Engineering in China Chinesische Design-Institute auf dem Weg zu internationalem Standard

Autor / Redakteur: Gerd Kielburger / Gerd Kielburger

Wer in China Investitionsprojekte plant, der muss klar vorgegebene Spielregeln befolgen, sonst ist das Scheitern vorprogrammiert. Ohne die Begleitung Chinesischer Design-Institute geht im Reich der Mitte rein gar nichts. Warum das so ist, beleuchtete ein Informationstag der Dechema.

Firmen zum Thema

Unter Verwendung modernster Technologie betreibt das 50:50 Joint Venture BASF-YPC Co. Ltd. auf dem 220 Hektar großen Werksgelände am Jangtse-Fluss in Nanjing, China, einen Steamcracker mit einer Jahreskapazität von 600.000 Tonnen Ethylen sowie neun Downstream-Anlagen. Das Joint-Venture zwischen der BASF und SINOPEC investierte rund 2,9 Milliarden US-Dollar. Ohne die Einbeziehung chinesischer Design-Institute wäre ein solches Projekt in China schlichtweg undenkbar. Bild: BASF
Unter Verwendung modernster Technologie betreibt das 50:50 Joint Venture BASF-YPC Co. Ltd. auf dem 220 Hektar großen Werksgelände am Jangtse-Fluss in Nanjing, China, einen Steamcracker mit einer Jahreskapazität von 600.000 Tonnen Ethylen sowie neun Downstream-Anlagen. Das Joint-Venture zwischen der BASF und SINOPEC investierte rund 2,9 Milliarden US-Dollar. Ohne die Einbeziehung chinesischer Design-Institute wäre ein solches Projekt in China schlichtweg undenkbar. Bild: BASF
( Archiv: Vogel Business Media )

Wenn China erwacht, wird die Welt erschüttern. Dieser Satz, mit dem Napoléon Bonaparte einst das vermeintlich „schlafende Riesenreich“ charakterisierte, scheint aktueller denn je. Der wirtschaftliche Boom in der Volksrepublik China lockt weltweite Investoren aus der Prozessindustrie mit gewaltigen Investitionssummen. Zeitgleich suchen zahlreiche internationale Großanlagenbauer im Reich der Mitte nach profitablen Großprojekten. Doch wer in China als ausländischer Investor ein Projekt umsetzen will, der muss in jedem Fall ein Joint-Venture mit einer chinesischen Group Corporation eingehen. Diese verfügen in der Regel über eigene, dem Unternehmen angeschlossene Design-Institute. Und schon ist die Zwangsheirat perfekt.

Unterschiedliche Rollen der Design-Institute

Dabei können durch diese Anbindung an die Schlüsselunternehmen Chinesische Design-Institute (kurz CDI) im Rahmen von Großprojekten in den unterschiedlichsten Rollen entweder als Kunde, Berater (Abwicklungs-) Partner oder Unterlieferant wahrgenommen werden. Unabhängig vom Investitionsvolumen ist bei derartigen Projekten in jedem Fall bereits im Vorfeld eine Machbarkeitsstudie zu erstellen, die durch den Entscheidungsträger auf politischer Ebene genehmigt werden muss. Schon in dieser frühen Projektphase kommt eines der von der National Development and Reform Commission zertifizierten Design-Institute ins Spiel, denn nur diese sind hierzu autorisiert, erklärt Bernd Josef Leistenschneider, Vertriebsdirektor in Asien für den Anlagenbauer Lurgi. Wie der intime Chinakenner weiß, hält diese erzwungene Partnerschaft in der Regel dann auch bei der weiteren Begleitung durch alle Projektphasen. Insbesondere im Großanlagenbau ist auch beim „detailed engineering“ eine enge Zusammenarbeit zwischen dem internationalen Partner und dem chinesischen Design-Institut obligatorisch.

Bildergalerie

An den CDI scheiden sich Geister

Aber gerade an den CDI scheiden sich die Geister. Von den Einen als die großen Wettbewerber der Zukunft angepriesen, gelten Sie für Andere lediglich als lästige Zwangspartner, die doch nur Know-how absaugen wollen. Wie man es auch betrachten will, klar ist: An ihnen kommt man in China nicht vorbei, kein Projekt, bei dem ein Design-Institut nicht involviert ist.

