Berufsbild Ingenieurin Diese Frauen passen in keine Schublade: Drei Ingenieurinnen – drei Karrieren im Anlagenbau

Quelle: VTU, agk

Ingenieurinnen stechen auch im Jahr 2021 noch immer in der Männerdomäne Engineering hervor. Doch auch hier tut sich etwa – das verrät der Blick in die Praxis. Drei Ingenieurinnen plaudern aus der Schule und machen Mut für den Weg in den Anlagenbau.

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Ein Ingenieursstudium lohnt sich für Frauen in mehrfacher Hinsicht.
Ein Ingenieursstudium lohnt sich für Frauen in mehrfacher Hinsicht.
(Bild: ©Pugun & Photo Studio - stock.adobe.com)

Wochenlang wurde die Frauenquote politisch, medial und gesellschaftlich heiß diskutiert. Dabei wird der Blick auf das mittlere Management oft vergessen – wo die umstrittene Quote nicht greift. Dabei scheint die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Ingenieursbranche bisher nicht eingetreten zu sein: Lediglich rund 18 Prozent aller Ingenieur:innen auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen.

Ein Blick in das Wintersemester 2019/20 spiegelt ein ähnliches Bild: Nur ein Viertel der Studienanfänger:innen in den Ingenieurwissenschaften waren weiblich. Doch ein Wandel ist spürbar: Viele Unternehmen fördern explizit Frauen in Führungspositionen und die Branche geht diese Entwicklung mit – versucht zunehmend, Frauen für das Berufsfeld begeistern. Ein guter Moment, einen Blick hinter die Kulissen sowie in die Praxis zu werfen.

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Drei Beispiele: Ingenieurinnen berichten

Drei Ingenieurinnen des internationalen Technologiekonzerns VTU erzählten in einem Gespräch über die aktuelle, berufliche Situation in der Branche und die Erfahrungen im Laufe ihrer Karriere. Das Unternehmen mit Ländergesellschaften u.a. in Österreich und Deutschland ist spezialisiert auf die Planung von Anlagen in den Bereichen Pharma, Biotechnologie, Chemie, Metallurgie, Öl und Gas.

Eine der drei Mitarbeiterinnen ist Nora Steiner, welche in der deutschen Tochter als Head of GMP Compliance Engineering für die Region Deutschland Mitte tätig ist. Nachdem sie ihr Studium der Biotechnologie abgeschlossen hatte, fand sie aufgrund ihres Interesses an Naturwissenschaften sowie der Pharmatechnologie ihre Berufung als Ingenieurin und setzt ihr Know-how nun bei VTU ein.

Ebenso ihre Kollegin Denise Gronemeier: Nach ihrem Bioverfahrenstechnik-Bachelor war es ihr Wunsch, ihre Expertise als Ingenieurin in der Anlagenplanung einzubringen.

Schon seit vielen Jahren ist Dr. Brigitte Gübitz ein Teil des Technologiekonzerns. Nach zehnjähriger Berufserfahrung bei VTU holte die Diplom-Ingenieurin der Technischen Chemie ihr Doktorat (entspricht in Deutschland der Promotion) der Verfahrenstechnik berufsbegleitend nach und nimmt nun eine Expertinnen-Position im Risk Management ein.

Wenn das Geschlecht (k)eine Rolle spielt

Wie erleben die drei Ingenieurinnen ihren Berufsalltag? Dr. Brigitte Gübitz zeichnet ein durchweg positives Bild: „In der Pharmabranche, in der ich hauptsächlich arbeite, wird meiner Meinung nach sehr viel Wert auf respektvollen Umgang miteinander gelegt. Aufgrund meines Geschlechts wurde mir bisher noch kein Know-how abgesprochen.“

Für ihre Kollegin Denise Gronemeier hat ihr Geschlecht bei der Arbeit in manchen Situationen eine Rolle gespielt: „Ich habe keine direkte Ablehnung erfahren oder respektlosen Umgang erlebt, aber es gab Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, gerade als sehr junge Frau mehr Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, um die gleiche Akzeptanz und das Vertrauen in meine Fähigkeiten zu erhalten wie es bei männlichen Kollegen der Fall ist.“

Nora Steiner war zu Beginn ihrer beruflichen Karriere ähnlicher Ansicht, doch ihre Einschätzung dessen änderte sich im Laufe der Jahre: „Zu Beginn meiner Karriere dachte ich, dass ich mich als Ingenieurin im Vergleich zu meinen männlichen Kollegen stärker behaupten muss. Mittlerweile halte ich das aber für einen Glaubenssatz und sehe das anders. Relevant ist die fachliche Qualität meiner Arbeit und nicht, welches Geschlecht ich habe“.

Nora Steiner spricht sich deshalb auch strikt gegen eine Frauenquote aus, da eine höhere Anzahl von Frauen keinem helfe, sondern einzig und allein die Expertise zählen dürfe. Manchmal würde sie jedoch die gängigen Klischees verärgern, die ihr im Alltag begegnen: „Viele denken bei einer Ingenieurin direkt an ein maskulines Auftreten und Erscheinungsbild. Nur weil Frauen in Schuhen mit Absätzen oder mit knalligem Lippenstift auftreten, bedeutet das nicht weniger Expertise. Wir sollten alle weniger in Schubladen denken und die Leistung von anderen nicht nach dem Aussehen bewerten“.

