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Konjunkturbericht VDMA

Deutscher Chemieanlagenbau auf dem Weg zum Klassenprimus

| Autor/ Redakteur: Klaus Gottwald / Jörg Kempf

Deutsche Chemieanlagenbauer machen ihr Hauptgeschäft im Ausland und der Markt wächst. Die Anlagen werden größer, die Nachfrage nach energie- und ressourcenschonenden Verfahren steigt. Lesen Sie hier, wie sich deutsche Unternehmen im internationalen Umfeld positionieren, und wo ihre technischen Stärken liegen.

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Ein klarer Trend im Chemieanlagenbau: Die Zahl der Megaanlagen nimmt zu. Im Bild ist eine Düngemittelfabrik. Bild: MAN Ferrostaal
Ein klarer Trend im Chemieanlagenbau: Die Zahl der Megaanlagen nimmt zu. Im Bild ist eine Düngemittelfabrik. Bild: MAN Ferrostaal
( Archiv: Vogel Business Media )

Ob Düngemittelfabriken, Raffinerien, Anlagen zur Herstellung von Synthesefasern und Polymeren, Elektrolyseanlagen oder Anlagen zur Verflüssigung von Gas oder Kohle – der deutsche Chemieanlagenbau spielt international in der ersten Liga mit, und alles deutet darauf hin, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Optimistisch stimmt jedenfalls der Auftragseingang der Chemieanlagenbauer, die in der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) organisiert sind. Die Bestellungen summierten sich von Juli 2007 bis Juni 2008 auf 2,1 Milliarden Euro. Zwar wurde damit der Rekordwert des Jahres 2007 (3,9 Mrd. Euro) um 46 Prozent unterschritten. Trotzdem nehmen deutsche Anbieter (inklusive ihrer ausländischen Tochtergesellschaften) knapp hinter den US-amerikanischen Kontraktoren immer noch eine führende Position ein. Bedeutende Wettbewerber kommen aus Frankreich, Italien, Japan und Südkorea.

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Das Weltmarktvolumen im Chemieanlagenbau liegt derzeit bei rund 70 Milliarden Euro und der deutsche Anteil liegt bei rund 15 Prozent. Die weltweite Nachfrage nach Chemieanlagen wuchs in den vergangenen drei Jahren mit durchschnittlichen Raten von 20 bis 25 Prozent und damit etwa im selben Tempo wie der gesamte Großanlagenbau.

Auslandsgeschäft boomt

Das Gros der Aufträge kommt mittlerweile aus dem Ausland – Deutschland ist für den inländischen Chemieanlagenbau kein Kernmarkt. Zwar wurden hier zu Lande in den Jahren 2005/2006 ältere Elektrolyseanlagen auf moderne, energiesparende Verfahren umgestellt und etliche Aufträge zum Neubau mittelgroßer Raffinerie- und Chemieanlagen kamen hinzu. Doch die von den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft akquirierten Inlands-Aufträge sanken bereits 2007 deutlich um 62 Prozent und sind von Juli 2007 bis Juni 2008 nochmals um 40 Prozent auf 91 Millionen Euro (2007: 149 Millionen Euro) zurückgegangen. Ertüchtigungsvorhaben zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit bestehender Anlagen sowie kleinere Erweiterungsprojekte in der Petrochemie bildeten die Auftragsschwerpunkte. Die Exportquote hingegen liegt mit 96 Prozent (2007: 96 Prozent) deutlich über dem Durchschnitt des gesamten Großanlagenbaus (80 Prozent). Insgesamt summierten sich die Auslandsorder auf zwei Milliarden Euro, das sind 46 Prozent weniger als 2007 (3,7 Mrd. Euro). Im Zentrum der Vergaben standen Regionen mit Rohstoffvorkommen wie Nordafrika, der Mittlere Osten, Südamerika und die GUS mit einem Anteil an den Auslandsbestellungen von rund 70 Prozent. Hier wurde im vergangenen Jahr in Anlagen zur Veredelung von Erdgas und Erdöl investiert. Darüber hinaus meldeten die Unternehmen Aufträge auch aus Ländern mit einer traditionell starken chemischen Industrie bzw. mit hohen lokalen Verbrauchszuwächsen, wie etwa aus China und Russland.

Megaanlagen liegen im Trend

Großanlagen ermöglichen ihren Eigentümern aufgrund der relativ niedrigen Investitionskosten je Ausbringungseinheit eine deutliche Verbesserung der Ertragssituation („economies-of-scale“). Auch deshalb nimmt die Zahl der Megaanlagen mit wachsenden Finanzvolumina und Anlagenkapazitäten rund um den Globus zu. Die durchschnittlichen Anlagenkapazitäten zur Herstellung von Basischemikalien z.B. Ammoniak, Ethylen oder Methanol sind in der vergangenen Dekade um den Faktor zwei bis sechs gestiegen. Auftragswerte von mehreren hundert Millionen Euro im deutschen Großanlagenbau sind keine Seltenheit. In der Spitze können die Vorhaben sogar Größenordnungen von einer Milliarde Euro überschreiten. Der in der AGAB organisierte Anlagenbau nutzt die systematische Zusammenarbeit mit Partnern, um solche Auftragsvolumina zu bewältigen und die damit einhergehenden Risiken zu verteilen. Für den etablierten deutschen Chemieanlagenbau ist der Trend zu Megaanlagen ein Vorteil, da er eine Markteintrittsbarriere gegen Neueinsteiger darstellt. Nur längerfristig überlebensfähige, erfahrene und finanzkräftige Unternehmen mit Referenzen können entsprechendes Vertrauen bei Kunden und Finanziers aufbauen.

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