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Chemieproduktion gibt 7,5% nach

Zu früh gefreut: Wirtschaftsflaute der Chemie dauert an

| Redakteur: Dominik Stephan

Die anhaltende Schwächephase wesentlicher Kundenbranchen verhindert die erhoffte Trendwende zum Jahresende. Die Chemieproduktion bleibt um 7,5 % hinter dem Vorjahr zurück. Zwar soll 2020 die Talsohle durchschritten werden, doch bleiben die Herausforderungen gewaltig: Digitalisierung, Diversifizierung und Dekarbonisierung erfordern Milliardeninvestments der Branche.

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Kein gutes Jahr für die chemisch-pharmazeutische Industrie: 2019 sank der Umsatz in Deutschlands drittgrößter Branche um 5 Prozent auf 193 Milliarden Euro.
Kein gutes Jahr für die chemisch-pharmazeutische Industrie: 2019 sank der Umsatz in Deutschlands drittgrößter Branche um 5 Prozent auf 193 Milliarden Euro.
(Bild: VCI)

Frankfurt – Chemie in der Flaute: Die Hoffnungen, dass nach einer Durststrecke in der ersten Jahreshälfte die Talsohle erreicht wäre, erfüllt sich für die Chemieindustrie nicht. Zu drängend sind die Probleme in wesentlichen Kundenbranchen, allen voran der Automobilindustrie. Auch der Pharma-Sektor, 2018 dank massiver Sondereffekte noch Zugpferd der ganzen Branche, wirkt 2019 auf Normalmaß gestutzt. Wachstumseffekte aus dem Ausland? Fehlanzeige: In Europa droht der Brexit, die chinesische Wirtschaftslokomotive verliert an Fahrt und Amerikas Shalegas-befeuerter Boom kühlt merklich ab.

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Von einem „schwierigen Geschäftsjahr“ sprach VCI-Präsident Hans Van Bylen bei der Vorstellung der aktuellen Geschäftszahlen 2019. Das ist fast noch geprahlt, zeigte sich doch beim Kassensturz zum Jahresende, dass die chemische Industrie sogar unter den schon pessimistischen Erwartungen zurückbleibt: Um 7,5 % ging der Umsatz gegenüber dem bereits schwachen Jahr 2018 zurück.

Dieser Wert relativiert sich etwas, betrachtet man, dass nach dem Auslaufen eines Blockbuster-Präparats die Pharma-Produktion um 16,5 % zurückging, doch auch Polymere (-7 %) und Fein- und Spezialchemie (-4,5 %) geben deutlich nach. Schlechte Nachrichten gewöhnt ist die Petrochemie, die mit -1 % zwar im Rahmen bleibt, aber nach fast einem Jahrzehnt der Talfahrt immer noch auf Licht am Ende des Tunnels wartet.

Preisanstieg bei Chemikalien bremst den Umsatzrückgang

Lediglich Konsumchemikalien und Anorganische Grundstoffe können mit 1 % gegenüber dem Vorjahr zulegen. Und auch der Pharmasektor wird nach dem Abklingen der Sondereffekte wieder in die Wachstumsspur zurückfinden, ist sich der VCI sicher. Zwar konnten die Chemiefirmen 2019 noch einmal leichte Preiserhöhungen (bei einem um 10 % gefallenen Ölpreis von im Schnitt 64 Dollar/Barrel) durchsetzen, doch seien weitere Steigerungen nicht wahrscheinlich, so Verbands-Geschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Trotz gestiegener Preise lagen die Erlöse mit 193 Milliarden Euro 5 % unter dem Vorjahr.

