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Der Kauf von Reimelt Henschel hat Zeppelin Anlagenbau neue Märkte eröffnet

| Redakteur: Anke Geipel-Kern

Akquisitionen sind immer nur so gut, wie die Projekte, die daraus entstehen. So gesehen, hat Zeppelin Anlagenbau alles richtig gemacht, als der Konzernbereich vor gut einem Jahr Reimelt Henschel gekauft hat.

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Der Bau von Siloanlagen ist trotz der Erweiterung des Geschäftes immer noch ein wichtiger Kern des Anlagenbaus von Zeppelin Systems. (Bild: Zeppelin)
Der Bau von Siloanlagen ist trotz der Erweiterung des Geschäftes immer noch ein wichtiger Kern des Anlagenbaus von Zeppelin Systems. (Bild: Zeppelin)

Es war die größte Übernahme der Firmengeschichte des Zeppelin Industriebereiches und noch dazu mitten in der Krise. Der Coup wirkte auf den ersten Blick wie ein Handstreich, war aber von langer Hand geplant und Mosaikstein in einer langfristig angelegten Strategie. Die Rede ist vom Kauf des auf Lebensmittel- und PVC-Verarbeitung spezialisierten Apparatebauers und Engineering-Spezialisten Reimelt Henschel Anfang letzten Jahres.

Nach gut einem Jahr spiegelt sich die Übernahme auch im Namen wider. Seit letzten Monat firmiert Reimelt Henschel unter Zeppelin Reimelt und Zeppelin Industriebereich unter Zeppelin Anlagenbau, auch der Name der Leitgesellschaft hat sich von Zeppelin Silos & Systems zu Zeppelin Systems gewandelt. Die neue Namensgebung ist Teil des strategischen Konzernkonzepts, das auf Märkte und Kundenbedürfnisse fokussiert und fünf Geschäftseinheiten benennt: Baumaschinen EU, Baumaschinen International, Rental, Power Systems und Anlagenbau.

Auf das Anlagengeschäft entfällt zurzeit ungefähr zehn Prozent des Konzernumsatzes. „Das soll sich bis 2015 substanziell verschieben“, erklärt Wolfgang Horn, Geschäftsführer Zeppelin Systems. Im Klartext heißt das, die Konzernleitung setzt große Umsatzhoffnungen in die Synergien mit dem Apparatebauer aus Rödermark. Es gehe aber nicht nur um Umsätze sondern auch um eine größere Spreizung des Geschäfts und der extrem zyklischen Zielmärkte, betont Horn. „Wir wollten eine Akquisition tätigen, die zwar im Kern zu uns passt, aber einen anderen Zyklus hat, und das ist bei der Lebensmittelindustrie der Fall.“

Verbreiterung des Marktes

Traditionell ist Zeppelin Anlagenbau in der Kunststoff- und Gummibranche unterwegs und hat sich in den letzten Jahren vom Silo- zum Systemlieferanten gemausert, der dank einer umsatzstarken Konzernmutter im Rücken auch große Turn-key-Projekte für das Material-Handling bei Kunststoffherstellern und Speditionen abwickeln kann.

Das Portfolio umfasst neben Anlagen- und Silosystemen für die kunststoffherstellende Industrie, Silosysteme, Anlagensysteme für die kunststoffverarbeitende und chemische Industrie sowie die Gummi- und Reifenherstellung, wobei Zeppelin Anlagenbau dank einer konsequenten Akquisitionsstrategie heute alle Schlüsseltechnologien – das heißt Lagern, Fördern, Dosieren, Verwiegen, Mischen und Beschicken aus einer Hand bieten kann.

Bei Anlagen, die Gummimischungen für Reifen herstellen, bezeichnet sich der Geschäftsführer als Weltmarkführer. Die Wirtschaftkrise habe man natürlich auch gespürt, räumt der Geschäftsführer ein, aber einige Großprojekte und die langen Projektlaufzeiten der Kunststoffbranche haben mitgeholfen, das Gröbste unbeschadet zu überstehen. „Wir hatten noch Projektüberhänge aus den Jahren 2007 und 2008, die im letzen und diesem Jahr zum Umsatz geworden sind, sodass dadurch die Einbrüche abgefedert wurden.“

Mit Reimelt Henschel ist nun ein krisensicheres Standbein dazugekommen, was der kürzlich ausgeschiedene Konzernchef mit dem Ausspruch kommentierte, „gegessen werde schließlich immer“. Technologisch gibt es eine Menge Gemeinsamkeiten. „Es geht um Schüttguttechnik“, präzisiert Horn und verweist auf die Synergieeffekte bei den Grundoperationen, Fördern, Dosieren und Mischen, die sowohl bei der Verarbeitung von Backmischungen als auch bei der Herstellung von Kunststoffgranulaten eingesetzt werden.

