Exklusivinterview zur Achema-Verschiebung

Dechema schafft rechtzeitig Klarheit: „Wir wollten keine Salami-Taktik“

Seite: 2/2

Anbieter zum Thema

Freuen sich auf die Achema Pulse, wollen inspirieren und Impulse setzen – mit Themen, die die Community bewegen: die beiden Geschäftsführer der Dechema Ausstellungs-GmbH, Dr. Thomas Scheuring (links) und Dr. Björn Mathes.
Freuen sich auf die Achema Pulse, wollen inspirieren und Impulse setzen – mit Themen, die die Community bewegen: die beiden Geschäftsführer der Dechema Ausstellungs-GmbH, Dr. Thomas Scheuring (links) und Dr. Björn Mathes.
(Bild: Dechema)

PROCESS: Am 15. und 16. Juni 2021 wird es nun die „Achema Pulse“ geben. Welche Idee verbinden Sie damit?

Mathes: Zu aller erst: Die Achema Pulse ist keine Online-Messe, um die verschobene Achema im Juni 2021 digital durchzuführen. Sondern es ist ein komplett neuartiges Event, mit dem wir der Achema-Community ein einzigartiges, digitales Erlebnis präsentieren wollen, das auch unserem Markennamen und unserem Markenkern gerecht wird. Wir gehen bewusst einen anderen Weg, weil insbesondere Orientierung für die Teilnehmer auf der Plattform extrem wichtig ist. In vielen Gesprächen haben wir gemerkt, dass in Tools, die stark auf eine Visualisierung setzen, leicht die Orientierung verlorengeht. Das bedeutet, die Achema Pulse wird auf einer Plattform starten, die vom – Look & Feel – eher an eine Social-Media-Unternehmensseite erinnert, wie man sie von Facebook oder LinkedIn kennt. Wir arbeiten konzeptionell völlig anders als bei einer Digitalmesse und haben schon bei der Auswahl der Technologie eine grundlegende Entscheidung getroffen. Wir wollen keine virtuellen Messestände oder „Second Life“-Welt mit Avataren oder Ähnlichem, wo ich mich als Besucher mit einem Klick immer zehn Meter weiter vor in eine Messehalle bewege, um zum nächsten Stand zu gelangen.

Wir wollen keine virtuellen Messestände oder „Second Life“-Welt mit Avataren oder Ähnlichem.

PROCESS: Und was heißt das konkret für die Umsetzung?

Mathes: Wir werden mehrere Live-Bühnen auf dem Messegelände in Frankfurt errichten – als eine Art von Sendestudios, wo wir unterschiedliche Elemente und Formate spielen wollen. Mehrere Moderatoren werden als „Gesichter“ der Achema Pulse durchs Programm führen. Neben den unterschiedlichen Live-Bühnen, von denen wir streamen, wird es zudem eine große Zahl an parallelen digitalen Sessions geben. Auf den Live-Bühnen werden hochkarätige Sprecher zu sehen sein – wir wollen inspirieren, Impulse setzen. Es geht um Themen, die die Community bewegen, z.B. die Herausforderungen der klimaneutralen Produktion. Wir werden immer wieder Spotlights auf die Fokus-Themen der Achema 2022 setzen. Die digitalen Zusatzkanäle bieten Unternehmen die Möglichkeit, sich zu beteiligen, sei es mit einem digitalen Unternehmensprofil oder auch, um Technologien und Services zu präsentieren. Größeren Unternehmen wollen wir die Chance geben, aus ihrem Headquarter live auf der Pulse zu streamen.

Scheuring: Das digitale Format erlaubt uns eine andere Taktung als sonst bei der Live-Veranstaltung üblich. Wir können schon sehr früh morgens starten, um im asiatischen Markt zu den Geschäftszeiten präsent zu sein. Oder bis in die späten Abendstunden zu streamen, um auch Amerika abzuholen. Dieses Format bietet viele Chancen, die wir nutzen werden.

Können Sie uns schon einen thematischen Einblick in die Live-Bühnen und die Sessions geben?

Mathes: Es wird um nachhaltige Produktion gehen, um die Circular Economy. Die Circulation Innovation Zone wird Premiere auf der Achema 2022 feiern. Wir werden hier Themen aufgreifen wie „Investment in Green Technology“: Bis wann kann man klimaneutral produzieren? Und was bedeutet das? Schwerpunkt wird zudem das Thema digitale Transformation unserer Branche sein. Nicht nur bezogen auf die Produktion, sondern auch, was bedeuten Miniaturisierung, Automatisierung, Digitalisierung im Bereich des Labors? Wir werden Showcases an Bord haben, bei einer Pulse wird es Gäste im Studio in Frankfurt geben. Es wird sehr, sehr interaktiv werden. Auf der anderen Seite widmen wir uns natürlich auch den „Standard-Themen“ der Community. Im Bereich der Fluid-Verfahrenstechnik oder der Verpackungstechnik sowie Pharma 4.0 greifen wir typische Themen auf, die die Branche umtreiben, bis hin zur Arbeitssicherheit, also Themen, die auch im Kongressprogramm stattfinden. Insgesamt werden wir auf der Pulse sehr anwendungsorientiert unterwegs sein.