Wie steht es um die Zukunftsfähigkeit deutscher Chemie-Unternehmen ? Wir haben zusammen mit Thomas Hillek, Head of Chemicals & Pharmaceuticals von KPMG, einen Blick auf die kommenden Jahre gewagt:

73 Milliarden davon – 4,5 % weniger als 2018 – kommen aus dem Binnenmarkt, 120 Milliarden aus dem Ausland. Der Exporterlös ging mit 5 % sogar stärker zurück als das Inlandsgeschäft. Wie VCI-Präsident Van Bylen ausdrückt: „Deutschland ist stärker als andere Nationen von der weltweiten Abschwächung der Konjunktur betroffen, vor allem wegen seiner Exportorientierung.“

Besser sieht es bei der Beschäftigung in der Chemie aus: Nicht nur, dass der neu gefundene Tarifabschluss den Chemiearbeitern mehr Geld auf dem Lohnzettel beschert, auch erhöhte sich die Mitarbeiterzahl in den Betrieben leicht (um ein halbes prozent) auf aktuell 464.800 Personen. Das ist der höchste Beschäftigungsstand seit 2001, so der VCI. Exakt 50.000 Arbeitsplätze sind in der Branche in den letzten neun Jahren zusätzlich entstanden.

Top 3 der Branchen mit den höchsten Durchschnittsgehältern (Bildergalerie Marktbarometer)

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Die Chemie und das Klima: Die 49-Milliarden-Frage

Einen Stellenabbau sehen weder Van Bylen noch Große Entrup auf den Sektor zukommen: Zu drängend seien die Herausforderungen, die sich aus der Digitalisierung, Produktdiversifizierung und nicht zuletzt der Forderung nach weitest gehender Dekarbonisierung ergeben. Daher steckt die Chemie schon heute zwölf Milliarden Euro im Jahr in Forschung und Entwicklung – ein Wert, der bei den Industriebranchen nur von Automobilherstellern und der Elektrotechnik getoppt wird. Und das ist nicht das Ende: Langfristig geht der VCI davon aus, das Jahr für Jahr weitere 2,5 % dazu kommen. Entsprechend sind Digitalos und Entwickler heiß begehrt, bekräftigt der VCI-Präsident. Ein wichtiger Teil der Qualifizierung finde aber auch in den Unternehmen statt. Als eine der ersten Branchen in Deutschland hat die Chemie im letzten Jahr eine Wahlqualifikation „Digitalisierung und vernetzte Produktion“ für den Ausbildungsberuf Chemikant/in eingeführt, auf die man sichtlich stolz ist.

Und da ist noch der Klimawandel: Auch wenn Evonik-Vorstandschef Christian Kullmann, der als Nachfolger Van Bylens gehandelt wird, in einem vielbeachteten SZ-Interview von „Klimahysterie“ sprach, will sich der Sektor im Jahr der Nachhaltigkeit als Musterschüler präsentieren. Quasi als Hausaufgaben hatte der VCI seine im Oktober vorgestellte Studie zur „Treibhausgasneutralen Chemie“ im Gepäck. Der Befund: Eine nahezu emissionsneutrale Chemie sei technologisch möglich. Doch dazu benötige es nicht nur massive Investitionen in eine neue Generation von Produktionsanlagen (49 Milliarden Euro hatten die Studienmacher errechnet) sondern auch satte 628 TWh elektrischer Energie – und das natürlich aus klimaneutralen Quellen. Zum Vergleich: 2017 generierten sämtliche Kraftwerke der Bundesrepublik insgesamt 654 TWh, 31 % davon aus erneuerbaren Quellen. Quasi als Kompromiss zeigt der Verband in einem Alternativszenario eine Reduktion der Emissionen um 61 % bis 2050, die mit „lediglich“ 15 Milliarden Euro und 224 TWh zu Buche schlagen soll.

Aktuell verwendet die Branche zu über 90 % fossile Rohstoffe. Bis 2050 könnte dieser Anteil auf lediglich 6 % sinken, wenn im großen Stil Power-to-X-Verfahren und chemische Recycling und Kreislaufprozesse zum Einsatz kämen. Doch auch diese benötigen – man ahnt es bereits – sauberen Strom.

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