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Seniorexperten gesucht Weil Wissen nicht in Rente gehen darf

| Autor/ Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Anke Geipel-Kern

Mitarbeiter im Ruhestand reaktivieren, um Wissen und Kompetenzen im Unternehmen zu bündeln: Das ist das Geschäftsmodell der Senior Experts mit Sitz in Essen. Seit rund zwei Jahren vermittelt diese Tochter von Thyssenkrupp pensionierte Fach- und Führungskräfte an Unternehmen im Konzern. Das machen auch andere Unternehmen so oder in ähnlicher Weise: Der demografische Wandel treibt sie ebenso an wie der Wunsch, Know-how zu erhalten bzw. weiterzuvermitteln. Moderne Werkzeuge wie Augmented oder Mixed Reality helfen dabei.

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Wissen darf nicht in Rente gehen: Mitarbeiter im Ruhestand reaktivieren, um Wissen und Kompetenzen im Unternehmen zu bündeln - das ist Ziel der Senior Experts GmbH von thyssenkrupp.
Wissen darf nicht in Rente gehen: Mitarbeiter im Ruhestand reaktivieren, um Wissen und Kompetenzen im Unternehmen zu bündeln - das ist Ziel der Senior Experts GmbH von thyssenkrupp.
(Bild: thyssenkrupp)

Derzeit beschäftigt sich eine Reihe von Konzernen mit den Vorteilen, die die Einführung einer Senior-Experten-Organisation bietet – beispielsweise bringen diese Mitarbeiter langjährige Erfahrung mit und kennen das Unternehmen. Vor allem auch: Sensibles Know-how bleibt im Haus und wird nicht via externer Berater – die von Unternehmen zu Unternehmen wechseln – an den Wettbewerb weitervermittelt.

Das war auch der Ausgangspunkt bei Thyssenkrupp: „Der Konzern verfügt über ein sehr hohes und über Jahre gewachsenes Know-how, allen voran im Bereich Engineering. Doch immer mehr erfahrene Mitarbeiter nehmen ihre speziellen Fähigkeiten mit in den Ruhestand und können nur schwer durch neue Fachkräfte ersetzt werden. Der demografische Wandel wird diese Situation in den kommenden Jahren noch verschärfen.

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Es musste daher ein Weg gefunden werden, wertvolles Wissen im Unternehmen zu behalten“, erläutert Marc Münstermann, einer der beiden Geschäftsführer von Senior Experts. Die Statistik ist da sehr konkret: 2020 wird es hierzulande 18,3 Millionen Menschen über 65 Jahre geben. Das sind über eine Million mehr als 2015.

250 Senior Experts in der Datenbank

Grundsätzlich ist die Idee, ältere Experten auch nach deren Start in die Rente weiter zu beschäftigen ja nicht ganz neu – man bietet solchen Mitarbeitern einfach einen Beratervertrag an. Warum jetzt das Konzept einer GmbH? Münstermann: „Seit der Novellierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes ist es schwieriger geworden, Freiberufler zu beschäftigen, auch wenn es sich um pensionierte Mitarbeiter handelt. Die Gründung einer eigenen Gesellschaft, der die offizielle Lizenz zur Arbeitnehmerüberlassung von der Agentur für Arbeit erteilt wurde, war daher der beste Weg, um die Beschäftigung rechtssicher zu gestalten und den ganzen bürokratischen Aufwand an einer Stelle zu bündeln.“

Seit der Gründung des Unternehmens im Oktober 2017 haben sich rund 250 Mitarbeiter gemeldet und werden mit ihrem Expertenwissen in einer Datenbank gelistet. thyssenkrupp-Unternehmen mit einem konkreten Bedarf können sich bei der Tochtergesellschaft melden. Diese sucht Experten mit einem entsprechenden Profil aus, stellt den Kontakt zwischen den Beteiligten her und begleitet den Senior Expert während der Einsatzphase. „Von diesen Experten sind aktuell etwa 100 ehemalige Mitarbeiter wieder für uns aktiv“, berichtet Münstermann.

