Prozessautomatisierung

„Autonome Wertschöpfungsketten in der Prozessindustrie sind machbar“

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Welche technischen Entwicklungen werden in den nächsten Jahren die größten Wirkhebel für die Prozessindustrien bringen?

Dr. Otten: Aus meiner Sicht sicherlich die Modularisierung. Durch Modularisierung lassen sich Investitionskosten senken, die Geschwindigkeit der Einführung neuer Produkte erhöhen (Time to Market verkürzen) und die Produktion flexibilisieren. Wir folgen damit in der Prozessindustrie nur einem logischen Trend anderer Industrien. Auf der einen Seite setzt sich die Modularisierung langsam bei Pilotanlagen und Kleinproduktionen durch, zum anderen werden bei Großanlagen immer mehr Module in Form von Package Units zugekauft, so dass das individuelle Anlagenengineering auf den Kernprozess konzentriert wird.

Ist der Open Automation-Ansatz und vor allem sein Umsetzungshorizont nicht viel zu ambitioniert und wie bewerten Sie den Ansatz grundsätzlich?

Dr. Otten: Auch hier folgen wir ja einem logischen Industrietrend, z.B. in der Luftfahrt, zu offenen standardisierten Schnittstellen. Von daher unterstützen wir die Initiative. Hierzu habe ich kürzlich ein Memorandum of Understanding für eine Entwicklungspartnerschaft mit der Open-Group unterschrieben. Unsere Ansätze Namur-Open-Architecture (kurz NOA) und Module Type Package (kurz MTP) passen in diese Strategie und liefern wichtige Bausteine, auch für Übergangsszenarien. Den Umsetzungshorizont der Open-Group halte ich allerdings für sehr ambitioniert, aber wir müssen ja nicht immer auf die perfekten Lösungen warten.

Noch relativ wenige Owner Engineers fordern vom EPC den digitalen Zwilling ein. Dabei scheint das ein zentrales Element in der Digitalisierung zu sein. Warum ändert sich das nicht, sind die Engineering-Tools nicht der Schlüssel für weitere Wertschöpfungsketten?

Dr. Otten: Das ist richtig. Auch im Asset Lifecycle (Lebenszyklusprozess einer Anlage) zeigt sich das Problem, dass das Prozessverständnis über der gesamten Asset Lifecycle von der Produkt-/Verfahrensentwicklung über das Engineering bis in den Betrieb, die technische Anlagenbetreuung, in vielen Firmen noch nicht vorhanden ist, sondern die Denke in einzelnen Funktionen vorherrscht. Den wahren Wert eines standardisierten digitalen Zwillings erkennt man erst, wenn man den Asset Lifecycle betrachtet. Ein Beispiel, wir haben auch in der Vergangenheit digitale Zwillinge gebaut, z.B. wenn wir virtuelle Anlagen-Simulatoren (Virtual Plant Simulator; VPS) entwickelt haben. Dazu wurden die Anlagenstrukturen aufwändig in der für diesen Zweck entwickelten Software integriert. Mit dem standardisierten Datenmodell, welches aus der Verfahrensentwicklung und Engineering gefüttert wird und automatisiert in das VPS-Tool geladen wird, reduzieren wir den Aufwand und erhöhen die Qualität. Wenn wir das Datenmodell auch im Betrieb nutzen und weiter pflegen, habe ich in meinem Trainingssimulator immer das aktuelle Abbild der Anlage, was den Pflegeaufwand enorm reduziert und die Akzeptanz von Trainingssystemen erhöht. Spätestens wenn wir Augmented-Reality-Anwendungen einsetzen wollen, wird die Notwendigkeit eines durchgängigen, standardisierten Datenmodell/digitalen Zwillings offensichtlich.

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Was erhoffen bzw. erwarten Sie sich über die Implementierung des 5G-Standards?

Dr. Otten: Hier sehe ich den Hauptvorteil wieder in der Automatisierung unserer Supply-Chain, z.B. Track and Trace, da die flächendeckende Kommunikation mit ausreichender Datenrate gewährleistet wird.

Kann die Namur im Kontext der digitalen Transformation weiter nur auf die EMR-/Elektrotechnik-Ingenieure fokussieren oder müssen Sie hier nicht deutlich mehr bzw. andere Berufsgruppen einbinden?

Dr. Otten: Einige Schnittstellenthemen, denen wir uns öffnen, sind ja schon angesprochen worden – Logistik, IT, Datenmanagement. Diese Kompetenzen sind heute schon in unseren Arbeitskreisen vorhanden. Worauf es daher ankommt, ist die interdisziplinäre Kompetenz. Ein nicht unerheblicher Anteil der Mitarbeiter in den Arbeitskreisen sind z.B. Physiker. Die Automatisierung in Prozessindustrie integriert sich zunehmend mit der Anlagenplanung. Die Zahl der Verfahrensingenieure in der Automatisierung nimmt ebenfalls zu. Die Namur hat den Anspruch, für die Mitgliedsfirmen und Mitarbeiter einen Mehrwert zu generieren. Von daher ist die Logik, dass wir im Vorstand genau diese Felder identifizieren, in denen ein relevanter Mehrwert generiert wird. Seit zwei Jahren diskutieren wir in unser Strategiesitzung im Januar unser „Portfolio“ und definieren Maßnahmen zur Weiterentwicklung. Dazu gehört insbesondere die Frage, wo wir in unseren Mitgliedsfirmen die geeigneten Kompetenzen finden, die wir in der Namur zusammenführen. Dabei konzentrieren wir uns, wie gesagt, aber auf die Felder der Digitalisierung, in denen wir einen langfristigen, nachhaltigen Mehrwert sehen, Modularisierung (MTP), Asset Lifecycle Datenmanagment, neue (vertikale) Architekturen (NOA, Open-Architecture) und Supply Chain. Bis auf die Supply Chain sehe ich uns bei in diesen Feldern gut aufgestellt.

Herr Dr. Otten, vielen Dank für das Interview.

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