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Gase fördern als Passion

| Autor / Redakteur: Ulla Reutner / Dr. Jörg Kempf

Stetige Modernisierung und Erweiterung prägten die gesamte Aerzener Firmenhistorie. 2008 entstand beispielsweise ein effizientes Produktionscenter, das der großen Typenvielfalt gerecht wird.
Stetige Modernisierung und Erweiterung prägten die gesamte Aerzener Firmenhistorie. 2008 entstand beispielsweise ein effizientes Produktionscenter, das der großen Typenvielfalt gerecht wird. (Bilder: Aerzener Maschinenfabrik)

Wir schreiben das Jahr 1864 – Der bayerische Märchenkönig Ludwig II. besteigt den Thron. In Hamburg geht die Rohrpost in Betrieb. Lincoln gewinnt die US-Präsidentschaftswahlen. Und der 28-jährige Hannoveraner Wilhelm Meyer gründet in Aerzen eine Maschinenfabrik. Lediglich die Aerzener Maschinenfabrik ist nicht Vergangenheit. Sie wuchs. Und profitierte von Pioniergeist, Ideenreichtum, Mut und Fleiß.

Die Wurzeln der Maschinenfabrik, die sich zu einem der Hidden Champions Deutschlands entwickeln sollte, liegen sogar noch früher. Mitte der 1850er Jahre leitete Meyer bereits eine Zementfabrik im nahen Reher. Nebenbei errichtete er dort eine Landmaschinenfabrik, in der etwa 50 Arbeiter u.a. dampfbetriebene Zugmaschinen (Lokomobile) fertigten. Das Geschäft florierte. Die zweite Landmaschinenfabrik entstand 1864 in Aerzen.

Die Lage der neuen „Aerzener Maschinenfabrik Adolph Meyer“, benannt nach Wilhelm Meyers Vater, erwies sich als ideal. Dort, rund um die noch heute bestehende Gründervilla, konnte das Unternehmen wachsen – bis heute. Ihr erster Leiter war Vollblut-Unternehmer mit Sinn für Technik und offenen Augen für neue Geschäftschancen. 1867 brachte er von einer Reise nach England die Idee für eine Eisengießerei mit, die künftig in Aerzen den Bau großer Maschinen ermöglichte. Bei einem Besuch der Weltausstellung in Paris 1867 erlebte Meyer so genannte Roots-Gebläse zur Erzeugung des nötigen Luftstroms in Feldschmieden. Bereits ein Jahr darauf wurden in Aerzen ähnliche Gebläse gefertigt. Sie waren einfach gebaut – zwei zweiflügelige Holzkolben liefen in einem mit Gips ausgegossenen Fördergehäuse – und konnten mit Wasserkraft betrieben werden. Die eigene Eisengießerei, bislang über Blasebälge mit Luft versorgt, profitierte. Noch war nicht klar, dass das „Zubehör“ schon bald initial für eine lange Produktreihe werden sollte, die bis heute die Geschäfte der Aerzener Maschinenfabrik mitbestimmt.

1872 übertrug Wilhelm Meyer die Aerzener Maschinenfabrik an seine Brüder Sigmund und Emil. Zum Fabrikdirektor ernannte er den „Civilingenieur“ Heinrich Meier, der landwirtschaftliche Maschinen und Gebläse unermüdlich weiterentwickelte. Er erlangte zwölf Patente, z.B. 1883 für Dichtungsleisten für die Drehkolben. Ein erster Einschnitt in die Geschichte der florierenden Fabrik im Weserbergland war die Aufgabe der Produktion landwirtschaftlicher Maschinen. Stattdessen stieg der Absatz an Gebläsen für die wachsende Schwerindustrie. Auch komplette Schmiedeanlagen, Luftdruckhämmer, Ventilatoren etc. waren dort gefragt.

