Exklusiv-Interview zur Achema 2022 Wie sich die Dechema für die Zukunft rüstet

Das Gespräch führte Anke Geipel-Kern

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Neues wagen, aber dabei die bewährten Werte bewahren. Das ist das Motto des Dechema-Geschäftsführers Dr. Andreas Förster. In den letzten Jahren ist die Fachgesellschaft praxisnah und anwendungsorientiert geworden. Und es gibt noch mehr Ideen. Förster verrät im PROCESS-Interview, welche das sind.

Die leitende Redakteurin Anke Geipel-­Kern im Gespräch mit Dr. Andreas Förster.
Die leitende Redakteurin Anke Geipel-­Kern im Gespräch mit Dr. Andreas Förster.
(Bild: PROCESS )

Herr Förster, Sie haben das Amt als Geschäftsführer der Dechema mitten im ersten Coronajahr übernommen. Was haben Sie vorgefunden und wie sind Sie durch diese Zeit gekommen?

Dr. Andreas Förster: Ich habe eine tolle Organisation vorgefunden, mit viel Kreativität, viel Wissen und hervorragenden Mitarbeitern. Tatsächlich habe ich die Geschäftsführung von Dr. Kurt Wagemann aufgrund der Pandemie in einer sehr schwierigen Situation übernommen. Wir hatten den Ausfall von Veranstaltungen zu verkraften und mussten auf virtuelle Veranstaltungen umstellen. Auch die erste und mittlerweile zweite Achema-Verschiebung fiel in diese Zeit. Das ist für eine Organisation, die sich Industrie und Wissenschaft im Dialog auf die Fahne geschrieben hat, natürlich extrem schwierig: Treffen fallen aus, der Austausch fehlt. Aber wir haben schnell unsere Strukturen angepasst, sind effizienter geworden und haben es so trotz Pandemie geschafft, den Dialog aufrechtzuerhalten. Unsere Gremien- und Projektarbeit funktioniert und auch die Achema im August wird funktionieren.

Wie sehen denn diese Strukturanpassungen aus?

Förster: Wir haben unsere Organisation in zwei große Bereiche strukturiert: Zum einen in den Bereich Wissenschaft und Industrie unter der Leitung von Dr. Kathrin Rübberdt und zum anderen in den Servicebereich, den Dirk Rühl leitet. Im Bereich Wissenschaft und Industrie bündeln wir die inhaltlichen Aktivitäten in den thematisch ausgerichteten Fachbereichen. Dadurch werden wir für unsere Mitglieder und unsere Community transparenter. Durch die Vernetzung können wir sehr schnell reagieren und intern abbilden, was wissenschaftlich gerade passiert. Hier wollen wir auch neue Geschäftsfelder erschließen und werden diese z. B. mit unseren Datenbanken, Auftragsstudien oder Beratungsleistungen weiter vorantreiben.

Und wo sind Sie effizienter geworden?

Förster: Vor allem bei dem, was den Kern der Dechema ausmacht: In der Gremienarbeit, in Veranstaltungen und dem inzwischen sehr großen Projektgeschäft. Bei den Veranstaltungen sind wir dahingehend effizienter geworden, dass wir gelernt haben, virtuelle Veranstaltungen sehr gut zu organisieren. Wir zählen zu den Organisationen, die auch große Veranstaltungen hervorragend organisieren können. Wir haben hier eine extrem steile Lernkurve durchlaufen, und ich habe großen Respekt vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die das bewältigt haben. Auch die Gremienarbeit lief virtuell ab. Wir haben gelernt, Sitzungen mit einem Wechsel aus physischen und virtuellen Treffen zu organisieren, um die Teilnehmer und die Fachleute nicht nur bei der Stange zu halten, sondern auch optimalen Output zu ermöglichen.

Wofür stehen Sie als Geschäftsführer? Für Kontinuität oder Disruption?