Wobei die Schwerpunkte, bedingt durch die Spezialisierung auf die unterschiedlichen Branchen, durchaus anders gelagert sind. In Friedrichshafen liegt der Fokus in der Fertigung von Silos und Komponenten, auf Großsilos, das soll heißen Großanlagenbau. Im hessischen Rödermarkt hingegen sind die Produktionsstätten mehr auf Dünnblech- sowie Edelstahlverarbeitung und Spezialkomponenten für die Food-Industrie spezialisiert. Deshalb wird dort auch das neue Food-Center entstehen, dessen Kern ein Technikum für Kundenversuche ist. Im Übrigen betreibt der Lebensmittelspezialist auch eine Produktion in Tampa in Florida, wodurch der Konzern auch den Zugang zum wichtigen nordamerikanischen Markt verbessert.

Und noch ein interessantes Extra bringt Reimelt mit: die 2008 gekaufte Guth Engineering, wodurch auch Verfahrenstechnik für die Zubereitung von Flüssigkeiten etwa Blutplasma aber auch Getränken ins Unternehmen gekommen ist.

Wichtigste Mitgift des 600 Mitarbeiter starken Neuzugangs ist aber neben dem Zugang zum internationalen Markt Lebensmittelverarbeitung die starke Orientierung aufs Engineering, die laut Horn gut zu Zeppelin passt. Aber auch interessante Mischtechnologien für die PVC-Verarbeitung – Heiß-Kühlmischer, Containermischer und Turbomischer – ergänzen die Zeppelin-Technik und machen die Friedrichshafener ganz nebenbei zum Marktführer bei der PVC-Aufbereitung.

Technolologie und Finanzkraft

Dieser Nebeneffekt, sagt Horn, sei an-fangs gar nicht zu sehen gewesen, habe aber einen interessanten Markt geöffnet. Er erzählt von einem Projekt in Venezuela, dasdie dortige Regierung unter dem Slogan „Häuser für Alle“ initiiert hat und das PVC-Geschäft ordentlich ankurbeln wird. Die Häuser sollen nämlich aus PVC-Extrusionspaneelen gefertigt und anschließend mit Beton ausgegossen werden.

„Reimelt hatte in Brasilien bereits ein Vorprojekt und wir haben jetzt einen Anschlussauftrag für drei neue PVC-Compoundieranlagen erhalten“, freut sich der Geschäftsführer. Eine klassische Win-Win-Situation also, die zeigt, dass sich technologische Stärke erst mit der entsprechenden Finanzkraft im Hintergrund voll entfalten kann. Auch in Asien, wo Zeppelin lokal gut aufgestellt, sind bereits Aufträge eingegangen, die Reimelt Henschel im Alleingang wohl nicht akquiriert hätte. „Mit der Integration der Reimelt-Aktivitäten haben wir heute in China, Singapur und Indien eine schlagkräftige Truppe“, konstatiert Horn.

Selbstverständlich verfolgt auch Zeppelin wirtschaftliche Ziele, allerdings unter anderen Vorzeichen als die bishrigen Eigentümer. Denn die Friedrichshafener Zeppelin-Gruppe ist in Besitz einer Stiftung, für die Geld verdienen zwar wichtig, aber nicht das einzige Ziel ist. Nachhaltigkeit, solide und langfristige Entwicklung sind dem Unternehmen ebenso wichtig wie soziale Verantwortung.

Horn betont: „Unser Ziel ist nicht zu akquirieren, um schnellen Profit zu machen, sondern um Bestehendes – durch Integration in dasZeppelin Netzwerk – zu optimieren, Syner-gien zu realisieren und so nachhaltig den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu steigern“.

* Die Autorin ist Redakteurin bei PROCESS.

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Über den Autor

Anke Geipel-Kern

Anke Geipel-Kern

Leitende Redakteurin PROCESS/Stellvertretende Chefredakteurin PharmaTEC, PROCESS - Chemie | Pharma | Verfahrenstechnik