Wasserstoff Wasserstoff mit Stammbaum? Warum Deutschland seinen Bedarf nicht (selbst) decken kann

Von Dominik Stephan

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Alle wollen Wasserstoff – aber nicht irgendwelchen: Grün soll das Gas der Zukunft sein und möglichst ohne die immense Transportinfrastruktur von Öl- und Gasprodukten auskommen. Ob das etwas wird? Eine neue Umfrage der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und der Dechema zeigen das Potenzial, aber auch die Schwierigkeiten der Technologie. Eines stünde jedenfalls schon heute fest: Der Bedarf sein gigantisch. Und: Er übersteigt die deutschen Möglichkeiten bei Weitem...

Trotz großer und kleiner Elektrolyseprojekte: Deutschland kann (und wird) seinen Wasserstoffhunger alleine nicht stillen können, zeigen Studien.
Trotz großer und kleiner Elektrolyseprojekte: Deutschland kann (und wird) seinen Wasserstoffhunger alleine nicht stillen können, zeigen Studien.
(Bild: Nouryon)

Ungewohnte Töne aus Deutschlands Wirtschafts- und Klimaschutzministerium: „Wir setzen beim Klimaschutz auf Technologien, nicht auf Verzicht", betont Staatssekretärin Judith Pirscher. Und fügt hinzu: "Grüner Wasserstoff ist deshalb ein Schlüsselelement für das Erreichen unserer ambitionierten Klimaziele. Gleichzeitig bieten Wasserstofftechnologien enorme Chancen für neues Wachstum und Exportmärkte und für gute Jobs." Diese Botschaft hört die Industrie sicher gern, doch wie glaubhaft ist das, angesichts Fantasien vom "Champagner der Energiewende" in der Bundesregierung?

Das Ministerium gibt sich jedenfalls "technologieoffen" und will die Technologien schnell marktfähig machen, wie Staatssekretär Patrick Graichen betont: "Wir brauchen einen Hochlauf von Wasserstoff in den No-regret-Anwendungen. Dafür müssen wir wissen, wie eine klug ausgerichtete und anwendungsorientierte Energieforschung aussieht, die dazu beiträgt, Technologiekosten zu senken.“ Als No-Regret-Anwendungen sind Applikationen, die positive Umwelteffekte ohne Nachteile für Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten - also solche, die man auch ohne Klimaschutz "nicht bedauern" würde.

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Denn aller Wasserstoff nutzt (zumindest in Klimafragen) nichts, wenn das Gas nicht "grün", also per Elektrolyse aus regenerativer Energie, oder zumindest emissionsneutral gewonnen werden kann. Und das ist, gerade im dicht besiedelten Deutschland mit rekordverdächtigen Strompreisen, gar nicht so einfach. Dementsprechend haben sich die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und der Chemiker-Verband Dechema in einer Studie der Frage angenommen, wie eine zukünftige Wasserstoffwirtschaft in Deutschland aussehen könnte und - wichtiger noch - wie der Weg dahin gelingen kann.

Was braucht die Wasserstoff-Wirtschaft wirklich?

Dabei wurde deutlich: Wasserstoff braucht eine Starthilfe: So sollte der der für die Wasserstofferzeugung eingesetzte Strom von staatlichen Preisbestandteilen weitestgehend befreit werden. Überdies sind nach Meinung der Befragten staatliche Zuschüsse für Wasserstoffprojekte vonnöten. Dafür, dass das eingesetzte Gas wirklich klimafreundlich ist, soll ein Herkunftsnachweis, also eine Art Stammbaum, Auskunft über die Klimaverträglichkeit geben.

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Und selbst dann bleibt die Energieerzeugung und nicht so sehr die Elektrolyse der Knackpunkt der Defossilierung: 59 Prozent der Befragten sehen die hohen Investitions- und Unterhaltskosten der Produktionsanlagen als Hemmschuh für die Wirtschaftlichkeit. Ebenfalls 59 Prozent der Befragten betrachten die unzureichenden Flächen für Erneuerbare-Energien-Anlagen als zentrales Hindernis. Darüber hinaus brauche es, um Wasserstoff als Energieträger zu etablieren, akzeptanzfördernde Maßnahmen, insbesondere für den Ausbau erneuerbarer Energien, in Bezug auf das Thema Sicherheit bei der Wasserstofferzeugung und -nutzung sowie für neue Wasserstoff-Transport-Infrastrukturen.

Als Blick in die H2-Kristallkugel nutzen Acatech und Dechema eine gemeinsame Metastudie, die laufende Untersuchungen und Strategiepapiere zum Thema Wasserstoff unter die Lupe nimmt. Eine erste Zwischenbilanz weist weist bislang Elektrolyseprojekte aus, die 2030 eine Gesamtkapazität von ca. fünf Gigawatt haben werden. Im Koalitionsvertrag hat sich die neue Bundesregierung auf ein Elektrolysekapazitätsziel von 10 Gigawatt bis 2030 verständigt.

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Wasserstoff: Sekt oder Selters der Energiewende?

Selbst das ist viel zu wenig – Selbst bei optimistischen Annahmen der Laststunden und bei Erreichen der politischen Zielsetzung, werden die bis 2030 aufgebauten heimischen Kapazitäten nicht einmal ansatzweise ausreichen, um den erwarten Minimalbedarf von etwa 50 Terawattstunden zu decken. „Nachhaltiger Wasserstoff wird in den nächsten Jahren eine knappe Ressource bleiben, die einem wachsenden Bedarf gegenübersteht“, folgerte Klaus Schäfer, Vorstandsvorsitzender der Dechema.

Bedeutet das das Aus für die Vision vom grünen Gas? Nicht unbedingt: Kaum jemand in der Industrie geht davon aus, das Deutschland den gesamten Energiebedarf für die Defossilierung sämtlicher Wertschöpfungsketten von der Wärme bis zur Grundstoffgewinnung selbst bedienen kann. Gerade Wasserstoff bzw. seine Derivate wie Ammoniak oder Methanol bieten sich als vergleichsweise gut zu transportierende Alternative an.

Außerdem ist das Gas zentraler Baustein nahezu jeder Klimaneutralen-Verfahrenstechnik vom kohlefreien Hochofenprozess bis zur Chemie ohne Naphtha. Gerade deswegen ist eine Sekt- oder Selters-Diskussion wenig zielführend: Zu preiswerter, emissionsneutraler Energieerzeugung gibt es genauso wenig eine echte Alternative wie zu bezahlbarem H2, wenn wir wirklich Klimaschutz und Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten vereinbar halten wollen.●

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