„Wir werden den Kern der Dechema, das Netzwerk und den Transfer zwischen Wissenschaft und industrieller Praxis stärken. Dieser Austausch, und zwar in beide Richtungen, ist unser Alleinstellungsmerkmal.“ Dr. Andreas Förster, Dechema-Geschäftsführer
„Wir werden den Kern der Dechema, das Netzwerk und den Transfer zwischen Wissenschaft und industrieller Praxis stärken. Dieser Austausch, und zwar in beide Richtungen, ist unser Alleinstellungsmerkmal.“ Dr. Andreas Förster, Dechema-Geschäftsführer
(Bild: PROCESS )

Förster: In meiner zwölfjährigen Funktion als Leiter der Abteilung Forschungsförderung und Tagungen bin ich bei der Dechema sozialisiert worden. Von daher stehe ich sicher eher für das Thema Kontinuität. Aber natürlich habe ich Ideen und Visionen, wie ich die Dechema weiterentwickeln möchte. Die Überlebensfähigkeit der Organisation muss für die Zukunft sichergestellt werden und dazu gehört, dass wir unsere Prozesse analysieren und schauen, wo wir Dinge besser oder anders machen können. Für mich ist aber auch wichtig, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Das Ziel ist, auf der einen Seite zusätzliche Angebote zu schaffen, und gleichzeitig den gemeinnützigen Betrieb als e.V. aufrecht zu halten. Wir werden den Kern der Dechema, das Netzwerk und den Transfer zwischen Wissenschaft und industrieller Praxis stärken. Dieser Austausch und zwar in beide Richtungen ist unser Alleinstellungsmerkmal.

An welche Geschäftsfelder denken Sie konkret?

Förster: Wir haben sehr viel Erfahrung gesammelt und Know-how aufgebaut bei der Erstellung von Marktanalysen und Marktbeobachtungen. Und wir haben in Projekten sowie für Verbände und Organisationen Studien erstellt. Dazu gehört beispielsweise die Roadmap Chemie 2050 für den VCI, die hohe Wellen geschlagen hat. Auch das Thema Nachhaltigkeitsanalyse von Prozessen haben wir bearbeitet und uns mit der sozioökonomischen Auswirkung von Prozessen befasst. Diese Expertise haben wir nun im Portfolio von Dechema Analysis + Consulting gebündelt und bieten diese jetzt am freien Markt an. Letztlich geht es darum, unsere kommerziellen Aktivitäten zu bündeln und sichtbarer zu machen, und nicht zuletzt darum, weitere Einnahmequellen zu generieren.

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Könnten diese kommerziellen Aktivitäten auch in Ausgründungen münden?

Förster: Das ist durchaus eine Option, über die wir intern noch diskutieren. Letztendlich ist das eine strategische Entscheidung des Vorstandes.

Wie haben sich denn die inhaltlichen Schwerpunkte der Dechema geändert, seit Sie vor zwölf Jahren eingestiegen sind?

Förster: Für einen Meilenstein halte ich die Definition unserer sieben Fokusthemen: Chemie, Bioökonomie, Pharma, Medizintechnik, Energie und Klima, Wassermanagement und Rohstoffe. Dadurch können wir deutlich besser als noch zu Beginn meiner Tätigkeit den Anwendungsbezug darstellen und die Branchen ansprechen.

Wir haben aber auch sehr viele andere Themen mit aufgegriffen. Dazu gehören Power-to-X und die Transformation der chemischen Industrie sowie der gesamten Prozessindustrien hin zu erneuerbaren Energiequellen – ein momentan hoch aktuelles Thema.

Auch die Biologisierung von Prozessen spielt eine wichtige Rolle. Neu hinzugekommen sind, um ein Beispiel aus der Biotechnologie zu nehmen, Single-Use-Prozesse. Zu diesen haben wir ein Positionspapier erstellt. Für mich extrem wichtig geworden ist das Thema Circular Economy, das Schwerpunktthema des diesjährigen Tutzing Symposiums. Hier haben wir Handlungsempfehlungen für die Prozessindustrien erarbeitet.

