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Meilenstein Trenntechnik

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Exklusiv-Interview: Meilenstein Trenntechnik „Jede neue Anlage ist innovationsträchtig“

| Autor / Redakteur: Ulla Reutner / M.A. Manja Wühr

Aus zwei funktionalen Business Areas wurden fünf Divisionen, darunter Liquid & Powder Technologies mit der Business Unit Chemical Technologies (BU CT). Dr. Christopher Braun, der seit 19 Jahren die Geschäfte von Gea Wiegand führt, rechnet mit klareren Verantwortlichkeiten. Die Wachstumsfelder für die thermische Trenntechnik sieht er vor allem in attraktiven Nischenmärkten.

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Dr. Christopher Braun, GF der Gea Wiegand: „Innovation ist eine stark treibende Kraft, die unsere Zukunft sichert.“
Dr. Christopher Braun, GF der Gea Wiegand: „Innovation ist eine stark treibende Kraft, die unsere Zukunft sichert.“
(Bild: Gea)

PROCESS: Bei Gea ist Einiges im Wandel. Sicherlich nicht neu ist das übergeordnete Ziel, das auf der Gea-Homepage benannt wird: erste Wahl für unsere Kunden weltweit. Leicht gesagt. Aber wie wollen Sie das erreichen?

Dr. Christopher Braun: Unsere Kunden haben hohe Ansprüche an uns. Die wollen wir erfüllen. In vielen Bereichen sind wir Markt- und Technologieführer, und das bei einem äußerst breiten Produktportfolio. Die Fähigkeit, die entsprechenden Prozesse auch zu entwickeln, macht uns mehr oder weniger einzigartig. Dazu stehen beispielsweise für trenntechnische Aufgaben mehr als zehn Process Test Center bereit. Zudem haben wir in den vergangenen fünf Jahren im Rahmen der „OneGEA“-Strategie weltweit unsere Präsenz gestärkt.

Wenn viele ein Ganzes ergeben...

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PROCESS: Was haben Ihre Kunden davon, dass es jetzt wieder fünf Divisionen statt vorher zwei gibt?

Braun: Vor allem sollten sie keine Verschlechterung bemerken. Die Zuständigkeiten sind – ähnlich wie in der Struktur vor 2015 – divisional. Unsere Division Liquid & Powder Technology entspricht nahezu der früheren Process-Division. Positiv für viele Kunden weltweit sind die gestärkten Landesgesellschaften, die erhalten bleiben. Sie haben ihr Know-how im Vertrieb und Service ausgebaut. Unsere Zielgruppe Chemie merkt das vor allem in großen Ländern wie USA oder China. Kleinere Landesgesellschaften werden – angesichts der erklärungsbedürftigen Produkte unserer Business Unit – weiterhin Spezialisten aus unseren Technologiezentren zuziehen.

PROCESS: Wo ist Gea heute im Markt der Separation positioniert?

Braun: Wir unterscheiden die thermische und die mechanische Trenntechnik, welche in erster Linie bei Gea Westfalia Separator angesiedelt ist. In der thermischen Trenntechnik können wir nahezu alle Unit Operations bedienen und komplette Prozesslinien auslegen. So kann der Kunde davon ausgehen, dass wir ihm immer das für seine Bedürfnisse geeignetste Verfahren anbieten, etwa für die Verdampfung, die Kristallisation oder die Destillation. Bei keiner dieser einzelnen Technologien sehe ich uns als Marktführer. Doch dafür können wir, anders als unsere Wettbewerber, das klassische Portfolio für Anwendungen in der chemischen Industrie mehr oder weniger komplett abdecken – als Lösungsanbieter für unterschiedlichste Produktionsprozesse. Dies gilt analog auch für andere Trenntechniken, wie für die Abluftreinigung oder Trocknung.

PROCESS: In welchen Anwendungen und chemischen Teilmärkten setzen Sie Schwerpunkte in Ihrer Wachstumsstrategie?

Braun: Mit der thermischen Trenntechnik sind wir stark in fermentativen Anwendungen wie der Herstellung von Basisstoffen für Biokunststoffe, aber auch von Lebensmittelzusatzstoffen wie Zitronensäure und Aminosäuren, die alle aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Auch, wenn es angesichts des fallenden Erdölpreises um die weiße Biotechnologie ruhig geworden ist – sie hat ein großes Zukunftspotenzial. Da die Weltbevölkerung weiterhin stark wächst, gewinnt zudem die Agrochemie an Bedeutung, insbesondere für Highend-Dünger wie wasserlösliche Phosphate (MAP). Wir bieten die nötigen Anlagen wie Verdampfer, Kristallisatoren, Sprüh- und Wirbelschichttrockner. Grundsätzlich bedienen wir in erster Linie Nischenmärkte, die sich auf das Know-how unserer Spezialisten verlassen können.