Mit Schalldämpfern und Turbos aus der Krise

Anfang des 20. Jahrhunderts – Wilhelm Muhlert hatte die Geschäftsführung übernommen – hatte die Firma wirtschaftliche Probleme. Das änderte sich mit Eintritt des damals 33-jährigen Ingenieurs Hermann Allstaedt 1907. Er brachte Kapital in die Firma ein, die forthin als Aerzener Maschinenfabrik GmbH firmierte, und übernahm zwei Jahre darauf die Geschäftsführung. In diese Ära fallen Verkaufsschlager wie Entstaubungsanlagen für Wohnhäuser. Auch die Gebläse profitierten von der Innovationskraft: etwa durch Schalldämpfer, die die Betriebslautstärke verringerten. Ein Meilenstein war der Einstieg in die Produktion von Turbogebläsen im Jahr 1911. Mit ihnen konnte man Überdrücke bis rund 600 hPa erzielen. Im Hochofen- und Stahlwerksbetrieb waren sie angesichts der zunehmenden Tagesleistungen und der benötigten großen Luftmengen den Drehkolbengebläsen überlegen.

Während des ersten Weltkriegs litt das Exportgeschäft. Doch als kriegswichtiges Unternehmen, das Rüstungsgüter zu produzieren hatte, verbuchten die Aerzener dennoch Gewinne. Auch in den Nachkriegsjahren war die Auftragslage gut. Allstaedt betrachtete die Drehkolbentechnik als Schlüsseltechnologie des Maschinenbaus. Daher förderte er die Weiterentwicklung. Eine neue Baureihe mit stärkeren Wellen, geschlossenen Radkästen und wassergekühlter Seitenplatte eignete sich für Druckdifferenzen bis gut 780 hPa.

Einen Einbruch hatte das Unternehmen in den 1920ern zu verkraften. Denn die Konkurrenz nahm zu. Mit Drehkolbenpumpen, die dick- und dünnflüssige Medien fördern konnten, begegnete man dem. Wieder wurde das Produktprogramm optimiert. Die Gebläsereihen wurden in Mittel- und Hochdrucktypen unterteilt. Wälzlager anstelle von Gleitlagern und andere Verbesserungen sorgten für einen starken Drehzahlanstieg. Vor allem aber holte sich Allstaedt 1929 zusätzliche Kompetenz: die Konstruktionsingenieure Karlheinrich Heller und Paul Grote. Dennoch waren die Folgen der Weltwirtschaftskrise unausweichlich. Viele Arbeiter mussten entlassen werden. Die firmeneigene Gießerei wurde stillgelegt, die Gussstücke künftig zugekauft.

Weltwirtschaftskrise: Spezialisierung statt Breite

Zugleich entschied sich Allstaedt, die Fertigung auf die Drehkolbentechnik zu spezialisieren. Neben Pumpen und Gebläsen wurden ab 1930 Drehkolbengaszähler ins Portfolio aufgenommen.. Dank Eichzulassung entwickelten sie sich schnell zum Erfolgsprodukt.

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Einen radikalen Einschnitt brachte der Antisemitismus mit sich. Das Bankhaus Adolph Meyer, dem bis dato noch immer 50 Prozent des Unternehmens gehörten, wurde enteignet; die Anteile gingen über die Firma Berstorff auf Hermann Allstaedt und Karlheinrich Heller, der inzwischen mit Allstaedts Tochter verheiratet war, über. 1941 schließlich übergab Allstaedt die Geschäftsführung an seinen Schwiegersohn. Mitten im Krieg begann technisch eine neue Ära: Die Aerzener produzierten Schraubenverdichter für Abgase in U-Booten. Das Prinzip war bereits 1879 von Heinrich Krigar entwickelt worden. Erstmals produzierte eine schwedische Firma, die spätere Svenska Rotor Maskiner, in den 1930er Jahren die Verdichter, die höhere Drücke als Drehkolbengebläse erreichten. Ab 1943 stellte sie die Aerzener Maschinenfabrik in Lizenz her. Karlheinrich Heller gab sich damit nicht zufrieden. Er plante neue Schraubenverdichter-Konstruktionen als Baukastensystem, die einen möglichst breiten Anwendungsbereich abdecken sollten. Das funktionierte. Der Schraubenverdichter wurde nach dem Krieg zu einem der wichtigsten Produkte des Unternehmens.

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