Rübberdt: Ein Highlight wird die Achema Innovation Challenge zur Digitalisierung in der Prozessindustrie sein. Dabei haben Studierende, Young Professionals und Start-ups sowie universitäre Arbeitsgruppen die Chance, ihre Ideen und ihr Können an industriellen Fragestellungen während eines Hackathons zu erproben. Auf der Pulse wird dann das Finale nebst Siegerehrung stattfinden. Außerdem nehmen wir Formate aus dem Kongressprogramm als Highlight-Sessions mit auf. Wir beleuchten Themen wie Chemical Recycling und Wasserstoff. Auch da wird es darum gehen, aufzuzeigen: Was ist die Vision dahinter? Wo soll das Ganze hin? Was sagt der Praktiker dazu? Wir wollen untersuchen, wo die Branche bei diesen großen Themen, die auch teilweise sehr gehypt werden, tatsächlich derzeit steht.

PROCESS: Welche Erwartungen haben Sie als Veranstalter an das Digitalevent?

Mathes: Ich bin überzeugt, dass wir mit der Achema Pulse einen sehr sichtbaren und auch nachhaltigen Impuls in der Community setzen.

Scheuring: Wir wollen natürlich viele bereits angemeldete Aussteller davon überzeugen, dass es sich auch lohnt, bei der Achema Pulse als Aussteller dabei zu sein. Und wir werden weltweit mit dem, was wir können, ein Trommelfeuer erzeugen, um auf der Anmelder- und Teilnehmerseite möglichst viele zu überzeugen.

PROCESS: Werden wir ihrer Auffassung nach wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren?

Mathes: Wir glauben nicht, dass es jetzt Messen im Corona-Edition-Modus gibt und wir, wenn die Pandemie vorbei ist, wieder zum Zustand von 2018 zurückkehren. Messen werden sich wandeln. Und da gehören digitale, hybride Merkmale dazu. Ich erwarte im Messeumfeld Neuerungen – momentan wird viel ausprobiert, von dem einiges sicher auch wieder fallen gelassen wird. Trotzdem werden die großen Leitmessen weiterhin ihre Berechtigung haben.

Messen werden sich wandeln. Und da gehören digitale, hybride Merkmale dazu. Trotzdem werden die großen Leitmessen weiterhin ihre Berechtigung haben.

PROCESS: Was macht sie da so sicher?

Mathes: Viele Menschen sind sich während der Pandemie bewusst geworden, dass digital viel geht. Aber viele Dinge sind digital auch schwierig, z.B. die Akquisition von Neukunden. Wir sprechen in der Prozessindustrie über kapitalintensive und erklärungsbedürftige Investitionsgüter. Ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Käufer und Verkäufer gehört einfach dazu. Ein weiterer wichtiger Punkt: Es geht Unternehmen auch darum, für den Kunden ein Erlebnis zu schaffen und auf einer Messe zu präsentieren, wo man sich vom Wettbewerb abhebt.

PROCESS: Welche Lerneffekte haben Sie aus der Krisensituation mitgenommen?

„Wirklich beeindruckt haben mich das Potenzial und die Kreativität unserer Mitarbeiter.“ Dr. Kathrin Rübberdt leitet die Abteilung Biotechnologie und die Kommunikationsabteilung der Dechema.
„Wirklich beeindruckt haben mich das Potenzial und die Kreativität unserer Mitarbeiter.“ Dr. Kathrin Rübberdt leitet die Abteilung Biotechnologie und die Kommunikationsabteilung der Dechema.
(Bild: Dechema)

Rübberdt: Wirklich beeindruckt haben mich das Potenzial und die Kreativität unserer Mitarbeiter: Was an Ideen eingebracht und welche Energie und Eigeninitiative aufgebracht wurden, war wirklich enorm. Ich möchte als Vertreterin der Dechema e.V. in dieser Runde unsere Ehrenamtlichen nicht vergessen. Trotz der Mehrarbeit durch Produktionsumstellungen in den Betrieben sind uns die Industrieexperten treu geblieben. Auch die Fachleute aus den Hochschulen mussten virtuelle Formate entwickeln und haben uns gleichzeitig weiter unterstützt. Bei allem Negativen und der Hektik in den letzten Monaten waren das insgesamt sehr schöne Erfahrungen.

Mathes: Bei der Dechema pflegen wir schon lange ein offenes und vertrauensvolles Führungsmodell. Unsere Mitarbeiter haben uns in der Krise durch ihre Aktivität, ihre innovativen Ideen und kreativen Fähigkeiten viel zurückgegeben. Ich bin sehr, sehr stolz auf unsere Mitarbeiter in der Dechema Austellungs-GmbH, wie sie diese Phase mit immer wieder neuen Änderungen angegangen und sich selbst eingebracht haben. Das bestärkt uns darin, dass wir mit unserer Personal- und Mitarbeiterführung auf dem richtigen Weg sind.

Scheuring: Einen Gedanken möchte ich noch hinzufügen. Krisen haben oft die Eigenart, Gutes, aber auch Schlechtes zu verstärken. Wir haben in unserem Unternehmen einen besonderen Teamspirit gespürt. Wir halten zusammen, auch wenn es einmal schwieriger wird. Wir haben von einem Tag auf den anderen die Mitarbeiter gebeten, aus dem Homeoffice zu arbeiten. Und wie dann jeder mit den Herausforderungen, die auch im privaten Umfeld auf die Kollegen zugekommen sind, umgegangen und über sich hinaus gewachsen ist – das alles waren Erfahrungen, die sehr beglückend waren.

PROCESS: Frau Dr. Rübberdt, Dr. Scheuring, Dr. Mathes, herzlichen Dank für das Gespräch.

(ID:47026315)