptrohstoff, Kochsalz, in ausreichendem Maß verfügbar. Doch der enorme Energiebedarf des Sektors kann schnell zur Achillesferse für Chlor und Chlorprodukte werden – immerhin müsste dieser bis 2050 komplett aus regenerativen Quellen gedeckt werden. Die Alternative wäre aber, etwa PVC, Pharmazeutika und Co. von außerhalb der EU zu importieren, ungewisse Folgen für Wirtschaft und Umwelt inklusive. Denn, eines muss trotz aller Debatten um „Chlorhühnchen“, chlorfreies Papier oder Chlor im Trinkwasser nicht vergessen werden: Ganz ohne geht es auch nicht.

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