Wandel braucht Zeit – und Bildung

Die Wurzeln von Stereotypen, strukturellen Benachteiligungen und alteingebrachten Mustern in Bezug auf klassische Rollenbilder liegen Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende zurück. Ein Wandel hin zu einer Gleichberechtigung von Frauen in allen Bereichen – auch von Ingenieurinnen – geschieht daher nicht von heute auf morgen. Während jede:r Einzelne etwas dazu beitragen kann, sei es durch gegenseitige Unterstützung, Aufklärungsarbeit und dem offenen Benennen von Ungerechtigkeiten, sind Unternehmen dazu angehalten, weiterhin und verstärkt nötige Strukturen für eine Gleichbehandlung zu schaffen. Davon profitieren sie und alle Mitarbeiter:innen gleichermaßen.

Unternehmen können mit der Förderung von Frauen nur gewinnen, weil sie häufig andere Perspektiven einbringen können und die Diversität innerhalb der Belegschaft fördern – vielfältige Teams sind bewiesenermaßen in ihrer Arbeitsweise erfolgreicher und kreativer. „Ich finde, erfolgreiche Frauen haben manchmal ein stärkeres Einfühlungsvermögen, diplomatisches Geschick sowie die ausgeprägtere Fähigkeit, Projekte zu organisieren und zu koordinieren – im Vergleich zu den männlichen Kollegen“, so Nora Steiner. Ihre Kollegin Denise Gronemeier widerspricht und sieht keine Unterschiede in den Fähigkeiten der Geschlechter.

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Sie betont außerdem, dass auf beiden Seiten – bei Männern wie bei Frauen – das persönliche Interesse und die frühkindliche Förderung beziehungsweise Prägung ausschlaggebend für die spätere Berufswahl seien: „Jeder Mensch ist individuell und hat persönliche Stärken und Schwächen. Deshalb sollte von unserer Gesellschaft angestrebt werden, dass Kinder bereits in den Schulen Naturwissenschaft und Technik hautnah erleben und erlernen können, damit sie dafür ein Interesse entwickeln und ausprägen können. Es geht primär darum, dass Frauen „wollen“ und weniger, dass sie „sollen““.

Wie so oft spielt also das Bildungswesen eine entscheidende Rolle. Nach einer Studie von TIMSS aus dem Jahr 2020 verfügen Viertklässler aus Deutschland nur über mittelmäßige Kenntnisse in Mathematik, Physik und Chemie – weit hinter anderen Wirtschaftsnationen. Mädchen schlossen dabei tendenziell etwas schlechter ab als Jungen. Das Bildungssystem hat also im internationalen Vergleich einen hohen Nachholbedarf.

Ein optimistischer Blick in die Zukunft und ein Aufruf zu mehr Mut

Auch in gegenseitigem Schulterschluss werden Unternehmen und Konzerne bereits aktiv tätig in der Förderung von Frauen: So wurde ein nationaler Pakt für Frauen aus der MINT-Branche gegründet, außerdem gibt es den seit vielen Jahren etablierten „Girls‘ Day“ und viele Betriebe stellen bei gleicher Eignung bevorzugt Frauen ein. Darüber hinaus fördern Unternehmen zunehmend ein familienfreundliches Arbeitsumfeld, damit für Mitarbeiterinnen keine Nachteile entstehen.

Denise Gronemeier von VTU sieht dies mit Wohlwollen und blickt optimistisch in die Zukunft: „Ich denke, dass es immer mehr Frauen in Führungspositionen geben wird, da das Familienmodell und die traditionellen Rollen im Wandel sind. Wenn Frauen die Chance gegeben wird, einen zeitintensiven und verantwortungsvollen Beruf mit der eigenen Familie vereinbaren zu können, werden sie auch vermehrt Führungspositionen anstreben und diese auch erreichen.“

Nach Ansicht von Dr. Brigitte Gübitz, die zudem Mutter von zwei, inzwischen fast erwachsenen, Kindern ist, lassen sich Frauen von einem Studium der Naturwissenschaften manchmal zu sehr abschrecken und animiert dazu, den Schritt zu wagen: „Vom Bierbrauen über Umwelttechnologien wie Abfallaufbereitung und Abwasserreinigung bis hin zur hoch technologisierten Pharmaproduktion – mit Biotechnologie ist ein Beruf in fast jeder Branche möglich.“ Zudem wird das anspruchsvolle Studium eines MINT-Fachs im späteren Berufsleben in der Regel belohnt.

Ein spannender Job und das Gehalt stimmt auch

Einerseits mit einem spannenden und abwechslungsreichen Arbeitsalltag und andererseits hinsichtlich der finanziellen Wertschätzung. Dem stimmt auch Dr. Brigitte Gübitz zu: „Die Bezahlung in einem Technik-Beruf liegt tendenziell eher im oberen Bereich – es lohnt sich also auch im wahrsten Sinne des Wortes.“ Der Tipp an alle künftigen Ingenieurinnen: Wenn das Interesse da ist, schlagt eine naturwissenschaftliche Laufbahn ein und bildet Allianzen.

Das Resümee fällt durchaus positiv aus: Der allgemeingesellschaftliche Wandel scheint nach und nach auch in der Ingenieursbranche angekommen zu sein und trägt erfreuliche Früchte. Hier obliegt es nun allen Akteuren, nicht nachzulassen und den Weg zur Geschlechtergleichbehandlung weiter zu beschreiten. Es bedarf nicht nur einem gesellschaftlichen Umdenken, sondern auch einer Unternehmenskultur frei von Diskriminierung sowie einer geschlechtsneutralen Wertschätzung seitens der Führungskräfte. Unternehmen wie VTU gehen hier mit gutem Beispiel voran. Ziel muss es sein, dass sich keine Frau mehr, weder in der Technik- und Industriebranche noch anderorts, strukturellen Benachteiligungen, gelebten Klischees und Schubladendenken gegenübersieht.

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