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Ursachenforschung

Albtraum Anlagenstörfall – Chemieunfälle in der Prozessindustrie

| Redakteur: Tobias Hüser

(Bild: Alexander Baumbach/Fotolia.com)

Brennt es in der Chemieanlage, sind die örtlichen Medien schnell zur Stelle. Doch nachdem die ersten Eilmeldungen verstummt sind, erlahmt oft das Interesse an der Ursache. Wir wollten es genau wissen. PROCESS hat für drei Vorfälle die Störfallberichte der ZEMA analysiert.

13. August 2012, 7:00 Uhr auf dem Firmengelände von Koepp Schaum in Oestrich-Winkel: Eine TDI-Rohrleitung öffnet sich, Toluol-2,4-diisocyanat strömt in Richtung eines Plattenwärmetauschers. Die Ausgangssubstanz zur Schaumstoffproduktion soll dort gekühlt werden. 15 Minuten vergehen, dann ertönt ein Alarm. Ein Überdruckventil im Kühlwasserkreislauf spricht an, Flüssigkeit muss abgelassen werden. Aus Sicherheitsgründen stoppen Mitarbeiter die TDI-Kreislauf-Pumpe und schließen die Rohrleitung zum Wärmetauscher.

Vier Stunden später spitzt sich die Lage plötzlich zu: Temperatur und Druck im Inneren eines Isocyanat-Tanks sind stark erhöht, Dampf entweicht in das Lager. Gegen 12:45 Uhr treten Flüssigkeit und Schaum aus dem Behälter aus. Die Feuerwehr, die kurze Zeit später eintrifft, leitet erste Sicherheitsmaßnahmen ein. Die Einsatzkräfte kühlen die Tanks von außen, entkoppeln benachbarte Anlagenteile und Rohrleitungen, sperren den Gefahrenbereich ab und alamieren die Bevölkerung. Die atemwegsreizende Gaswolke aus TDI können sie aber nicht aufhalten. Sie verletzt zwei Koepp-Beschäftigte und 17 Einsatzkräfte leicht. Obwohl umliegende Wohngebiete evakuiert werden, klagen auch sieben Anwohner über Reizungen der Atemwege und werden behandelt.

Außer dem Störfall bei Koepp Schaum meldeten im vergangenen Jahr deutsche Anlagenbetreiber der Zentralen Melde- und Auswertestelle für Störfälle und Störungen (ZEMA) 25 Störfälle. Die Bilanz: insgesamt 119 Verletzte und zwei Tote. 15 dieser Unfälle ereigneten sich in Chemie-, Petrochemie- und Pharmaanlagen sowie in Lagerstätten für Chemikalien. Der technische Gesamtschaden der Störfälle belief sich laut ZEMA-Daten auf geschätzte 5,6 Millionen Euro.

Feuerwehreinsatz dauerte 4 Wochen

Die finanzielle Einbuße für den Betreiber der Koepp-Anlage fiel da noch vergleichsweise gering aus: 100 000 Euro kosteten die Reparatur des Tanks und die Beseitigung von 20 t verunreinigten TDI. Tagelang musste der havarierte Tank gekühlt werden. Erst nach über vier Wochen war der Einsatz der Feuerwehr beendet. Was für das Unternehmen finanziell aber weitaus schlimmer wog, war der Entzug der Betriebsgenehmingung durch das Regierungspräsidium Darmstadt.

In den kommenden fast sechs Monaten musste der Betrieb mit Produktionsausfällen, Kosten des Rettungseinsatzes, Gutachten und Gebühren kämpfen – laut einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Koepp-Geschäftsführer Andreas Mahler belaufen sich die Kosten auf einen „mittleren einstelligen Millionenbetrag.“ Wie die FAZ berichtet, überlebte die Schaumstofffabrik das finanzielle Desaster nur durch die Unterstützung der britischen Konzernmutter Vita. Nachdem das Unternehmen alle geforderten sicherheitstechnischen Maßnahmen umsetzte, gab das Regierungspräsidium die Wiederinbetriebnahme der Produktionsanlage am 4. Februar 2013 frei. Was bleibt, ist die Frage nach der genauen Unfallursache.

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