Der Blick in den Expertenpool zeigt: Es finden sich Spezialisten aus allen Bereichen des Unternehmens, da sind erfahrene Projektmanager, Einkäufer und Vertriebsmitarbeiter ebenso wie der Meister mit Montageerfahrung. Nicht zuletzt ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter aus der Forschung und Entwicklung. Der älteste Experte ist 82 Jahre alt. „Nicht das Alter zählt, sondern die Fitness des Experten und dessen Einstellung zur Arbeit.“

Learning 'by doing'

Die Beschäftigung eines solchen Experten auf Zeit ist die eine Form, Wissen im Unternehmen zu halten. Wie aber vermittelt man unmittelbar Wissen eines älteren Mitarbeiters an einen jüngeren Kollegen? Münstermann: „Daran knobelt die Wissenschaft ja schon seit langem. Aus meiner Sicht ist es schwer, Wissen ausschließlich in einem Dokument zu hinterlegen.

Wie soll man die Erfahrung eines Inbetriebnehmers auf der Baustelle als Text erfassen? Will sagen: Der Nachwuchs, der jüngere Mitarbeiter sollte eine gewisse Zeit mit dem erfahrenen Know-how-Träger zusammenarbeiten und so dessen Wissen quasi ‚by doing‘ aufnehmen.“ Das funktioniere schon deshalb besonders gut, weil der Senior Experte keinen Grund hat, sein Wissen für sich zu behalten. Er erfährt vielmehr eine hohe Wertschätzung für das Weitergeben seines Erfahrungswissens.

In ähnlicher Weise funktioniert das bei Evonik: Mit dem „GenerationenPakt“ hat das Unternehmen bereits 2014 eine Maßnahme ins Leben gerufen, die eine bessere Personalplanung ermöglicht. Der GenerationenPakt funktioniert wie eine Brücke der Generationen: Die Älteren gehen mit einem langen Vorlauf geplant in den Ruhestand, und der Nachfolger kann passgenau ausgebildet werden. Somit ist durch eine gute Personalplanung der Wissenstransfer gewährleistet.

Wie ist das Feedback bei Thyssenkrupp nach zwei Jahren Praxis? Die internen Abteilungen bei ThyssenKrupp, die solche Experten beschäftigen, seien froh, auf diese erfahrenen Experten für die erfolgreiche Projektarbeit zurückgreifen zu können – teilweise sind das ja Mitarbeiter, die schon zuvor bei dieser Abteilung gearbeitet haben und somit das über Jahre aufgebaute Netzwerk mitbringen. Die Senior Experten seien in aller Regel ebenso begeistert und berichten, dass sie in ihrer neuen Rolle ein hohes Maß an Wertschätzung genießen. Und sie schätzen zudem die Freiheit, einfach Nein sagen und einen Auftrag ablehnen zu können...

Betriebstrainer für den Nachwuchs

Erfahrungswissen ist nun mal am schwersten zu vermitteln – es ist zudem noch ganz besonders verlustanfällig, weil es sich im schlimmsten Fall im Kopf einer Einzelperson befindet.

Die BASF in Ludwigshafen hat dazu die Funktion des ‚Betriebstrainers‘ bei den Schichtarbeitern geschaffen. Das sind vorwiegend Facharbeiter und Meister mit langer Betriebszugehörigkeit. Aber auch jüngere Produktionsmitarbeiter mit exzellenten Anlagenkenntnissen gehören dazu. Sie sollen dafür sorgen, dass das Wissen der Schichtarbeiter im Unternehmen gehalten wird. Mit Unterstützung des Fraunhofer IPK wurde darüber hinaus ein pragmatisches Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe kritische Wissensträger in Produktionsstätten identifiziert und strukturiert interviewt werden. Basierend auf dem Leitfaden ‚Wissen erfolgreich bewahren‘ wurde ein an die Bedürfnisse der BASF spezifisch angepasster Interviewleitfaden ausgearbeitet. Dieser ermöglicht es, erfolgskritische Wissensbestandteile bei zentralen Wissensträgern mit relativ geringem Aufwand zu erfassen und für eine strukturierte Übergabe an weitere Personen oder die Betriebsdokumentation zu überführen.

