Weltwassertag 2021 ISOE warnt vor Übernutzung von Grundwasservorkommen

Redakteur: MA Alexander Stark

Grundwasser ist die wichtigste Trinkwasserressource weltweit. Der künftige Umgang damit wird für die Ernährung der Weltbevölkerung entscheidend sein – er betrifft sowohl die Lebensmittelproduktion als auch die Trinkwasserversorgung. Anlässlich des Weltwassertags 2021 lenkt das Institut für sozial-ökologische Forschung den Blick auf diese wichtige Ressource.

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Anlässlich des Weltwassertages am 22. März 2021 rufen die Vereinten Nationen das Motto "Valuing Water" aus.
Anlässlich des Weltwassertages am 22. März 2021 rufen die Vereinten Nationen das Motto "Valuing Water" aus.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Frankfurt am Main – Die Wertschätzung von Wasser setzt das Verständnis voraus, dass es sich bei den verfügbaren Trinkwassermengen um eine kostbare Ressource handelt. Zu wenig Beachtung findet dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) zufolge dabei bisher das Grundwasser als weltweit wichtigste Trinkwasserquelle. Grundwasser sei an vielen Orten der Welt verschmutzt, zudem werde mehr Wasser entnommen, als sich nachbildet. Das Institut untersucht, wie Grundwasser besser geschützt werden kann und lenkt damit den Blick auf den Wert der „unsichtbaren“ Ressource.

Fast die Hälfte der globalen landwirtschaftlichen Bewässerung speise sich aus Grundwasser, erklärt ISOE-Wasserexperte Stefan Liehr. Doch in vielen Teilen der Welt würden Grundwasservorräte so stark übernutzt, dass der Grundwasserspiegel drastisch sinke. Betroffen seien Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Bewässerung beispielsweise in den USA, in China, Pakistan, Indien und Nordafrika. Aber auch in Europa leeren sich die Grundwasserspeicher, etwa in Spanien oder Südfrankreich. Zugangs- und Verteilungskonflikte seien längst nicht mehr auf besonders trockene Regionen begrenzt, sogar im vermeintlich wasserreichen Deutschland kommt es vermehrt zu Nutzungskonflikten.

Insbesondere aber in trockenen und halbtrockenen Gebieten führt der extreme Zugriff auf das Grundwasser dazu, dass die sogenannten Ausgleichspuffer verschwinden. „Das bedeutet, dass Seen, Feuchtgebiete und Flüsse periodisch austrocken“, sagt Liehr, „ein Problem, das durch den Klimawandel noch verschärft wird.“ Denn steigende Temperaturen erhöhen die Verdunstungsrate, entsprechend weniger Grundwasser kann sich neu bilden. Damit steigt das Risiko für die Trinkwasserversorgung und für die Ernährungssicherung, weil die Nahrungsmittelproduktion meist auf Grundwasservorräte angewiesen ist. Ein wertschätzender Umgang mit der Ressource sei auch in Europa dringlich, sagt Liehr, „das heißt im Klartext, die Ressource muss nachhaltig bewirtschaftet werden.“

Nachhaltige Grundwasserbewirtschaftung, um Quantität und Qualität zu sichern

Eine nachhaltige Grundwasserentnahme bedeutet zunächst, nicht mehr Wasser zu entnehmen, als sich langfristig über den Wasserkreislauf neu bilden kann. Doch das Problem ist vielschichtiger, weiß Fanny Frick-Trzebitzky, ebenfalls Wasserexpertin am ISOE. „Seit Jahren haben wir anhaltend hohe stoffliche Einträge in das Grundwasser, mit teilweise unbekannten Auswirkungen auf Ökosysteme. Wir haben es also mit einem Mengen- und einem Qualitätsproblem zu tun. Daraus erwachsen Konflikte um die Ressource, zum Beispiel zwischen Landwirtschaft, Trinkwassergewinnung und Naturschutz“, berichtet Fanny Frick-Trzebitzky. Sie leitet am ISOE gemeinsam mit Robert Lütkemeier die Nachwuchsgruppe regulate, die nach Lösungen für eine nachhaltige Grundwasserbewirtschaftung in Europa forscht.

Etwa ein Viertel aller europäischen Grundwasserkörper befindet sich chemisch in einem schlechten Zustand, Nitrat spielt dabei eine entscheidende Rolle. Auch wird der ökologische Wert von Grundwasser derzeit gar nicht erfasst. „Es ist notwendig, die bisherigen Vorgaben der Europäischen Grundwasserrichtlinie zu erneuern. Daneben gilt es, den Schutz von Grundwasser auch in anderen Politiken, etwa der Agrarpolitik, zu integrieren, denn ganz offensichtlich reichen die Ansätze in der vorhandenen Form nicht aus, um die nachhaltige Nutzung der wertvollen Ressource zu garantieren“, sagt Frick-Trzebitzky. Ein Blick auf die Ursachen des Problems zeige zudem, dass der Druck auf die Grundwasserleiter nicht nur durch die Entnahme vor Ort in den sogenannten Hotspot-Regionen Europas entstehe. „Zur Übernutzung tragen auch überregionale Wirkungen bei,“ sagt Fanny Frick-Trzebitzky. „Wir sprechen hier von Fernwirkungen oder von Telekopplungen, die die Problematik noch verschärfen.“

Wertschätzung der „unsichtbaren“ Ressource Grundwasser

Beispielhaft lassen sich Telekopplungen beim virtuellen Wasserhandel zeigen. Hierbei entstehen regionale Grundwasserbelastungen aufgrund überregionaler Prozesse. So werden etwa Grundwasserkörper in Südspanien durch Wasserentnahmen sowie durch Pestizid- und Nährstoffeinträge für den Anbau von Gemüse belastet. Das Gemüse wird für den Export nach Mitteleuropa angebaut – somit gerät der Konsum von in deutschen Supermärkten gehandelten Tomaten in direkten Zusammenhang mit Grundwasserschutz in Südspanien. Das wirft auch Fragen nach der Verteilung von Entscheidungsmacht in der grundwasserschonenden Landwirtschaft auf.

Ein weiteres Beispiel für Telekopplung ist die Wasserversorgung von Ballungsräumen über Fernleitungen. Metropolregionen und große Städte kommen häufig nicht mit den Wasservorkommen vor Ort aus und beziehen zusätzliches Trinkwasser, das über Fernleitungen aus anderen Regionen eingespeist wird. Runde Tische und ähnliche Kooperationsmodelle zwischen unterschiedlichen Wassernutzern sollen den gemeinsamen Schutz von Grundwasser im Einzugsgebiet stärken, beispielsweise im Umland von Frankfurt. „Es kommt dennoch immer wieder zu Konflikten rund um die Verteilung der begrenzten, unsichtbaren Ressource und um die Frage, wie ein nachhaltiger Umgang damit gestaltet werden kann,“ sagt Frick-Trzebitzky. In der Agenda 2030 der UN ist die nachhaltige Wasserversorgung als ein zentrales Ziel verankert, um den globalen Wasserbedarf der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern. „Dieses Ziel wird aber nur zu erreichen sein, wenn auch das Thema Grundwasser und ein wertschätzender Umgang damit stärker als bisher in den Blick genommen wird.“

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