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Exklusiv-Interview: Meilenstein Drucklufttechnik/Kompressoren

„Wir lieben anspruchsvoll“

| Autor/ Redakteur: Ulla Reutner / Dr. Jörg Kempf

Wie überlebt man als deutscher Maschinenbauer mehr als eineinhalb Jahrhunderte? „Das geht nur über Innovation und Qualität“, sagt Stephan Brand, Vice President Marketing & Produktmanagement bei Aerzen. Den Chemiemarkt hält er für besonders herausfordernd.

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„Als deutscher Maschinenbauer überlebt man nur mit einem hohen Maß an Entwicklungskompetenz.“ Stephan Brand, Vice President Marketing & Produktmanagement der Aerzener Maschinenfabrik
„Als deutscher Maschinenbauer überlebt man nur mit einem hohen Maß an Entwicklungskompetenz.“ Stephan Brand, Vice President Marketing & Produktmanagement der Aerzener Maschinenfabrik
(Bild: Aerzener Maschinenfabrik)

PROCESS: So viel Beständigkeit wie bei Aerzen ist selten, Herr Brand: seit 1864 am selben Standort und seit 1868 dasselbe Kernprodukt. Hatte die Aerzener Maschinenfabrik Glück?

Brand: Glück war sicherlich, dass Aerzen von den Weltkriegen verschont blieb, nicht zuletzt dank der Lage im Weserbergland. Und das Unternehmen konnte an diesem Standort bis heute wachsen. Die Beständigkeit des Kernprodukts Gebläse hat weniger mit Glück zu tun. Das Unternehmen wurde darauf aufgebaut. Doch über die Jahrzehnte wurde es mit etlichen weiteren Maschinentechnologien ergänzt: etwa Schraubenverdichter, Drehkolbengaszähler und Turbogebläse. Der Niederdruckbereich ist bis heute unsere Domäne.

PROCESS: Ende 2018 haben Sie Ihre Gaszähler-Sparte veräußert. Ist das als Bruch in der Unternehmensgeschichte einzuordnen?

Brand: Nein, das nicht. Letztendlich sind wir Lufterzeuger und kein Messtechnik-Anbieter. Der Gaszähler baute ursprünglich auf dem Prinzip der Gebläse auf. Das hat sich geändert. Auch der Absatzmarkt entwickelte sich anders als der unserer Kernprodukte, die zunehmend international vertrieben werden. Die Veräußerung dieser Produktsparte war daher nur folgerichtig.

PROCESS: Sie entwickeln jedoch seit einigen Jahren Steuerungstechnik. Sind Sie inkonsequent?

Brand: Im Gegenteil. Die Aggregate-Steuerung Aertronic und die übergeordnete Steuerung Aersmart ergänzen unser Angebot perfekt. Aersmart beispielsweise wurde mit Blick auf die Bedürfnisse biologischer Kläranlagen entwickelt. Dort werden drei unserer Maschinentechnologien eingesetzt: Gebläse, Drehkolbenverdichter und Turbogebläse. In Kombination werden diese den starken Schwankungen im Sauerstoffbedarf am besten gerecht. Diese maßgeschneiderte Konfiguration, die bis zu 30 % Energieeinsparung ermöglicht, nennen wir Performance³. Der Wirkungsgrad und damit die Energieeffizienz sind am höchsten, wenn sie mit einer intelligenten Maschinensteuerung wie Aer­smart koordiniert werden.

PROCESS: Gebläse und Verdichter benötigt man in den unterschiedlichsten Branchen. Auf welche fokussieren Sie sich?

Brand: Wir haben keinen Branchenfokus definiert, aber fünf Kernapplikationen. Neben der Abwasseraufbereitung sind das der pneumatische Transport von Schüttgütern, die Vakuumtechnik, Biogas und Prozessgas.

PROCESS: Das bringt mit sich, dass Sie sehr viele Branchen ansprechen. Schüttgut beispielsweise wird beim Großbäcker ebenso transportiert wie beim Waschmittel-Hersteller.

Brand: Genau. Für den Schüttguttransport liefern wir komplette Aggregate, meist an den Anlagenbauer, aber auch direkt an den Endkunden. Bei der Kern­applikation Vakuumtechnik ist der Querschnitt noch viel größer. Er reicht von Architekturglas bis zur Halbleitertechnik. Hier sprechen wir in erster Linie System­anbieter an, in deren Pumpstände unsere Vakuumgebläse integriert werden.

PROCESS: Was ist wichtiger für weiteres Wachstum: Innovationen oder die internationale Ausweitung Ihres Geschäfts?

