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Meilenstein Schüttgut-Prozesstechnik

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Exklusiv-Interview: Meilenstein Schüttgut-Prozesstechnik „Man muss die Rohstoffe wirklich gut kennen!“

| Redakteur: Sabine Mühlenkamp

Ob Wirbelstrom-Siebmaschine, Saugewiege-Systeme oder automatisierte Kleinstmengendosierung mithilfe von Robotertechnik: Im Laufe der letzten 70 Jahre hat Azo viele entscheidende Kapitel im Geschichtsbuch des Schüttguthandlings geschrieben. Und so soll es auch in Zukunft weitergehen.

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Rainer Zimmermann, CEO von Azo: „Das Thema Digitalisierung betrifft nicht nur die Technologie an sich, sondern auch die Organisation eines Unternehmens.“
Rainer Zimmermann, CEO von Azo: „Das Thema Digitalisierung betrifft nicht nur die Technologie an sich, sondern auch die Organisation eines Unternehmens.“
(Bild: Wühr/PROCESS)

Automatisierte Produktionsprozesse in den Bereichen Food, Pharma, Kosmetik, Chemie und Kunststoff sind die Welt von Azo. Dazu gehören auch Systeme zum Dispergieren, Mischen und Homogenisieren von flüssigen und halbfesten Produkten. Das Portfolio ist groß und besteht aus vielen Einzelkomponenten für das Lagern, Austragen, Sieben, Fördern, Dosieren und Wiegen von Rohstoffen. Alle müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein, damit die Prozesse im Fluss bleiben. Obwohl Azo viele dieser Prozesse bereits automatisiert hat, stehen in Zukunft durch die Digitalisierung neue Aufgaben im Raum. Im Interview äußert sich Rainer Zimmermann, CEO von Azo, über die spannenden Zukunftsfelder.

PROCESS: Herr Zimmermann, wo liegen die Heraus­forderungen beim Rohstoffhandling?

Rainer Zimmermann: Zuallererst mal im Produkt selbst. Die Anforderungen sind gewaltig etwa, wenn es um explosionsgefährdete oder gesundheitsschädliche Produkte geht. Andere Produkte lassen sich gar nicht fördern oder fließen zu schnell. Selbst ein und dasselbe Produkt kann sich anders verhalten, wenn sich die Umgebungsbedingungen unterscheiden. Aber wir haben immer eine Lösung gefunden.

PROCESS: Was ist der Schlüssel für eine gut laufende Anlage?

Zimmermann: Man muss das zu verarbeitende Schüttgut wirklich gut kennen. In unserer Datenbank befinden sich etwa 10 000 Rohstoffe mit den entsprechenden Eigenschaften. Aber darauf können wir uns nicht ausruhen. In Zukunft werden die Partikelgrößen sicher noch kleiner, was die Verarbeitung noch einmal schwieriger macht. Das bedeutet, dass wir in Zukunft das Partikel noch besser verstehen müssen.

PROCESS: Wie lernt man ein Schüttgut richtig kennen?

Zimmermann: Das mag jetzt überraschen. Aber wir haben tatsächlich unserer Wirbelstrom- Siebmaschine aus den 1950er Jahren viel zu verdanken. Diese Maschine hat enorm dazu beigetragen, dass wir uns sehr gut mit den unterschiedlichsten Rohstoffen auskennen. Zudem haben wir ein eigenes Schüttgutlabor, in dem wir seit Jahrzehnten Rohstoffe untersuchen und unser Verständnis über die Produkte vertiefen.

PROCESS: In welchen Branchen gibt es derzeit die größten Herausforderungen?

Zimmermann: Derzeit gehören die Herstellung von Batteriemassen, aber auch der 3D-Druck sicher zu den spannendsten Arbeitsfeldern. Um nur ein ­Beispiel zu nennen: Beim 3D-Druck sind die Kom­ponenten sehr viel kleiner als üblich, so haben einige Leitungen einen Durchmesser von nur drei Zenti­meter. Aus Sicht der Förderung ist das sehr schwierig. Dazu kommt, dass die Partikel gesundheits­schädlich sind und die Anlagen unter Argon-Atmosphäre ­gefahren werden – für den Anlagenbauer sind dies neue Voraussetzungen. Auch bei den Baustoffen wird es sicher noch einige neue Anforderungen geben.

PROCESS: Auf welche Veränderungen muss sich die Schüttgutwelt einstellen?