Dabei scheint es zur Zeit aufgrund der Projektvielzahl und der daraus abzuleitenden extremen Auslastung von Engineering-Kapazitäten schwierig überhaupt chinesische Design-Institute zu finden, die seriöserweise noch einen Auftrag annehmen können. Andererseits besitzen die meisten internationalen Kontraktoren nicht die notwendigen Zertifikate (ClassA oder ClassB) zur Durchführung des Engineering Design, EPC, EIA, CPDP etc.

Hintergrund: Von den geschätzt mehr als 10.000 Design-Instituten entspricht nur eine relative geringe Anzahl internationalen Ansprüchen (Tabelle 1). Diese jedoch beurteilt Lurgi-Mann Leistenschneider als mittlerweile sehr leistungsfähig ein. Auffallend bei der Zusammenarbeit mit CDI sei die hohe Planungstiefe vor Vertragsabschluß und die daraus entstehende überwiegend planungsgenaue Abwicklung, so Leistenschneider. Insgesamt schätzt man bei Großanlagenbauer Lurgi, die vor nicht allzu langer Zeit von Air Liquide einverleibt wurden, den Umgang mit CDI auf der Basis von Importverträgen als sehr fair ein.

Trend: Detailplanung und Montage aus einer Hand

Ähnlich beurteilt das auch BASF-Ingenieur Christian Feldmann, der in unterschiedlichen Funktionen mit BASF-Projekten in China Erfahrungen sammeln konnte und die Anforderungen an Kosten- und Zeitersparnis im Anlagenbau in den vergangenen Jahren kontinuierlich steigen sah. Das Angebot an Ingenieurdienstleistungen, so Feldmann, sei in China derzeit noch sehr zersplittert mit Firmen unterschiedlichster Größe, wobei der Markt von Tochterfirmen der großen chinesischen Chemieunternehmen dominiert werde. Bei diesen Tochterfirmen lasse sich aber eine zunehmende Professionalisierung und Internationalisierung beobachten. Zugleich zeichnet sich die Entwicklung eigenständiger Engineering Unternehmen ab, die mittelfristig Detailplanung und Montage aus einer Hand anbieten werden. Feldmann zufolge wird das neue Gestaltungsmöglichkeiten für die Projektabwicklungen eröffnen. Andererseits scheinen sich bei der BASF die in den vergangenen Jahren gestiegenen Erwartungen durchaus etwas relativiert zu haben. Feldmann: „Die hohe Erwartungen bei BASF gründen nicht zuletzt auf der Zusammenarbeit mit CDI und deren konzeptionellen Beiträgen in der Planung. Doch obgleich lokale Partner als Voraussetzung für den Bau wettbewerbsfähiger Anlagen gelten, lassen sich vermutete Potenziale bislang oft nicht in vollem Umfang realisieren.“ Bei der BASF habe man die frühzeitigste Einbindung von CDI in die erweiterte Konzeptplanung bei zwei Projekten ausprobiert und jedenfalls keine signifikanten Kosteneinsparungen dadurch erhalten. Hintergründe für diesen Versuch seien unter anderem auch Medienberichte gewesen, nach denen der Anlagenbau in China 50 bis 70 Prozent günstiger sein solle als in Industrieländern. Das habe sich aber nicht in diesem Ausmaß bestätigt. Einsparungen seien lediglich in einer Größenordnung von 10 bis 20 Prozent zu erreichen. Wer höhere Kosteneinsparungen erzielen wolle, der müsse klare Abstriche an der technischen Ausstattung hinnehmen, gibt ein Teilnehmer seine Erfahrungen preis. Die Schwierigkeit vor der westliche Investoren und Anlagenbauer stehen, liegt vor allem in der Intransparenz lokaler Kosten. Viele Informationen seien einfach nicht überprüfbar. Außerdem legen chinesische Auftraggeber den Fokus auf Ingenieurkosten und nicht, wie das bei westlichen Unternehmen mittlerweile üblich ist, an den Cost of Ownership.

Als grundsätzlich positiv beurteilt werden kann dagegen die sehr hohe Planungstiefe der CDIs im frühen Anfangsstadium des Projektes, die in der Regel allerdings sehr personal- und zeitintensiv erkauft wird. Infolge dessen sinken nach Einschätzung Leistenschneiders die Risiken für die Projektabwicklung, was sich an der mehr oder weniger stabilen mitlaufenden Kalkulation darstellen läßt.

