Anbieter zum Thema
PROCESS: Aber die politische Energiewende wird auch bei Ihren Standorten nicht ohne Auswirkungen bleiben!
Dr. Hilken: Es ist Tatsache, dass die Industriestrompreise in Deutschland im Vergleich zu Ländern wie Belgien oder Frankreich etwa 20 Prozent höher liegen. Wir, und damit meine ich die führenden Chemieunternehmen Deutschlands, haben uns auf politischer Ebene Gehör verschafft, um die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrien hier in Deutschland weiterhin zu gewährleisten. Dieses Bewusstsein und Verständnis in Politik und Gesellschaft für die Herausforderungen unserer Industrie im internationalen Wettbewerb zu schaffen, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Und man darf eines nicht vergessen: Im Umfeld der Energiewende spielen wir eine aktive positive Rolle, da wir ein Energieabnehmer mit konstantem Bedarf sind, der erheblich zur Stabilisierung der Netze beiträgt. Außerdem erzielen wir über den Dampfverbrauch Wirkungsgrade oberhalb von 90 Prozent, die sie mit herkömmlichen Kraftwerken nicht erreichen können. Wir müssen also die Bedürfnisse der Gesellschaft nach der Energiewende, aber auch unsere Bedürfnisse hinsichtlich Wettbewerbsfähigkeit in einer energieintensiven Branche zusammenbringen. Problematisch in Deutschland ist sicherlich, dass wir uns als Volkswirtschaft einen gewissen Luxus zur Mehrfachinstallation leisten. Wenn nicht genügend Wind weht oder die Sonne scheint, werden wir, bis entsprechende Speichermöglichkeiten vorhanden sind, also 2020, immer Kraftwerke vorhalten müssen. Diesbezüglich ist ein Chemiepark auch neben der Netzstabilisierung ein interessanter Partner, schließlich arbeitet die chemische Industrie intensiv an Lösungen für die Speicherproblematik.
PROCESS: Das war ein Plädoyer der Branche, aber wie sieht das im Detail für Ihre Standorte aus?
Dr. Hilken: Nun, wir betreiben Kraftwerke und sind Besitzer von Netzen innerhalb des Werkes. Gleichzeitig sind wir Großkunde. Unser Ziel muss es sein, unsere Kunden optimal zu wettbewerbsfähigen Kosten und bei höchster Verfügbarkeit mit Strom, Dampf etc. zu bedienen. Ein Chemiepark ist ein besonderes Konstrukt und darf in den Gesetzesvorhaben nicht benachteiligt werden. So hatten wir den einen oder anderen Fall aus dem Energiewirtschaftsgesetz, wo ein Standort mit Betreibermodell und vielen einzelnen Kunden gegenüber einem Einzelstandort potenziell hätte ins Hintertreffen geraten können. Darüber hinaus muss die Planungssicherheit und der Ausbau der Netze voran getrieben werden. Im Augenblick wird in der Politik der Fokus stark auf die Erzeugung von Strom gerichtet, jedoch ist der Ausbau der Netze in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten. Hier liegt eine der großen Sorgen unserer Industrie – die Qualität des Netzes. Die kurzfristigen Unterbrechungen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Ein Kühlschrank zu Hause kommt mit einer Unterbrechung von fünf Millisekunden relativ gut klar, aber in so einem komplexen Verbundstandort ist das mit Risiken behaftet.
Artikelfiles und Artikellinks
(ID:30431000)