Brand: Das ist beides gleich wichtig. Wir sind eine Exportnation, müssen also international die Potenziale ausschöpfen. Wenn ich als deutscher Maschinenbauer überleben will, das ist meine persönliche Überzeugung, geht das nur über ein hohes Maß an Entwicklungskompetenz , Qualität und Internationalisierung. Günstiger kann ich überall auf der Welt fertigen.

PROCESS: Einen nicht unwesentlichen Beitrag dürfte die Konzentration auf Wachstumsbranchen und -märkte spielen.

Brand: Das ist klar. Etwa die Abwasserreinigung: Weite Teile von Asien beginnen gerade erst, in Klärwerkstechnik zu investieren. Erstaunlicherweise gibt es auch in Amerika einen großen Bedarf dafür. Und in Westeuropa kommen viele Klärwerke in einen Lebenszyklus, der eine Modernisierung erforderlich macht. Ähnlich ist das mit unserem Angebot von Prozessluftsystemen zur Schüttgutförderung. Dank der wachsenden Weltbevölkerung boomt die industrielle Herstellung von Lebensmitteln nahezu weltweit.

PROCESS: In der europäischen Lebensmittelindustrie gewinnen Schüttgüter an Bedeutung. Man denke nur an Backmischungen und andere Convenience-Produkte. Was prägt die Marktentwicklung in Asien?

Brand: Dort ist es eher grundsätzlich die Entstehung von Lebensmittelfabriken. Doch die Standards sind völlig andere. Kaum jemand macht sich Gedanken über Staubexplosionen oder über Lebensmittelreinheit. Ölfreie High-End-Gebläse, wie wir sie in Europa absetzen, sind dort noch immer kaum gefragt.

PROCESS: Es gibt Maschinenbauer, die für Asien „abgespeckte“ Produktvarianten entwickeln. Wäre das ein Weg für Aerzen?

Brand: Auf keinen Fall. Wir fahren stattdessen eine so genannte Lokalisierungsstrategie. Das heißt, das Herz der Maschine kommt aus Aerzen. Die Zubehör-Komponenten wie Motor, Schallhaube und Grundträger kaufen wir lokal und montieren sie im jeweiligen Abnehmerland.

PROCESS: Das heißt, auch der asiatische Kunde erhält dann ölfreie Prozessluft. Machen Sie Zugeständnisse an die Explosionssicherheit?

Brand: Nein, die ist bei uns automatisch inkludiert. Denn unsere reaktiven Schalldämpfer wirken zugleich als Funkenlöscher und bieten so Atex-konforme Sicherheit. Das ist eine Philosophiefrage. Auch wenn wir lokalisieren, wollen wir die Qualitätsstandards von Aerzen wahren.

PROCESS: Welche Herausforderung bringen Anwendungen in der Chemie-Branche mit sich?

Brand: Das Spannende an der Chemie ist, dass wir dort alle unsere Produkte finden, vom Druckluftkompressor bis zum Turbogebläse. Auch alle von uns fokussierten Applikationen sind dort vertreten. Und es sind so gut wie immer anspruchsvolle Sonderprojekte. Wir mögen anspruchsvoll. Das internationale Projektgeschäft nimmt in der Chemie zu. Erwartet wird, dass wir das internationale Zusammenspiel von Endkunde, Ingenieurbüro und Anlagenbauer unterstützen. Da sitzt einer in Brasilien, der zweite in Spanien und der dritte in Deutschland. Überall dort müssen wir Ansprechpartner vor Ort haben, und zwar nicht nur im Sales und im Projektmanagement, sondern auch im Service.

PROCESS: Wie erleben Sie die Digitalisierung?

Brand: An Reaktionsgeschwindigkeiten etwa auf Angebotsanfragen gibt es heutzutage ganz andere Ansprüche. Zum Teil werden Anfragen nur noch über Portale abgebildet. Da ist viel im Wandel.

PROCESS: Ihre Maschinen generieren jede Menge Daten. Haben Sie eine Industrie-4.0-Strategie?

Brand: Industrie 4.0 sehe ich persönlich zwiespältig. Vom entstandenen Hype lassen sich viele Firmen mitreißen und machen irgendetwas. Wir dagegen haben uns zunächst gefragt: Welche sinnvollen Geschäftsmodelle gibt es überhaupt? Was bringt dem Kunden tatsächlichen Nutzen innerhalb von Industrie 4.0. Energieeffizienz und Condition Monitoring können solche Nutzenaspekte darstellen. Aus dieser Perspektive entwickeln wir zwei neue Geschäftsfelder, in denen Themen wie Data Mining und Cloud-Lösungen eine Rolle spielen. Mehr verrate ich nicht.

PROCESS: Herr Brand, ich danke Ihnen für das Gespräch.

* Die Autorin ist freie Mitarbeiterin der PROCESS.

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