Negative und positive Erfahrungen halten sich die Waage

Negative und positive Erfahrungen mit Design-Instituten hat man beispielsweise bei Evonik Degussa zusammengetragen. Als negative Erfahrungen stellt Thomas Kuegerl, der derzeit den Bereich Verfahrenstechnik & Engineering in China für das Unternehmen leitet, vor allem die geringen Englischkenntnisse der chinesischen Partner und eine geringe Empfänglichkeit für vom Kunden gewünschte Anforderungen hervor. Zugleich, so Kuegerl, habe man feststellen müssen, dass nur sehr wenig Erfahrungen bei der Lösung von Problemen vorhanden seien, die nicht als Standardprobleme zu bezeichnen wären. Projektleiter zahlreicher Firmen klagen immer wieder über falsche Auslegung etwa des Rohrleitungsdesigns oder schlichtweg deutlich überdimensionierte Armaturen oder Kolonnen.

Beispiele wie diese zeigen, dass es in der täglichen Routine durchaus erhebliche Probleme mit chinesischen Design-Instituten gibt, an denen jedoch bislang noch kein Projekt gescheitert ist.

Wie man derartige positive und negative Erfahrungen mit chinesischen Design-Instituten auch drehen und wenden mag, der Veränderungsprozess in China ist spürbar. Im elften Fünfjahresplan wurde der Begriff scientific development eingeführt, die auf die Anhebung des Qualitätsniveaus der heimischen Industrie zielt. Gemeint ist damit der Übergang von quantitativem auf qualitatives Wachstum. Während das Thema Patentrechtsverletzung in der Vergangenheit ein ernstzunehmendes Thema war, sind heute Themen „Lernen“ und „Partnerschaft“ im Zusammenhang mit „Kooperation während der Projektrealisierung“ wichtiger.

Wichtige Gesetzesänderungen: 2007 war das „Year of the Law“

Wer in China investieren will, der hat mit einer nicht zu unterschätzenden Bürokratie zu kämpfen. Aber das Reich der Mitte gilt für die Prozessindustrie als El Dorado mit gigantischem Absatzmarkt. Kein Wunder also, das sich die Investoren aus Chemie und vor allem Petrochemie, sowie Öl- und Gasindustrie die Türklinken reichen. Das Jahr 2007 gilt bei Juristen, die sich wie der Frankfurter Anwalt Dr. Joachim Glatter mit dem chinesischen Recht auskennen, als das „Year of the Law“, ein Jahr voller neuer Gesetze, die vor allem eines zum Ziel haben: China den Weg zum Hochtechnologieland zu ebnen. Das vergangene Jahr war in der Volksrepublik China ein Jahr bedeutender Neuentwicklungen in zentralen Rechtsgebieten, die auch für China tätige ausländische oder ausländisch investierte Unternehmen von erheblicher Bedeutung sind. Ziel der Chinesen, so Glatter, sei die Förderung von Qualität statt Quantität, die sowie von „Grüner“ Energietechnik. Darüberhinaus öffnet sich das Land einerseits im Bereich des Dienstleistungssektors gemäß Chinas WTO-Verpflichtungen, um andererseits ausländische Investoren bei energie- und rohstoffintensiven Projekten zu beschränken. Glatter nennt dabei exemplarisch den neuen Lenkungskatalog, der die Kategorisierung von Projekten mit ausländischen Investitionen regelt, genauso wie das ab 1. August 2008 geltende – aber sehr schwammig formulierte – Antimonopolgesetz, das einerseits eine Verwestlichung der chinesischen Wirtschaft zur Folge habe, andererseits ausländische Unternehmen höher besteuert und in diversen Punkten einschränken werde. Änderungen hat es nach Glatter auch beim Insolvenz- sowie dem Landnutzungsrecht bei Bauland oder auch dem Arbeitsvertragsrecht gegeben. Nicht immer, so Glatter, führten die neuen Gesetze und Verordnungen zu Vereinfachungen oder Verbesserungen für westliche Investoren. Alles in allem könne man aber davon sprechen, dass diese neuen Vorgaben ausländische Investoren vor neue Herausforderung stellen, und gleichzeitig mögliche Risiken und Belastungen zu erkennen und notwendige Maßnahmen zu ergreifen.

Der Autor ist Chefredakteur von PROCESS, E-Mail-Kontakt: gerd_kielburger@process.de

(ID:248309)