PROCESS: Profitieren Sie auch vom Trend zur E-Mobilität?

Braun: Unsere Technologien für die Trennung, Verdampfung, Kristallisation, Trocknung usw. werden zur Gewinnung von Lithiumverbindungen benötigt. So konnten wir vor Kurzem zwei Anlagen zur Spodumen-Verarbeitung an eine Lithiummine in Australien liefern. Zudem ist Gea weltweit führend in der Sprühtrocknung von Pulvern für Lithiumbatterien. Auch hier ist die individuelle Verfahrensauslegung in unseren Pilotanlagen entscheidend. Wir sind also gut positioniert, um von diesem Trend zu profitieren. Doch noch ist unklar, ob sich tatsächlich Lithium als Speichermaterial durchsetzen wird. Der Lithiumpreis ist zudem starken Schwankungen unterworfen. Angesichts der Unentschiedenheit vieler Autokonzerne in Sachen E-Mobilität ist schwer abzuschätzen, wie sich dieser Markt entwickeln wird.

PROCESS: Ist es notwendig, die Innovationsstrategie zu ändern?

Braun: Wir sind da sehr sensibel, denn Innovation sichert unseren Fortbestand. Wenn alle anderen sich weiterentwickeln, darf man nicht stehenbleiben. Sonst ist man irgendwann nicht mehr attraktiv genug. Wir müssen uns über Innovationsprozesse Gedanken machen, diese systematisieren und so strukturiert ausgeben, dass ein Effekt am Aktienkurs feststellbar ist. Das ist eine sehr starke treibende Kraft.

PROCESS: Thermische Trenntechniken sind seit Langem etabliert. Wie viel Raum gibt es noch für Innovationen?

Braun: Wir werden die Welt der thermischen Trenntechnik nicht neu erfinden. Raum für Innovation besteht aber in der Kombination bestehender Techniken sowie auf steuerungstechnischer Seite. Was heute unter Industrie 4.0 subsumiert wird, betreiben wir schon lange. Beim digitalen Zwilling gehören unsere Spezialisten zu den Vordenkern. So gelingt es, Anlagen zu Simulations- und Trainingszwecken abzubilden. Auch für den Service gibt es vielversprechende Industrie-­4.0-Ansätze. Aus meinem Blickwinkel ist all das jedoch keine Revolution, sondern eine Fortentwicklung bestehender Techniken. Das sehr interessante Geschäft der Prozesstechnik bringt mit sich, dass letztlich jede neue Anlage innovationsträchtig ist. Beispielsweise, weil man den Eigenschaften der Rohstoffe, die eine etwas andere Zusammensetzung als üblich haben, Rechnung tragen muss.

PROCESS: Auf welchen Märkten soll Ihre Business Unit weiterwachsen?

Braun: Auf allen – wir versuchen uns, den Märkten anzupassen. Werden wie vor einigen Jahren Raffinerien umgebaut, sind wir gerne mit unserer Vakuumtechnik dabei. Ebenso, als viele Stahlwerke in die Entgasung investiert haben. Die Renewables sind ein weiteres Beispiel – ein lukrativer Markt, bis die Erdölpreise drastisch sanken. Ich habe aber Hoffnung, dass sich da etwas tun wird. Dann werden wir mit unserem Know-how – von der Fermentation bis zur Kristallisation und Trocknung des Endprodukts – punkten. Wichtige Treiber resultieren aus dem Stichwort Sustainability.

PROCESS: Sie bieten auch Anlagen für die industrielle Abwasseraufbereitung an. Rechnen sich diese?

Braun: Wir können Abwasser bis hin zu Zero Liquid Discharge (ZLD) aufbereiten. Das macht Sinn für unsere Umwelt insbesondere, wenn wir Prozesswässer zurückgewinnen können. Doch das kostet Energie und muss durch den Wert der gewonnenen Ressource finanziert werden. Jedoch nehmen viele Kunden davon Abstand angesichts der nötigen Invest- und Betriebskosten. Wir müssen vielmehr die technisch und gesamtwirtschaftlich beste Lösung zur Abwasserverminderung herausarbeiten, die häufig aus Hybridprozessen resultiert, etwa durch die Kombination von Membran­anlagen mit Verdampfern. ZLD macht vor allem dann Sinn, wenn dabei Wertstoffe zurückgewonnen werden.

PROCESS: Herr Braun, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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