Zimmermann: Aus Sicht eines Anlagenbauers erwarte ich keine größeren Veränderungen. Mit Sicherheit wird die Oberflächenbearbeitung anspruchsvoller – etwa aufgrund feinerer Schweißnähte. Einige Branchen arbeiten mit immer kleineren Partikeln, teilweise sind die Partikel sogar lungengängig. Hier braucht es neue Konzepte. Aber auch die Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Rückführbarkeit werden steigen. Außerdem verändern sich die Prozesse in Richtung Losgröße 1. Viele der ursprünglich mechanischen Verfahren müssen nun automatisiert werden. Das hat natürlich Auswirkungen auf unsere Anlagen.

PROCESS: Welche Rolle werden Automatisierung und Digitalisierung künftig spielen?

Zimmermann: Unternehmen und Märkte verändern sich, aber nicht von heute auf morgen. Wir wissen, dass in Zukunft eine Transformation nötig ist, um die Digitalisierung voran zu treiben. Daher haben wir unternehmensinterne Projekte zur Digitalisierung ins Leben gerufen. Wir wollen die Durchlaufzeiten reduzieren und schneller und individueller auf Kundenbedürfnisse reagieren. Einiges haben wir auch schon umgesetzt. Mittlerweile gibt es z.B. für jede unserer Anlagen in Teilen einen digitalen Zwilling, der alle wesentlichen Informationen, inklusive Fotodokumentation, enthält. Mit der Digitalisierung von Anlagen einher gehen auch Fragen nach der IT-Sicherheit. Dieser Verantwortung müssen auch wir uns stellen.

PROCESS: Gab es schon früher Ideen für die Digitalisierung?

Zimmermann: Im Grunde hat das Thema mit der ersten SPS 1979 angefangen, auch unser Leitsystem Kastor startete ein paar Jahre später. Ebenfalls interessant: Wir hatten bereits 1984 ein Tracking- und Trace-System entwickelt, damals war die Zeit für unsere Kunden aber noch nicht reif. Nun bringen wir im nächsten Jahr ein System für die Rückverfolgbarkeit von Rohstoffen auf den Markt, das zum Teil auf den damaligen Entwicklungen beruht.

Von der Wirbelstrom-Siebmaschine bis zur Rohstoffautomation – Meilensteine in der Schüttgut-Prozesstechnik

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PROCESS: Welches sind die größten Hindernisse auf dem Weg zur Digitalisierung?

Zimmermann: Das Thema Digitalisierung betrifft ja nicht nur die Technologie an sich, sondern auch die Organisation eines Unternehmens. Gleichzeitig haben wir weniger geschulte Arbeitnehmer, spüren die globale Veränderungen und die Auswirkungen der Alterspyramide. Aber die Komplexität aller Anlagen und der dahinter stehenden Technologien bleibt nun einmal gleich. Hier müssen wir Lösungen finden.

PROCESS: Welche Rolle nimmt der Kunde auf dem Weg zur digitalen Anlage ein?

Zimmermann: Er muss natürlich dahinter stehen. Manchmal sind es aber auch ganz einfache Überlegungen, die diese Prozesse verlangsamen. Ein Beispiel: Um eine Digitalisierung voranzutreiben, benötigt man Daten, und die werden von Sensoren geliefert. Nun ist es aber so, dass jeder Sensor Geld kostet. Hier muss der Kunde bewerten, ob er von der Digitalisierung wirklich einen Vorteil hat. Dagegen wird das Thema Virtual Reality oder Augmented Reality sehr gut akzeptiert, weil man damit besser und schneller planen kann.

PROCESS: Haben Sie rund um das Thema Digitalisierung weitere Ideen?

Zimmermann: In Zukunft wird es vermehrt um die vertikale und horizontale Verknüpfung von Daten gehen. Hier helfen genormte Schnittstellen oder Plattformen zwischen den Unternehmen. Und wir haben schon vor ein paar Jahren damit angefangen, uns intensiv mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, um eine Anlage zu entwickeln, die sich selbst einstellt. Allerdings muss man eins immer wieder betonen: Das Fördern von Schüttgütern ist ein chaotischer Zustand, für den erst einmal Algorithmen entwickelt werden müssen. Hier arbeiten wir daher mit Universitäten zusammen. Die Digitalisierung gleicht also ganz sicher eher einem Marathon als einem Sprint.

PROCESS: Herr Zimmermann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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