Wie wertvoll das Wissen der Beschäftigten in der Produktion ist, zeigt ein anderes Beispiel. Der Reifenhersteller Michelin in Bad Kreuznach geht in der Instandhaltung neue Wege der Dokumentation. Der Hintergrund: Gehe ein Mitarbeiter in Rente, brauche der Nachfolger zwei bis drei Jahre in seiner Tätigkeit, bis er voll operativ und kompetent sei, so die Erfahrung. Weil so viel Zeit oft nicht bleibt, fand Michelin einen eigenen Dreh für den Wissenstransfer: Eine Kamera für Videodokumentationen. Statt sich nur mündlich auszutauschen und Berichte zu verfassen, filmen die älteren Mitarbeiter die Kniffe, mit denen sie Anlagen warten und in Ordnung bringen. Die Filme halten jeden noch so kleinen Arbeitsschritt und wichtige Geräusche fest. Die Kamera wird am Helm befestigt oder ein Teamkollege dreht. Die Vorteile: Auch sehr routinierte Arbeitsschritte und sogar wichtige Geräusche werden festgehalten. Dass man eine Schraube beispielsweise oftmals anschlagen muss, bevor man sie löst, ist für viele so selbstverständlich, dass sie es nicht notieren würden.

Wissen konservieren mit Mixed Reality

Moderne Tools wie Augmented Reality oder Mixed Reality gehen noch einen Schritt weiter: 3spin schlägt zum Konservieren von Fachwissen Mixed Reality vor; es vermittle Wissen nicht abstrakt, sondern im realen Kontext. Praxisbeispiel: Bilfinger Digital Next hat ein „Industrial Tube“ entwickelt, um das im Laufe der Jahre erworbene Wissen zu erfassen, zu sichern und weiterzugeben. Die Plattform stellt sicher, dass das Video eine sehr gute Qualität hat und mit jedem Gerät gefilmt werden kann.

Anschließend stellt die dahinterstehende Software alle Sequenzen zusammen und finalisiert den Clip. Automatisch werden Untertitel generiert und das Video in der richtigen Kategorie gespeichert. Der Clou dabei: Die Videos werden von den Mitarbeitern selbst erstellt. Hierfür nehmen sie beispielsweise Arbeitsabläufe oder Tipps zur Arbeitssicherheit mit einer Smartphone-App oder einer Datenbrille auf. Die App dazu hat 3spin entwickelt.

Expert Debriefing

Verlässt der ältere Mitarbeiter das Unternehmen endgültig? Dann gilt es, durch ein ‚Expert Debriefing‘ rechtzeitig eine geordnete Übergabe des Wissens an jüngere Mitarbeiter zu organisieren. Expert Debriefing wird von Cogneon als Dienstleistung (in drei Ausbaustufen) und als Train-the-Trainer-Konzept angeboten.

Basis des organisierten Wissenstransfers ist die ‚persönliche Wissenslandkarte‘: Auf welche Arbeitshistorie blickt der ausscheidende Mitarbeiter zurück, welche Aufgaben und Positionen hatte er, in welchen Wissensgebieten konnte er Know-how aufbauen? Nachdem das alles zunächst systematisch erfasst wurde, lassen sich geeignete Maßnahmen ableiten, um das für das Unternehmen unverzichtbare Wissen auf andere Mitarbeiter zu übertragen, so der Anbieter.

Natürlich haben auch andere Dienstleister das Thema für sich entdeckt: „Wisr“ ist eine Jobplattform für Spezialisten und Unternehmen, die flexible und erfahrene Arbeitskräfte suchen. Das Unternehmen vermittelt seit Mai 2019 auch in Deutschland Jobs an sogenannte Senior Talents ab 59+. Die Registrierung auf der Plattform ist für Arbeitssuchende kostenlos. Unternehmen können zahlreiche Recruiting-Tools wie ‚Active Sourcing‘ nutzen sowie klassische Jobinserate schalten. Derzeit zählt Wisr mehr als 4000 registrierte Nutzer, davon über 3800 Senior Talents und rund 300 Unternehmen.

Fazit: Unternehmen profitieren von der Flexibilität reaktivierter Mitarbeiter auf Zeit und auch von deren Bereitschaft, Wissen an den Nachfolger mündlich oder per digitalem Tool weiterzugeben. Was aber motiviert Senioren, sich als Berater oder Senior Expert über den Rentenbeginn hinaus weiter zu engagieren? Abgesehen von der hohen Wertschätzung für die reaktivierten Mitarbeiter haben diese ganz einfach Lust aufs Arbeiten. „Es gilt als Privileg, im Alter noch arbeiten zu können“, sagt Heribert Engstler vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in einem Spiegel-Bericht. Wer gesund und gut qualifiziert sei, der werde gebraucht. Und wer gebraucht werde, müsse sich nicht alt fühlen. Der Autor dieser Zeilen (66) stimmt Engstler hier voll zu...

* Der Autor ist freier Mitarbeiter bei PROCESS.

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