„Es gibt Unmengen an Daten aus der Prozessindustrie, aus der Materialsynthese und vielen anderen Bereichen. Diese zugänglich zu machen, ist ein Thema, mit dem wir uns in Zukunft noch deutlich mehr beschäftigen müssen und auch werden.“ Dr. Andreas Förster
„Es gibt Unmengen an Daten aus der Prozessindustrie, aus der Materialsynthese und vielen anderen Bereichen. Diese zugänglich zu machen, ist ein Thema, mit dem wir uns in Zukunft noch deutlich mehr beschäftigen müssen und auch werden.“ Dr. Andreas Förster
(Bild: PROCESS )

Und jetzt ganz aktuell bearbeiten wir das Thema Datenmanagement und künstliche Intelligenz. Ich selbst leite das Projekt NFDI4Cat, eine groß angelegte interdisziplinäre Forschungsiniative im Rahmen des Vereins Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) e. V. Ziel ist es, eine Forschungsdateninfrastruktur für die Katalyse zu schaffen. Hier geht es um Forschungsdaten-Management und darum, Daten, die bisher unstrukturiert vorlagen, zu strukturieren und auswertbar zu machen. Es gibt Unmengen an Daten aus der Prozessindustrie, aus der Materialsynthese und vielen anderen Bereichen. Diese zugänglich zu machen, ist ein Thema, mit dem wir uns in Zukunft noch deutlich mehr beschäftigen müssen und auch werden.

Lassen Sie uns einen Blick auf das kommende Großereignis im August werfen. Die Ausläufer der Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg – welche Erwartungen haben Sie in diesen herausfordernden Zeiten an die Achema?

Förster: Natürlich ist die Unsicherheit aufgrund des Ukraine-Krieges gerade in der chemischen Industrie groß. Es fallen Märkte weg, die Diskussion um Gasimporte, Lieferstopps, Boykottdrohungen, Lieferengpässe und, und, und … Wir werden in diesem Jahr eine weniger internationale Messe sehen. Trotzdem werden die Achema 2022 und auch die Achema 2024 eine große Bedeutung haben. Das Thema Internationalisierung wird nicht verlorengehen – ich glaube nicht an die Rückkehr der Regionalität. Es wird Verschiebungen geben, und deswegen ist so eine große Leitmesse, bei der sich Partner aus der ganzen Welt treffen, umso wichtiger. Und erlauben Sie mir noch eine Ergänzung: Die Transformation der chemischen Industrie – weg von fossilen Rohstoffen – gewinnt durch den Ukraine-Krieg höhere Bedeutung. Wir erleben jetzt einen Rückschritt, weil wir wegen des Gasmangels auf Kohle oder Öl zurückgreifen müssen. Aber mittelfristig wird es einen Push geben für die erneuerbaren Energien und für die Transformation. Und dann spielen natürlich die Prozesse, die Prozessindustrie, die Anlagen und damit auch die Achema ein gewichtige Rolle.

Der Kongress ist nicht mehr ganz so akademisch ausgerichtet, wie in den Jahren zuvor, das passt nicht zu einer Achema.

In diesem Jahr holen Sie den Kongress aus dem Kongresszentrum in die Hallen zurück – warum?

Förster: Die räumliche Trennung zwischen Messegelände und Kongresszentrum verhindert die Interaktion zwischen Messebesuch und Kongressbesuch – man konnte zwischen den Vorträgen nicht eben mal schnell eine Viertelstunde die Ausstellung besuchen. Das geht jetzt und damit setzen wir auch Wünsche der Teilnehmer um. Der Kongress ist auch nicht mehr ganz so akademisch ausgerichtet, wie in den Jahren zuvor, das passt nicht zu einer Achema. Trotzdem ist und bleibt er die Bühne für die Wissenschaft und die großen Trends.

Energiewende, Defossilisierung, Wasserstoff – viele Themen, die Sie bei der Dechema bearbeiten, stehen auf der politischen Agenda. Wie sehen Sie denn die Einflussmöglichkeiten der Dechema auf Politik und Gesellschaft?

Förster: Wir sind kein Lobbyverband wie beispielsweise der VCI. Wir äußern uns forschungspolitisch, aber nicht politisch zu Themen. Wenn wir unsere Meinung abgeben, ist diese immer reflektiert und ausgewogen zwischen Forschung und Industrie – dafür stehen wir. Die Dechema hat sich in den letzten Jahren große Reputation bei der Entwicklung von Trendthemen und deren Einordnung erarbeitet, weswegen wir in Politik und Gesellschaft Gehör finden. So soll es auch in Zukunft bleiben.

Herr Förster, vielen Dank für das Gespräch

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